"Die neuen Lieder des Bodo W." - Mein Bericht vom "Ausprobierkonzert"

Am 21. Oktober 2019 gab Bodo Wartke vor 120 Zuschauern auf dem Hamburger Theaterschiff sein Ausprobierkonzert mit neuen Liedern und Texten. Ich war dabei und berichte.

Bodo Wartke ist der Gentleman-Entertainer am Flügel. Das Publikum schätzt ihn als Chansonnier und virtuosen Pianisten ebenso wie als wandlungsfähigen Schauspieler und charmanten Conférencier.

Der Kabarettist gab 19-jährig, am 16. November 1996, sein erstes abendfüllendes Konzert und schaut auf eine 20 Jahre währende Künstlerkarriere zurück.

Die ganze Bandbreite seines Könnens dokumentieren fünf Klavierkabarett-programme Ich denke, also sing' ich (1998), Achillesverse (2003), Noah war ein Archetyp (2006), Klaviersdelikte (2012) und Was, wenn doch? (2015); das Programm Swingende Notwendigkeit mit The Capital Dance Orchestra und das Solo-Theaterstück König Ödipus (2009), dem im April 2018 Antigone, gemeinsam mit Melanie Haupt, folgte.

Quelle: Webseite Bodo Wartke Stand 13.06.2018 | Die Fotos für das Banner und Forum wurden von der offiziellen Webseite übernommen
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Viktor
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"Die neuen Lieder des Bodo W." - Mein Bericht vom "Ausprobierkonzert"

#1

Beitrag von Viktor » Mi 23. Okt 2019, 12:41

Spoiler-Alert: Der Beitrag mag womöglich oberflächlich Inhalte zum zukünftigen neuen Programm vorwegnehmen. Ich werde allerdings keine großen Pointen nacherzählen, sondern eher etwas zu Themenbereichen und Herangehensweisen sagen.

Hallo Bodo-Fans,

als ich vorgestern beim Hamburger Theaterschiff Platz nahm, dachte ich nicht, an dem Abend noch „Atemlos durch die Nacht“ oder auch „Wir sind echte Kanacken und zerlegen dich, Punk“ aus Bodo Wartkes Mund gesungen zu hören – aber lasst mich vorne beginnen.

===============

Als Benefizkonzert für Sanierungsarbeiten am besagten Theaterschiff gab es dieses Konzert unter der Überschrift Die neuen Lieder des Bodo W.: Ein Ausprobierkonzert: 120 Leute in einem engen Raum und Bodo für alle ganz nah.


Ausprobierkonzert?
Ich hatte keine Ahnung, was man sich unter einem Ausprobierkonzert vorstellen sollte: Von einem fast fertigen neuen Programm bis zu wenigen unsortierten Liedern völlig ohne dramatischen Aufbau oder Konzertfeeling hätte ich mir alles vorstellen können. Die Wahrheit lag irgendwo dazwischen und das war für eingefleischte Fans sicherlich sehr interessant, aber alles auch ausgereift genug für ‚Ersttäter‘ im Konzert. Bodo sprach viel über den Entstehungsprozess an sich und das Angewiesensein auf Feedback. Manche Beiträge könnten sich thematisch überlappen, deshalb müsse er ein Gespür entwickeln, was es sich lohnt, beizubehalten. Textzettel und Notenzettel gaben dem Künstler Halt.
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Oberthema: Wandel
Zu Beginn hieß es gleich, dass sich die thematische Ausrichtung in Bodos neuen Stücken gewandelt hätte, nämlich auch in Richtung Gesellschaft, Politik, Relgion: „Themen von denen ich vorher dachte, sie sind nicht so wichtig wie Liebeskummer.“ Das ist keine große Überraschung nach den Stücken, die er so zwischendurch in letzter Zeit online präsentiert hat. So gab es z.B. auch ‚Hambacher Wald‘ als zweites Lied des Abends zu hören oder ‚Es wird Zeit‘ in der zweiten Konzerthälfte. Das Stichwort Wandel solle jedenfalls auch das Leitmotiv des Programms werden und irgendwie in den endgültigen Titel einfließen: Das Publikum bekam zwei entsprechende Arbeitstitel zur Gewinnung eines Stimmungsbilds zur Auswahl. Favorit war Wandelmut. Ich persönlich habe das Gefühl, dabei handelt es sich immer noch nicht um einen Volltreffer.


