musikalische chronik des protestes im hambacher wald

Dieses Forum beinhaltet Themen rund um das Werk von Gerd Schinkel, Sänger eigener Lieder, deutschsprachiger Rootsmusiker, Jahrgang 1950. Gerd Schinkel ist hier im Forum unter dem Nicknamen "Gesch" bekannt. Weitere Informationen auf seinen Webseiten: http://www.gerdschinkel.de/ und http://gerdschinkel.jimdo.com/
Antworten
Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 578
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04

musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#1

Beitrag von Gesch » Mi 3. Okt 2018, 22:35

ihr lieben,
es überrollt mich im augenblick selbst ein wenig: in den vergangenen monaten habe ich seit fast einem jahr nur wenige möglichkeiten verpasst, die sonntagsführungen der abholzungsgegner durch den hambacher wald musikalisch mit meinen liedern zu begleiten.

nun hab ich samstag. 6. oktober bei der grossdemo, für die bundesweit mobilisiert wird, die chance - neben den gruppen revolverheld, die höchste eisenbahn, cat ballou, tonbandgerät und dem ehemaligen wise guy eddie hünecke - , 20 minuten des kulturellen kundgebungsprogramms zu gestalten.

dabei kann ich aus knapp 60 liedern zum aktuellen thema auswählen, von denen ich die meisten in den vergangenen wochen geschrieben habe. mein ziel ist es, so eine art liederchronik des wiederstandes gegen die zerstörung des hambacher waldes zu schreiben. die lieder sind nahezu alle auf zwei doppel-cds zu hören, die bei mir erhältlich sind.

ich habe diese lieder in einer eigenen playlist unter der überschrift „braunkohle-widerstandslieder“ zusammengestellt. mein vor knapp drei wochen geschriebenes lied „hambi bleibt“ ist mittlerweile weit mehr als 5000 mal angeklickt worden - für meine verhältnisse eine gigantische zahl... mit anderen worte: es freut mich.
falls dies neugierde wecken sollte, bitte bei mir melden.
herzlich
gerd schinkel
Dieser Beitrag enthält 202 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Benutzeravatar
Nicky
Beiträge: 527
Registriert: Mo 7. Sep 2009, 11:46
Alter: 42
Kontaktdaten:

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#2

Beitrag von Nicky » So 7. Okt 2018, 20:51

Lieber Gerd,
das ist ja mal wieder ein interessantes neues Projekt, das du in Angriff genommen hast. Gestern habe ich im TV ein paar Bilder von der Demo gesehen. 50.000 Leute. Da ist ja ganz schön was zusammen gekommen.
Ich finde Demonstrationen immer gut und wichtig um seine Meinung zeigen zu können. Und es ist großartig, dass so viele Menschen gestern Flagge gezeigt haben. Und vor allem schön für dich, dass du deine Lieder vor einem so großen Publikum singen konntest. Die Rolle der sogenannten "Aktivisten" die sich in den letzten Wochen Schlachten mit der Polizei geliefert haben und nun nach dem Urteil von Freitag wieder in "ihren Wald einziehen" finde ich allerdings sehr befremdlich. Aber auch zu dem Thema gibt es vermutlich zig Meinungen....
Was mich allerdings viel mehr interessiert ist, wie es für dich war vor so vielen Leuten zu singen. 50.000 ist ja dann doch mal mehr als bei nem LT. Da fehlt mir die Vorstellung.
Außerdem hab ich -wie immer- Interesse an deiner Doppel CD zu dem Thema. 60 Lieder. Wow. und das in der kurzen Zeit. :super:

Alles Liebe
Nicole
Dieser Beitrag enthält 194 Wörter


...sag nichts, ich seh's dir an, Kinder erkennen sich am Gang...

