Beitrag
von Nordlicht
#2
Hallo, liebe Freunde !
Um es gleich vorweg zu nehmen: es war ein toller, keineswegs verschwendeter Abend, dieser 4. November im Linzer „Posthof“. Ursprünglich sollte er ja bereits am 25. Oktober stattfinden, mußte aber wegen eines totalen Stimmverlustes des Künstlers verschoben werden. Die Karten behielten, wie üblich bei solchem Anlaß, die Gültigkeit, und so war auch bei diesem Nachhol- Termin der große Saal völlig ausverkauft.
Bei der Ankunft am Veranstaltungs- Ort das übliche Bild bei einem Söllner- Konzert: ein vollständig gemischtes, sehr buntes Publikum, das vom jugendlichen Rasta bis zum gesetzten Herrn mit Wohlstandsbäuchlein reichte, von der Punkerin bis zur top- gestylten Geschäftsfrau. (Bitte bemerken: Ich zähle mich zu keiner der vorgenannten Kategorien… dies nur zur Klarstellung !) Auch die Stimmung war wie gehabt: locker- gelöst. Was (positiv) auffiel, war das völlige Fehlen jeglicher Staats- Gewalt. Vielleicht gehen die Österreicher ja wirklich ein wenig entspannter mit diesem „Freistaat- Feind“ um als die sich doch so gern als liberal gerierenden Bayern…
Um 20 Uhr jedenfalls war der Saal dann bis auf den letzten Platz besetzt, doch trotz der pünktlich einsetzenden „Hansi, Hansi…“- Rufe verging noch das berühmte „akademische Viertelstündchen“, in dem die ca. 4–5 jährige Tochter eines Roadies lässig die Bühne inspizierte. Dann bewegte sich der schwarze Vorhang, auf dem - ebenfalls ein gewohntes Bild - der äthiopische Löwe die Wacht hielt. Und dann, völlig unprätentiös, trat er auf: Hans Söllner, Lieblingsfeind deutscher Staatsmänner und der bayerischen Justizorgane. Rechte Hand die Gitarre, links einen roten Din-A-4- Ordner, offensichtlich mit Griff- Tabellen und Texten. Die Haare nicht mehr ganz Rasta- Look, aber auch noch nicht wilde Mähne, setzte er sich auf den bereitstehenden Stuhl, der neben 2 Monitor- Boxen, einem Mikrofon, einem Gitarrenkoffer und einer Flasche Wasser die gesamte Möblierung der Bühne darstellte, und begann sofort mit „A Drecksau bleibt a Drecksau“. Bereits, als der Refrain „Hitler, Bush, Blair – international…“ ertönte, brandete der erste Beifall auf und ließ erkennen, daß man, zumindest meinungsmäßig, hier unter sich war. Nach dem ersten Titel dann die Begrüßung, in der Söllner sich über sich selbst wunderte, weil er sich nicht daran erinnern konnte, wann er bislang ein Konzert ohne jegliche Ansprache sofort mit einem Lied begonnen hatte. Nun, zumindest bis zum nächsten Titel sollte noch ein gerüttelt Maß an Zeit vergehen, denn zuerst referierte er über die Verhältnisse in Deutschland, über „Angie“ und „Gerd“, über die Zustände in den Pariser Vororten, die er bereits vor Jahren vorhergesagt habe und die er auf Dauer auch für andere Länder und Städte vorhersagte. (Wie sang er in „Babylon“ ? „…Babylon muaß brenne, weil´s freiwillig net geht…“ – Wobei Babylon für die Rastafari die Welt „da draußen“ bedeutet…) Das große Thema des Abends aber war nicht die Politik, nicht die Polizei, nicht die Justiz, es war die Vogelgrippe und seiner Sorge um die „Henderl“, die aufgrund ominöser Gesetzgebungen in Haft genommen werden und die, soviel ist klar, Söllner nur als eine Art Ablenkung von den Themen betrachtet, die die Menschen wirklich interessieren sollten: Gewalt gegen Kinder, Legalisierung von Hanf, Freiheit…
Leider habe ich keine „Set- List“ erstellt, was ohnehin nicht recht sinnvoll wäre: Zu sehr sind die Auftritte individuell, kein Gig gleicht dem anderen, ist abhängig von Tagesform und Lust des Künstlers. Somit steht er natürlich im Gegensatz zu „etablierten“ Künstlern, deren Konzerte sich teilweise bis auf die Worte der Überleitungen gleichen wie ein Ei dem anderen. Das macht den Reiz aus – birgt aber andererseits das Risiko, daß sich der Künstler teilweise in sich selbst verliert. Auch Söllner findet beim Linzer Auftritt nicht immer den Faden wieder, den er bei ausholenden Erläuterungen hin und wieder verliert, kommt mitten im Satz auf ein anderes, für ihn ungleich wichtigeres Thema, um das Publikum letztlich immer wieder zu ermuntern: Geht auf die nächste Polizei- Wache, laßt Eure Personalien dort, dann sind sie schon mal da, wenn die Staats- Macht sie braucht. Verfolgt Polizei- Autos, und wenn ihr gefragt werdet, warum, dann sagt, daß ihr grad Zeit habt. Und, letztlich doch „roter Faden“ des Abends: laßt die Henderl frei !