Vor der Pause - Religionskritik und Vorlese-Beiträge
Das Thema Religion erhielt in beiden Konzerthälften viel Raum. In der Moderation vor dem neuen Stück ‚Heilige Schriften‘ verglich Bodo etwa die Grundlagen der Buchreligionen mit Betriebssystemen. Da sind die Verfasser sozusagen Softwareentwickler. Und zu Wahrheitsanspruch und Rückschrittlichkeit der Extremisten hieß es zynisch: „Bleibt nur eines - alle Menschen müssen bekehrt werden, wieder auf MS-DOS umzusteigen, notfalls mit Gewalt.“

„Es ist erstaunlich wenig Musik heute Abend“ sagte Bodo einmal. Das stimmte zumindest für die erste Hälfte, denn da gab es zunächst eine Anhäufung von kurzen Gedichten, dann einen Dialog über Religion und schließlich einen ungereimten Prosatext.
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Die Gedichte wurden allesamt als ‚Shorties‘ bezeichnet, denn sie sind kurz und oft wortspielbasiert. Von ihnen könnten einige vielleicht oder vielleicht eben auch nicht vertont werden, je nach Feedback. Bei diesem Ausprobieren zündeten manche wirklich nicht – kurz danach wurde dann aber belacht, wie doch aufrichtiges Feedback unvermeidlich ist. Viele aber waren richtig originelle Kracher, etwa an die Tiergedichte zurückerinnernd.

Im Dialogbeitrag kam wieder das Thema Religion auf, denn er sollte zwischen ‚Gott‘ und ‚Jahweh‘ spielen – ‚Allah‘ lasse sich entschuldigen, aber wurde oft erwähnt. Das Stück ging neuneinhalb Minuten und wirkte, als hätte sich Bodo viel Religionskritik von der Seele geschrieben, teilweise mit lockeren Wortwitzen, teilweise aber auch bitterernst: „Sag mal, sind deine Anhänger eigentlich auch so schlimm homophob? Komisch, nicht wahr? Wir haben die Vielfalt erschaffen, aber die Idioten können nur die Einfalt akzeptieren.“

Der Prosatext war vergleichsweise lockerer und in seiner Absurdität extrem lustig, allerdings auch über ein Thema, das Bodo wirklich am Herzen zu liegen scheint, nämlich Raucher und Nichtraucher.

Nach diesem streckenweisen Mangel an Musik gab es vor der Pause aber einen ordentlichen Ohrwurm, denn Helene Fischers ‚Atemlos‘ hat von Bodo einen eigenen Text erhalten, der der Originalstimmung doch sehr gegenläufig ist und so für viele Lacher sorgte.


Nach der Pause - Rap und klassische Musik
Nach der Pause erschien Bodo in ganz anderem Outfit – und selbst zur Frage der Kleidung holte er sich eine Publikumsmeinung ein. Ich füge dem Beitrag ein paar Fotos bei und ihr könnt euch selbst ein Bild machen. Jedenfalls: „Die waren beide teuer.“
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So wie in der ersten Hälfte ‚Regen‘ mit neuem Text vorgetragen worden war, um das Thema Klimawandel zu inkorporieren, so gab es nach der Pause auch für vom Cajón-Rap ‚Insekten‘ eine neue Version, Stichwort Bienensterben und so.
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Aber nicht aller Rap ist gleich: Das Gangsta-Rap-Genre hat es Bodo nämlich angetan. Gleich vier Auszüge aus beliebten Stücken dieser Gattung trug er mitsamt ihren problematischen Inhalten vor und spann die Prämisse zu Ende, dass die Künstler das doch alles gar nicht ernsthaft so meinten, wenn etwas den Anschein von Frauenfeindlichkeit oder Menschenverachtung hätte. Aus Moll wird dann Dur und es folgt nach „Wir zerlegen dich, Punk“ die Umdichtung: „Ich trag‘ Verantwortung, Alter, ich hab‘ Vorbildfunktion / Ich bin selber früher mal vor Gewalt gefloh'n.“