Benutzeravatar
Westwind
Administrator
Administrator
Beiträge: 569
Registriert: So 2. Okt 2011, 01:35
Kontaktdaten:

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#3

Beitrag von Westwind » So 7. Okt 2018, 23:16

Lieber Gerd,

ich bewundere Dein Engegament und Deine Schaffenskraft rund um das Thema "Hambacher Forst". Und ich finde es richtig, sich für jeden Wald und jeden einzelnen Baum einzusetzen, der gerodet oder abgehackt werden soll, und ich gehe davon aus, daß auch die lauten radikalen Stimmen benötigt werden, um einer Sache Gehör zu verschaffen (auch wenn das bekanntermaßen nicht unbedingt meine persönliche erste Wahl der Protestkundgebung ist).

Ich freue mich, daß diese Stück Wald nun vorerst von der Rodung verschont bleibt. Aber mir schwirren andere Frage im Kopf herum: Klar, ich weiß, daß RWE dort seit Jahren die Genehmigungen hatte, den Wald zu roden. Ich weiß, daß es seit den 70er Jahren Proteste gibt und daß Menschen ihren Lebensraum in den Wald gelegt haben und dort seit Jahren "wohnen" und protestieren. Ich weiß, daß es sich um ein 12000 Jahre altes Fleckchen Wald handelt.

Von den ursprünglich 4100 Hektar sind 200 ha übriggeblieben, um die sich nun die Proteste rank(t)en.

Meine Gedanken kreisen aber mal wieder weiter: warum kümmern sich Protestler und Medien jetzt so intensiv um 200 ha Wald, und warum gibt es soviele Leute, die jahrelang still sind und sich jetzt auf einmal für eine solche Sache so dermaßen engagieren, wo es jährlich, monatlich und sogar täglich genug Umweltskandale gibt ? Aus meiner Sicht ist da viel individueller Aktionismus dabei, teilweise fundiert auf persönlichem Geltungsdrang, der erst durch eine Bewegung aus Teilen der Bevölkerung aktiviert wurde. Oder um es populär auszudrücken: viele kommen erst aus den Löchern, wenn es eine Bewegung gibt, der sie sich anschließen können. Da können die verschiedensten persönlichen Motive hinterstecken, sich für eine Sache zu engagieren.

Du Gerd, hast die Gabe und den Mut, den Mund auch aufzumachen, wenn es noch keine Bewegung gibt, der sich so viele Leute anschließen. Und Du brauchst keine Bewegung, um Deinem Zorn Wörter und Melodien zu verleihen und diese kundzutun. Davor ziehe ich meinen Hut ! :hut:

Nun aber konkret zu Deinen Liedern Gerd:
ich interessiere mich dafür, kenne die Lieder bis auf Deine Verweise bisher nicht und staune, wie man zu einem Thema soviele Gedanken zu Papier und dann noch in Lieder packen kann. Wenn Du 40-60 Lieder geschrieben hast als Chronik zu den Begebenheiten rund um den Hambacher Forst, so sehe ich das als beachtliche Leistung an, zumal Du diese Lieder auch vor Ort singst (Du warst in den zahlreichen WDR-Beiträgen sogar öfter mal zu sehen/hören).

Was mich aber als skeptischer und kritischer und stets zweifelnder Mensch auch interessiert:

Wo sind zum Beispiel die (Massen-) Proteste gegen die geplante Stromtrasse, die Bayern mit Strom versorgen soll, genannt "Südlink" bzw. "Südostlink". Da sind weitaus größere Flächen an Waldrodungen geplant als beim Hambacher Forst. Es protestieren die Betroffenen in Thüringen, klar, aber dort gibt es derzeit kaum Trittbrettfahrer, die aus anderen Teilen der Republik anreisen, um zu protestieren. Und die Medien kümmern sich auch nicht wirklich um dieses Thema in diesen Tagen. Alles scheint beschlossene Sache zu sein, wo vereinzelte Gegenstimmen einfach ignoriert werden.

Gerd, wenn Du dazu ein Lied hast, möchte ich gerne einer der érsten sein, die es hören dürfen.

Es gibt massig Themen, wo viele Protestaktionen wünschenswert sind, aber irgendwie habe ich den Eindruck, daß manche Proteste durch viele Menschen und die Medien so aufgebauscht werden, daß andere wichtige Themen untergehen. Ich frage mich, wieviele ins rheinische Braunkohlerevier gereiste Protestler nun in den nächten 2 Jahren noch woanders aktiv protestieren.