Die Erklärungen werden immer wieder unterbrochen durch Bekanntes wie „Auf der ganz´n Welt is Kriag“, aber auch durch relativ Unbekanntes wie das Stück von dem Schüler, der sich vor den Augen von Lehrer und Klassenkameraden aufhängt. Dieses Stück hörte ich zum ersten Mal anläßlich des „Reichenhall- Open- Airs“ im Juli 2005 als Reggae- Version. Im Solo- Kleid wirkt es bald noch eindringlicher und steht den Schul- und Schülerliedern eines Herrn M. aus B. wirklich in nichts nach, gerade weil es aufgrund der relativ „harten“ Sprache eines Söllners um so intensiver wirkt.
Nach guten 80 Minuten kommt dann ein „Servus – pfüat Eich !“ und der Hansi geht von der Bühne wie er auftrat. Natürlich kann es das nicht gewesen sein, „Zugabe !“- Rufe werden laut, und schon ist der Künstler zurück in seinem Wirkungskreis. Und erst jetzt kommt das, auf das die meisten im Saal wohl gewartet haben, der „alte Kram“ nämlich. Da fehlt die Revoluzzer- Hymne „Hey, Staat !“ („…heit sag Dir I amoi was I ois tu für Di…“) genausowenig wie das Loblied auf „Edeltraud“, die „…a sauguats Gros o´baut…“. Und der Saal singt, brüllt, grölt begeistert mit. Erst hier, im Zugabenteil, zeigt sich letztlich der Söllner, den seine Fans lieben, dem sie an den Lippen hängen.
Nach rund 140 Minuten dann geht der Abend mit dem neuerlichen Abgang Söllners von der Bühne und den Klängen von Bob Marleys „No women, no cry“ dann endgültig zu Ende.
Und das Fazit ? Er hat es immer noch in sich: das Feuer, den Widerspruch, den Rebellen. Und doch wirkt er abgeklärter als früher, ruhiger fast, manchmal gar sanft. Bei aller Geneigtheit fällt aber auch auf, daß er in Teilen lustlos wirkt, unkonzentriert, wenn nicht sogar resigniert. Auf seine Gerichtsverhandlung am 15.12. hat er zwar hingewiesen, der Name seines Erz- Rivalen Beckstein jedoch fiel kein einziges Mal. Er wird in wenigen Wochen 50 Jahre alt und ist vierfacher Vater – vielleicht ein Grund, das Laute, das Obszöne zumindest ein wenig hintan zu stellen. Denn ein alter Rebell wirkt letztlich nur noch melancholisch…
Trotz allem: kein verlorener Abend, sondern einer voller Unterhaltung und Musik. Wer noch die Chance hat, Söllner solo zu sehen, sollte sie nutzen ! Übrigens: im ganzen Verlauf des Abends roch es nur zweimal nach etwas „G´scheitm zum rauch´n…“, dafür dann aber sehr intensiv – und überhaupt nicht unangenehm…
:-)
In diesem Sinne viele liebe Grüße aus Oberösterreich von
ANDREAS.
(…der sich nunmehr auf das Ende diesen Monats und damit dann auf den Auftritt von Klaus Hoffmann in Frankfurt/M. freut, obwohl das nun gänzlich das Gegenteil sein wird…)
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Ja, ich hab' einen Traum von einer Welt
und ich träume ihn nicht mehr still:
Es ist eine grenzenlose Welt,
in der ich leben will!
(''Ich hab' einen Traum''/ Konstantin Wecker)