Bodo ist Vater eines dreieinhalbjährigen Sohnes, verriet er (was mir neu war). Aus dieser Perspektive habe er alte Liedtexte auf ihre Eltern-Kind-Beziehungs-Tauglichkeit geprüft und spielte so ein witziges Medley alter Stücke mit leichten Umdeutungen. Man stelle sich vor, dass auf ‚Dein Duft‘ abrupt ‚Probleme, die ich früher noch nicht hatte‘ folgt und die Story schreibt sich fast von selbst.

Schließlich gab es in der zweiten Hälfte auch noch Klassik-Adaptionen.
Als Instrumentalstück - in der Herangehensweise wie einst ‚Alla Turca‘ und ‚Facile‘ - bekam nun ‚Eine kleine Nachtmusik‘ das Wartke-Treatment.
Aber auch hat er Klavierstücke mal wieder mit Text versehen, ähnlich wie mit dem Bach-Präludium über Sehnenscheidenentzündung im alten Programm. So existiert nun ein Wartkesches ‚Für Elise‘ mit Text, das gesungen erstaunlich gut klang und mit seinem Klavierspieler-Inhalt passend witzig war. Und als Abschluss vor der Zugabe bekamen wir die ‚Mondscheinsonate‘ mit einem Text über den Mond, bei dem für meinen Geschmack erstaunlich viel gelacht wurde (etwa als Mond-Fakten aufgelistet wurden), denn eigentlich fand ich die Stimmung ganz ernsthaft und besinnlich.

Als Zugabe gab’s ‚Ja, Schatz!‘, ein kurzes altes Tiergedicht und schließlich die Einladung, Bodo am Tresen auf einen Klönschnack oder individuelles Feedback zu treffen.
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Mein Fazit
Ich habe an dem Abend viel gelacht und gestaunt über Bodos Kunst zu texten. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, an einem besonderen Konzert teilzunehmen, einerseits wegen des kleinen Rahmens, andererseits wegen der ständigen Erarbeitungs-Perspektive. Hintergründe zur Entstehung zu hören oder nach Feedback gefragt zu werden oder so leicht unsortiert verschiedene Songs zu ähnlichen Themen präsentiert zu bekommen – das ist doch etwas anderes, als wenn der Künstler einen fertig durchdachten Spannungsbogen ausbreitet und schon schlanke stimmungsförderliche Moderationen bereit hat.

Bei allen Vorlesebeiträgen, Umdichtungen alter Stücke, Betextungen von klassischer und Popmusik konnte man vielleicht ich einen Mangel an eigenen Kompositionen verzeichnen. Die Handvoll, die es zu hören gab, fiel eher in die Protestsong-Sparte und gefiel mir gut – aber irgendwie vermisse ich auch gefühlvolle Stücke wie früher ‚Das Motiv‘ oder all das Liebeskummer-Zeug wie ‚An Dich‘ oder ‚Alles auf Anfang‘. Aber eigentlich vermisse ich es nur, wenn ich drüber nachdenke. Im Augenblick des Konzertes war ich mehr als gut unterhalten – und man darf gespannt sein, welche Elemente noch zum wirklichen neuen Programm hinzuwachsen werden.

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Ich hoffe, mein Bericht hat euch Lust gemacht, bei nächster Gelegenheit (mal wieder?) zu Bodo ins Konzert zu gehen: Vorverkauf für viele Konzerte des neuen Programms 2020 läuft schon.