Mir scheint, daß viele ins Braunkohlerevier gereisten Menschen den Protest um den Hambacher Forst für ihre eigenen Interessen instrumentalisieren. Jetzt, nach den gerichtlichen Urteilen, wonach der Wald erstmal nicht gerodet werden darf, wird es ruhiger werden. Ich glaube nicht, daß viele der dortigen Protestler sich zeitnah nun an anderen Stellen engagieren. Vermutlich, weil man woanders nichts fürs eigene Renomée tun kann, weil von den hiesigen einschlägen Medien nicht davon berichtet wird und man nicht sagen kann: "Ich war dabei !".

Lieber Gerd, ich wünsche mir, daß Du auch weiterhin Protestlieder schreibst und singst, aber auch für andere Regionen, für andere Themen und für Menschen, die sich irgendwo für die Natur, für Mitmenschlichkeit und ein friedliches Zusammenleben engagieren, und Du den Hambacher Forst zwar eine wichtige Etappte, aber eben auch nur als eine Etappe Deines Schaffens ansiehst.

Ich freue mich auf unser Wiedersehen beim nächsten LT und wünsche Dir weiterhin eine kritische Sicht auf alle Dinge und viel Schaffenskraft, Deine Gedanken und Gefühle in Lieder zu packen ! :daumen:

Herzliche Grüße
Georg
Dieser Beitrag enthält 787 Wörter


"Ja, ich hab einen Traum von einer Welt und ich träume ihn nicht mehr still:
es ist eine grenzenlose Welt, in der ich leben will."
[Konstantin Wecker]

Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 578
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#4

Beitrag von Gesch » Mo 8. Okt 2018, 14:43

boah - jetzt hab ich eine lange Antwort geschrieben, bin beim blind tippen auf ne falsche taste gekommen, und alles ist weg...

jetzt hab ich erst mal keien Lust mehr...

muss mich erst einkriegen...
Dieser Beitrag enthält 33 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 578
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#5

Beitrag von Gesch » Mo 8. Okt 2018, 16:45

Jetzt der zweite Anlauf mit abgeschwollenem Hals ;-)

Liebe Nicole

ja, es waren vor und im Wald ne Menge Leute unterwegs. Ich bin Samstag nur auf dem Acker an der Mahnwache gewesen, vor dem Wald, auf dem die Kundgebung stattfand, die phasenweise Festivalcharakter hatte. Dafür haben sicher auch die vielen Fans von Revolver oder Cat Ballou gesorgt, die textsicher nahezu alle Lieder mitsingen konnten, oder von Höchste Eisenbahn oder Tonbandgerät.

Ich will nicht darüber spekulieren, wie groß oder gering deren echtes Interesse an Klimaschutz und Hambacher Wald gewesen sein mag. Sie haben im Zweifel sicherlich zum friedlich-fröhlichen Charakter der Veranstaltung beigetragen, die nach den beiden vorausgegangenen Gerichtsurteilen ja auch durch ein richtiges Fest werden sollte und wurde. Schade nur, dass auch hier durch begrenzte organisatorische Fähigkeiten der lokalen Ordnungskräfte, die Autobahnabfahrten empfohlen und dann wiederum gesperrt hatten, der Eindruck aufkommen konnte, hier werden absichtlich Leute daran gehindert, zum Ort des Geschehens zu kommen, damit die Masse der Leute nicht noch beeindruckender (und RWE beschämender) wird. Die Demonstrationsfreiheit lässt sich ganz subtil einschränken.

