Neues Album von Kai Degenhardt

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Michael
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Neues Album von Kai Degenhardt

#1

Beitrag von Michael » Mo 5. Nov 2018, 14:41

Hallo,

ich möchte an dieser Stelle auf das schon vor zwei Monaten erschienene neue Album von Kai Degenhardt hinweisen: "Auf anderen Routen" war im September "Album des Monats" bei der Liederbestenliste.

Sechs Jahre sind seit dem Vorgängeralbum "Näher als sie scheinen" vergangen. Degenhardt ist kein Schnellschreiber, das merkt man den Liedern auch an. Textlich ausgefeilt, manches nicht aufs erste Hören zugänglich, musikalisch zwischen Minimalismus und - behutsamer - Avantgarde, ist "Auf anderen Routen" ein sehr persönliches und immens politisches Album. Dabei singt Degenhardt nicht über irgendwelche aktuellen Themen, sondern behält das große ganze im Blick, eine bisweilen fast erschreckende Scharfsichtigkeit unserer Lage.

Ein paar Worte zu den einzelnen Liedern:

Auf anderen Routen: Ein sehr persönliches Stück über eine Trennung, ein ruhiger für einen politischen Liedermacher ungewöhnlicher Auftakt.

Der Untergang: Ein kurzer Sprechtext über den Untergang der Welt. Auch aus dem wird das Kapital Gewinn schlagen. Dafür sind die "Möglichmacher" da, die mancher für Heilsbringer hält.

Imperial Grand Übersee: Und noch ein Untergang, diesmal von andrer Seite herbeigeführt und in epischer Form. Im Hotel versammeln sich die letzten Oligarchen, "Müßiggänger" und Poplegenden, die für die Unterhaltung zuständig sind und die das System repräsentieren, das dem Ansturm von draußen doch nicht hält. Die "Junge Welt" nannte das Stück die Antwort auf Phil Ochs' "Ringing of Revolution", Bob Dylans "Black Diamond Bay" und E.A. Poes "Fall des Hauses Usher". ich würd's eine Nummer kleiner nehmen, aber es beeindruckt schon.

Vor den Bretterwänden: Ein Flaneur geht durch eine Stadt unserer Zeit. Ein rasches Parlando mit vielen Assoziationen - und vielen Zitaten.

Nachtlied vom Streik: Ein politisches Lied par excellance. Mir ist es eigentlich ein bisschen zu plakativ, aber die Jury der Liederbestenliste hat es auf Platz eins gesetzt - vielleicht waren sie froh, endlich mal wieder ein richtig poltisches Lied unter die Finger zu kriegen.

Die Überfahrt: Melodisch ein Highlight des Albums, aber die Musik schickt einen auf die falsche Fährte - der Text ist beklemmend und erschütternd.

Zwei Reiter: Eine reiche Allegorie, die sich aus dem Märchenschatz bedient. Ein Erntefest schlägt um in ein Pogrom. Das ist kein Zufall und kein Naturgesetz, da sind schließlich die seltsamen zwei Reiter. Eine uralte Geschichte - aus unseren Tagen.

Die endlos lange Straße: Degenhardt verbindet hier eine Zwischenbilanz nach 500 Jahren sozialen Kämpfen mit seiner persönlichen Situation als politischer Dichter - zu einem Zeitpunkt, wo die progressive Linke gescheitert scheint.

Bis September: Noch ein ganz persönliches Stück, wieder ein Sprechtext und wieder geht es um eine Trennung und deren Bewältigung.

Der Vorschlag: Ein klassisches Rollenlied und zwar ein ziemlich garstiges: Ein cooler Bundeswehr-Rekrutierer, wie er heute gerne auf Job-Börsen auftritt und Auslandseinsätze als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit anpreist.

Hinter der Bühne: Ein Abschiedslied an den Vater - ein sehr bewegender Schluss.

"Auf anderen Routen" ist ein sehr starkes Album geworden, das zwar schon beim ersten Hören tolle Momente hat, aber erst durch mehrmaliges Hören seine ganze Wirkung entfaltet. Wer Spaß hat, kann auch noch nach Intertextualität, Zitaten und Verweisen suchen, da hat man viel zu tun.

Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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