Viele Grüße
Viktor
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Zuletzt geändert von Viktor am Mi 23. Okt 2019, 13:37, insgesamt 1-mal geändert. Dieser Beitrag enthält 1335 Wörter


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Re: "Die neuen Lieder des Bodo W." - Mein Bericht vom "Ausprobierkonzert"

#2

Beitrag von Petra » Mi 23. Okt 2019, 13:32

Lieber Viktor,

vielen Dank für diesen großartigen Bericht, einer der besten Konzertberichte, die ich je gelesen habe. Wenn ich mir nicht längst eine Karte für den 26. April in Halle/Saale gesichert hätte, würde ich sofort losrennen. :daumen::daumen::daumen: (mehr Daumen hoch als ich habe)

Ist das wirklich noch ein halbes Jahr bis zu 'meinem' Konzert?

fragt sich Petra.

P. S. Welches Feedback gab es denn zur Kleidung? Der Anzug, den er in der zweiten Konzerthälfte anhatte, gefällt mir besser, er wirkt sehr elegant.

P. P. S. Bodo hat ein Kind? Bislang wusste ich nur von einem Patenkind. Als ich 2018 auf Kloster Banz lange vor dem Einlass ganz vorne in der Schlange wartete, kam Bodo mit einem kleinen Jungen auf den Schultern des Weges und verschwand im Wald. Fand ich ja nett, dass sein 'Patenkind' und dessen Mutter ihn besuchen. *g*
Dieser Beitrag enthält 148 Wörter


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wenn man folgendes bedenkt:
Es braucht die Flinte nicht ins Korn zu werfen,
wer sie beizeiten an den Nagel hängt!
(Christian Grote - Chrizz)

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Re: "Die neuen Lieder des Bodo W." - Mein Bericht vom "Ausprobierkonzert"

#3

Beitrag von Viktor » Do 24. Okt 2019, 00:01

Liebe Petra,

danke für dein Lob mit gleich 3 Daumen :-D
Petra hat geschrieben:
Mi 23. Okt 2019, 13:32
P. S. Welches Feedback gab es denn zur Kleidung? Der Anzug, den er in der zweiten Konzerthälfte anhatte, gefällt mir besser, er wirkt sehr elegant.
Schön, dass du etwas dazu sagst. Hatte kurz überlegt, eine Umfragen-Funktion dem Beitrag beizufügen, aber das erschien mir dann doch zu albern, haha.
Würde sagen, so ca. 60% hat deine Meinung geteilt (so auch meine Begleitungen).
Ich persönlich fand hingegen das erste "besser" - einfach weil es so ungewöhnlich und irgendwie exzentrisch wirkt: Da hatte ich gleich den Eindruck, oh, neues Programm, neuer Look. So wie früher mit den bunten Hemden...
In puncto Eleganz hast du allerdings wirklich recht.
Er sagte, es sei auch noch eine Option, dass er den Kostumwechsel in der Pause so beibehalte, um beides zu würdigen.
P. P. S. Bodo hat ein Kind? Bislang wusste ich nur von einem Patenkind. Als ich 2018 auf Kloster Banz lange vor dem Einlass ganz vorne in der Schlange wartete, kam Bodo mit einem kleinen Jungen auf den Schultern des Weges und verschwand im Wald. Fand ich ja nett, dass sein 'Patenkind' und dessen Mutter ihn besuchen. *g*
Hihi, eine schöne Anekdote von dir.
Ja, ich habe auch das Gefühl, er hat es bislang nicht mit seinem Publikum geteilt (was ich an sich gut verstehen kann). Beim Konzert in Hamburg schien ein Moment der Überraschung durch den ganzen Raum zu gehen (vielleicht weil er sonst mit Sachen zu seinen Eltern oder seiner Schwester solch ein offenes Buch war). Ist ja eine schöne Entscheidung, wenn er sich da jetzt bereit fühlt, in seiner Kunst darauf einzugehen.


Während du dich immerhin schon auf ein kommendes Konzert freuen kannst, bin ich noch unentschlossen, ob ichs nach Hamburg (April 2020) schaffe oder stattdessen für ein hoffentlich irgendwann kommendes (Herbst? noch später?) Kiel-Konzert ausharren muss :cry:
Aber früher oder später werde ich hoffentlich Entwurf mit Endfassung abgleichen können, sozusagen...


Schöne Grüße von
Viktor
Dieser Beitrag enthält 353 Wörter


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