Was die „Aktivisten“ angeht, darf man nicht annehmen, es wäre ein homogener Block. Da gibt es solche und andere, die deutlich unterschiedliche Sichtweisen haben, oder auch nur in Nuancen. Nach Bodo Wartkes Kurzkonzert am Sonntag hatte sich beispielsweise ein „Aktivist“ das offene Mikrophon erbeten und seinen Unmut darüber geäußert, dass die ursprüngliche Besetzerszene so von den NGO’s wie Greenpeace oder Campact oder den Parteien überrollt worden sei, und es einigen der Aktivisten - so wie ihm - gar nicht um den Wald oder das Klima, sondern um die Umsetzung einer anderen Lebensweise gegangen sei und man zur Durchsetzung der Freiheit, so leben zu können, durchaus auch zur Militanz bereit sei.

Es gab aber auch die Mehrheit der anderen, denen klar gewesen sein wird, dass es ohne die breite Solidarität und Bereitschaft zu Abstrichen an Maximalforderungen keinen erfolgreichen Rechtsweg zur Durchsetzung eines vorläufigen Rodungsstopps gegeben hätte. Das haben weniger die Waldschützer in den Bäumen erreicht – die haben aber immerhin das Thema wach gehalten und damit auch das Interesse der Öffentlichkeit –, sondern die Naturschützer mit ihrem Hinweis auf Fledermäuse und die bestimmte Zusammensetzung der Flora in diesem Restwald. So gab es eine gesetzliche Grundlage, mit der man sich juristisch auseinandersetzen kann. Und sowas dauert ja seine Zeit.

Was die eindrucksvolle Masse des Publikums angeht, kann ich „liederlich“ antworten:

Mehr oder weniger

Ob es fünfzigtausend waren oder mehr,
dreißigtausend oder etwas weniger -
wenn ich auch nur vor fünfzehn Leuten sing,
oder vor dreißig - wie ich das dann fertig bring...?
Man schwebt wie über einem Kissen, weich und leicht,
und fragt sich, kann es etwas geben, was dem gleicht?
Da hören all die Menschen zu und jetzt dein Lied -
und du kannst nicht erklären, was mit dir geschieht…

Es kamen all die Menschen nicht für mich hierher,
um meine Lieder ging es nicht, es ging um mehr.
den einen ging’s ums Klima, andern um den Wald -
man kommt den Zielen näher mit Zusammenhalt.
Selbst ernannte Anarchisten wolln ihr Recht
ihr Leben zu leben, so auf ihre eigene Art gerecht.
Andern geht es um die Zukunft dieser Welt,
sie für die Nachkommen beschützt, bewahrt, erhält.

Heimatschützer wolln nicht, dass man sie vertreibt
Naturbeschützer wolln, dass die Natur so bleibt,
für Strom auch keine braune Kohle mehr verbrennt,
von der Idee, mit Geld geht alles, sich mal trennt.
Manche wolln ein Zeichen setzen und sich wehr’n,
im Wald spazier, um kein Verbot sich scher’n,
ein Konzern soll sich nicht nehmen, was er will
der Regierung sehn, man ist nicht länger still.

Vor all den Leuten, manche warn weit weg,
hab ich gesungen, nicht gefragt nach Sinn und Zweck,
konnte sehen, manche hörten wirklich hin,
und so ergab der Auftritt für mich seinen Sinn.
Zu hören, wie ein Lied von mir auf einmal klingt,
kann man nicht übersehn, wer alles mit mir singt,
in ein Gefühl, das man so schnell nicht mehr vergisst –
wenn’s im Normalfall wieder völlig anders ist…

Ich schick Dir demnächst die neue Doppel-CD, die ja bereits einen Doppel-Vorläufer mit Liedern zum selben Thema hatte…

Herzlich
Gerd
Dieser Beitrag enthält 725 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 578
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#6

Beitrag von Gesch » Mo 8. Okt 2018, 17:33

Lieber Georg,

in der Tat, die lauten und radikalen Stimmen sind manchmal erforderlich, um in einer Zeit, in der jeden Tag ne neue „Sau durchs Dorf gejagt wird“, öffentlich wahrgenommen zu werden. Kann man bedauern, ändert aber nichts daran.

Zur Rodungserlaubnis, von der RWE behauptet, dass sie seit Jahren vorläge, darf man nicht unterschlagen, dass sie von Bedingungen abhängt. Der Nachweis der Notwendigkeit ist RWE offenbar vor dem OVerwG in Münster zur Abweisung des Eilentscheids gegen die Forstsetzung der Rodung noch nicht gelungen. In der Hauptsache wird das Verwaltungsgericht in Köln dann wohl in einiger Zeit prüfen, wie stichhaltig die Argumente von RWE sind – und vielleicht ist bis dahin ja der beschleunigte Ausstieg aus der Kohleverstromung so unter Dach und Fach, dass eine Vergrößerung des Tagesbaus obsolet ist, und damit die Rodung völlig überflüssig (ebenso im Nachhinein die Gewalt, die Menschen einander in diesem Zusammenhang zugefügt haben bzw auf Weisung zufügen mussten)

Es ist nicht nur ein beliebiges 12000 Jahre altes Fleckchen Wald, sondern ein besonderer Restbestand, der nach bestimmten gesetzlichen Normen geschützt sein müsste, dies aber nicht ist, weil diejenigen, die dazu den Antrag hätten stellen dürfen, dies nicht getan haben. Nun geht es darum, ob sie es hätte müssen und nun zum Nachholen des Versäumten durch eine Klage gezwungen werden können. Also: Nicht jeder alte Wald ist so wie ein anderer.

Die Besonderheit des Waldes erklärt den Protest und auch die Verbissenheit der Auseinandersetzung. RWE will Kohle mit Kohle machen – Klimaschädigung hin oder her – und macht seinen Lobbyisten in der Politik Beine, die Entscheidungsprozesse gut geschmiert im Sinne des Energiekonzern ablaufen zu lassen. So funktioniert halt Politik.

Klar gibt es jeden Tag Umweltfrevel. Aber nicht alle schrecken die Leute auf, schon gar nicht, wenn sie ohne spektakuläre Begleitereignisse ablaufen: Baggerbesetzungen, Waldbesetzungen, Kletteraktionen etc. Jeder kriegt tagtäglich ne Menge von dem, was geschieht, nicht mit. Ich weiß, aus welcher Masse von Neuigkeiten, die die Agenturen anbieten, dann die kleine Auswahl den Meldungen getroffen wird, die neben den Hauptthemen aus aller Welt noch Platz haben.

Wenn nun Leute sich erst nach geraumer Zeit bemüßigt fühlen, sich in eine Sache einzubringen und aktiv zu werden, halte ich es für ziemlich billig, ihnen nun Aktionismus vorzuwerfen oder persönlichen Geltungsdrang. Das kommt mir dann wieder so vor wie eine gern genutzte Ausrede, um sein eigenes Versäumnis, rechtzeitig sich an Protesten zu beteiligen (wenn man es denn grundsätzlich will), vor sich selbst zu rechtfertigen. Das ist dann, finde ich, nah an schäbig und unlauter, zumal Protest, wenn er denn, wie dieser nun, zum Erfolg führen soll, auch mitlaufende Beine braucht, um zählbar wahrgenommen zu werden, damit sich tatsächlich was bewegt. Und es gab auch schon Sauwetter, in dem das Demonstrieren keinen Spaß macht.

Klar schreib ich auch Lieder über Missstände, die noch keine Bewegung in Bewegung gesetzt haben. Aber umgekehrt sperre ich mich auch nicht dagegen, mich Bewegungen anzuschließen, wenn ich sie für sinnvoll halte, und ihnen dann auch mit dem zu nutzen, was ich als Möglichkeit zur Verfügung habe. Den Braunkohle-Widerstand gibt es schon viel länger als meine Lieder – man könnte also böswillig sagen, ich sei mit auf den fahrenden Zug gesprungen. Man kann auch sagen, dass ich überzeugt wurde, mich dafür einzusetzen. Böswilligkeiten von Leuten kann ich nicht verhindern. Aber ich muss sie nicht ernst nehmen. So sind die rund 60 Lieder meiner Youtube-Playlist zum „Braunkohle-Widerstand“ entstanden, die fast alle auch auf zwei Doppel-CDs sind. Man muss die nicht kaufen, kann sie auch im Video gucken – allerdings sind es andere Aufnahmen als auf den CDs.

Das heißt aber nun nicht, dass ich mich thematisch verenge, und auch nicht, dass ich nun jeden gefällten Baum besingen muss. Dafür gibt es doch zu viele Gitarre spielende Menschen, die die Chance nutzen könnten und sollten, ihre Fähigkeiten zu schulen. Der deutsche Osten war doch ein „Liedermacherland“. Da muss ich nicht von Köln aus die Rodung von Wirtschaftswäldern (in denen Holzwirtschaft betrieben wird wie auf Feldern der Anbau von Kartoffeln) zum Schneisenschlag für Stromtrassen besingen.

Nicht jeder Protest hat auch ein so überzeugendes Fundament wie gesetzliche Normen, auf die sich Kläger berufen können, oder ein überzeugendes natur- und klimaschützerisches Anliegen, dass ich mich dafür ohne zu zögern in die Bresche werfen würde. Und wenn es überzeugende, auch heimatschützerische Anliegen gibt, wie beispielsweise den Widerstand dagegen, Ortschaften – also Heimat - abzubaggern für eine Braunkohlegewinnung, die keinen wirtschaftlichen Sinn mehr ergibt und das Klima schädigt, sollten sich genug regionale stimmgewaltige Barden finden, die dies auch zu artikulieren wissen.

Keine Sorge, ich stecke in keiner thematischen Sackgasse. Dafür tut sich zu viel im Lande. Und meinen Beitrag zum bayrischen Landtagswahlkampf, den ich am Rande des Nürnberger Bardentreffens mit unfreundlichen Liedern zur CSU geleistet habe, war mit neuen Liedern auch schon mitten in der Hambacher Schaffensphase. Und der Einsatz gegen die Risiken der Stromgewinnung aus Atomkraftwerken, für den ich viele Lieder geschrieben habe und immer wieder schreibe, dauert unvermindert an. Dazwischen sing und schreibe ich nicht nur für Enkel und Bewegungen, sondern über alles, was mich bewegt – und das ist nicht alles, was sich bewegt…

Herzlich
Gerd
Dieser Beitrag enthält 903 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Benutzeravatar
Carsten K
Beiträge: 1402
Registriert: Do 17. Jul 2003, 18:09

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#7

Beitrag von Carsten K » Di 9. Okt 2018, 00:32

Lieber Gerd,
Protest im Hambacher Forst, ich bin natürlich froh, dass die Protestaktionen dort zumindest den Erfolg hatten, dass die Rodung und der Polizeieinsatz gegen die die AktivistInnen, die friedlich gegen diese Rodungen protestiert haben und protestieren, vorerst eingestellt sind. Aus der (meiner Berliner) Distanz betrachtet ein Riesenerfolg, der mir Mut macht, dass friedlicher Protest gerade in den heutigen immer brauner(kohligen) Zeiten eben doch was bewirken kann, und daran hast Du, Gerd, mit Deinen künstlerischen Beiträgen bestimmt einen großen Anteil, ebenso wie Deine KollegInnen wie z. B. Klaus der Geiger:
oder andere:
Danke, dass Du mit Deinen Liedern dazu beigetragen hast und beiträgst, Gerd! :daumen:
LG Carschti
Dieser Beitrag enthält 112 Wörter


"Wenn man als junger Mensch aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen treu geblieben ist, sieht man als alter Sack halt aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer."
Harry Rowohlt (1945-2015)

Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 578
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#8

Beitrag von Gesch » Di 9. Okt 2018, 11:25

Hallo Carschti,

ich mag mich an der Spekulation über den Stellenwert der kulturellen Beiträge zum bisherigen, vorläufigen Erfolg des Widerstandes nicht beteiligen. Klaus ist sicher viel viel länger bei allen möglichen Widerstandsaktionen hierzulande dabei als ich, war es auch schon eh ich dann, nach meinem Studium (während dessen ich vor 42 Jahren meinen Katastropheneinsatzplan in der Antiatombewegung geschrieben hatte), in meinen Brotberuf gewechselt bin und damit viele Aktivitäten versäumt oder mir versagt habe. Eine Familie will ernährt sein, und wenn ein Beruf (Journalismus) auch noch Spaß macht, setzt man eben seine Prioritäten. Das hab ich 34 Jahre lang, bis zur Pensionierung vor 5 Jahren, eben anders als manche musikalischen oder basis-aktivistischen Vollprofis.

In den vergangenen Monate war ich zumindest bei den Spaziergängen des Waldführers Michael Zobel kontinuierlich musikalisch dabei, wenn auch nicht im Wald, sondern vor den Spaziergängen am Wald, was daran lag, dass ich keine Lieder auswendig kann und das Mitschleppen von Gitarre, Notenständer, Textheft und Batterie-Verstärker zusätzlich zu dem Zeug, das ich als Diabetiker brauche, einfach zu viel war. Ich hatte in den Wald dann nur auf Bitten von Michael den tragbaren Batterie-Verstärker mitgenommen, damit sich Michael angesichts der wachsenden Teilnehmerzahl noch verständlich machen konnte. Im Wald gesungen haben dann diejenigen, die Instrumente mitgetragen haben und ihre Lieder auswendig konnten.

Hier mal ein Link zu meinem Lied „Hambi bleibt“, gesungen live vor einem der letzten Spaziergänge im Regen…

Der WDR-Film über die Waldbewohnung und –räumung ist eindrucksvoll. Danke für den Link. Das darin von mir nur mit einer kurzen Passage gesungene Lied, in dem es um Polizeiverhalten im „Gefährlichen Gebiet“ geht, ist „Rechtsfreier Raum“, hier vollständig


Und um mal den Rahmen der Thematik größer, hin zum Klimaschutz zu ziehen, hier das vorletzte Lied auf meiner Braunkohle-Widerstands-Playlist (so tief runter scrollt vermutlich niemand mehr) „Klimawandel“…

Herzlich

Gerd
Dieser Beitrag enthält 327 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Benutzeravatar
Gesch
Liedermacher/in
Liedermacher/in
Beiträge: 578
Registriert: Mi 13. Mai 2009, 00:04

Re: musikalische chronik des protestes im hambacher wald

#9

Beitrag von Gesch » Do 29. Nov 2018, 23:15

Liebe Lieder wertschätzende Mitmenschen,

rechtzeitig zur übermorgen bevorstehenden Demonstration der Klimaschützer am Samstag in Köln - zeitgleich gibt es auch eine in Berlin - hab ich meine "Funktionslieder"-Sammlung (auf 4 CDs) mit 71 Liedern zum Themenkomplex "Klimaschutz und braune Kohle" fertig gekriegt. Heute gab es den letzten inhaltlichen Kraftakt mit der Fertigstellung des Text-Begleitheftes.

Mir lag daran, rechtzeitig fertig zu werden, weil ich Samstag Mittag in Köln zur besten Zeit auf der Auftaktkundgebung zwischen zwei Redebeiträgen ein Zeitfenster von knapp 15 Minuten habe und dort drei Lieder spielen will. Wer dann nachfragt, kann die 4 CDs mit 88 DIN A-5-seitigem Textheft (mit Anmerkungen und Akkorden zu allen Liedern) für 30 € erwerben - wer von Euch Interesse hat, kann das natürlich auch...

Die 71 Lieder sind die von mir schon vor Monaten geplante Liederchronik des Widerstandes im rheinischen Revier gegen Braunkohleverstromung und des Einsatzes für mehr Klimagerechtigkeit. Die meisten Lieder sind aus einem Zeitraum von 12 Monaten von Dezember 2017 bis November 2018.

Wer sich gesungene Gedankenstützen zulegen will, um in ein paar Jahren die Geschehnisse in Erinnerung zu rufen, kann dann zurückgelehnt im Sessel diese CDs hören...

Herzlich
Gerd
Dieser Beitrag enthält 201 Wörter


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


Antworten