Carsten Langner vertont "Min Jehann"

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Marc
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Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#1

Beitrag von Marc » So 16. Sep 2018, 13:34

Hallo zusammen,

in guter alter Tradition eines Hannes Waders, Erich Schmeckenbechers oder auch Dieter Süverkrüps - die Liste ließe sich nach eigenem Interesse und Geschmack verändern oder fortsetzen - ist nun auch Carsten Langner in die Archive alter Volks- und Liederbücher abgetaucht und hat ganz und gar unbekannte Verse vertont: "Min Jehann" von Klaus Groth, dem wohl bedeutendsten Lyriker des Niederdeutschen des 19. Jahrhunderts.

In guter alter Tradition? Unbekannte Verse? Als ich die Vertonung Carsten Langners kürzlich zufällig bei YouTube fand, blieb ich als Groth-Liebhaber - schon mein Opa las mir aus dem wunderbaren Gedichtband "Quickborn" vor - etwas ratlos zurück. Klaus Groth hat viele berührende Gedichte geschrieben, viele wären es wert, ins Licht gerückt zu werden, warum sucht sich Langner ausgerechnet das bekannteste aus, das bereits sehr populär vertont worden ist? Trotz aller Mühe kann ich dieser Neu-Vertonung keine echte Neu-Interpretation abgewinnen, kann ich nicht erkennen, was aus dem Text herausgekitzelt werden sollte, was andere bereits herausgekitzelt haben, kann ich keinen persönlichen Zugang Carsten Langners zu den Versen erkennen. Kommt als nächstes eine Neu-Vertonung von "Heute hier, morgen dort" oder von "Über den Wolken"?

Lieben Gruß!
Marc

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So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
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Hannes Wader

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Carsten K
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#2

Beitrag von Carsten K » So 16. Sep 2018, 20:41

Danke, Marc, für diesen YouTube-Link zu Carsten Langners Version von "Min Jehann"! :super:

Mir gefällt diese Version sehr gut, weil sie eben nach Carsten Langner klingt und er sie in seiner eigenen Art vorträgt und sie eben nicht wie Hannes Wader klingt, auch wenn ich Hannes Waders Version ebenfalls sehr mag, der diesen Text auf seine eigene Art vertont und vorgetragen hat. Der Autor Klaus Groth starb 1899, aber (wenn er das auf seiner Wolke im Himmel alles mitbekommt) freut sich vermutlich, dass seine Werke (besonders dieses) von zahlreichen Liedermachern im 20. und 21. Jahhundert vertont, vorgetragen und damit am Leben erhalten geblieben sind, wenn auch auf unterschiedliche Weise, aber die Interpreten sind eben auch unterschiedlich. Sollte man sie deswegegen vegleichen?

"Über den Wolken" - Vor 3 Wochen traf ich mich Freunden aus Österreich Im Bahnhof Zoo, der voll von knallbunt gekleideten Menschen war. Mein Freund fragte einen dieser Menschen, was der Anlass sei und bekam als Antwort, dass gleich in der Waldbühne Dieter-Thomas-Kuhn-Konzert sei, "Über den Wolken!"...
:guckuck:
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Michael
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#3

Beitrag von Michael » Mo 17. Sep 2018, 17:25

Hallo,

mich würde interessieren, ob diese Aufnahme Teil eines größeren Projektes mit Vertonungen von Groth-Texten ist. Dann fände ich es absolut in Ordnung, diesen "Hit" als Teaser zu nehmen. Auch ich finde es aber schwierig, einen Text, der schon mal relativ erfolgreich vertont wurde, neu zu interpretieren, auch wenn das völlig legitim ist und auch bei "Heute hier, morgen dort" oder "Über den Wolken" total spannend sein kann. Carsten bemüht sich hörbar, den Melodiebogen von Hannes Wader zu verlassen, aber es gelingt ihm nicht immer, was daran liegen kann, dass das Gedicht schon sehr melodisch geschrieben ist und sich beim Laut-Vorlesen schon fast von selber singt. Meine Hauptschwierigkeit mit der Sache aber ist eine, für die Carsten überhaupt nichts kann: Er singt zu schön und klingt zu jung. Ich höre in seiner Interpretation nicht die Stimme eines alten Mannes, der ein langes Leben hinter sich hat und auf seine Jugend zurückblickt im Bewusstsein, dass sie nicht wiederkehrt.

Auch wenn es ein ungebührlicher Vergleich ist: Jochen Wiegandt (früher "Liederjan") hat "Min Jehann" bei der Trauerfeier für Helmut Schmidt gesungen: hier

Liebe Grüße, Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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Petra
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#4

Beitrag von Petra » Mo 17. Sep 2018, 21:06

Hallo Michael,

dieses Jahr habe ich noch zwei Mal das Vergnügen, Carsten live zu erleben. Die Gelegenheit werde ich gerne nutzen, ihn diesbezüglich zu befragen. Er findet es auch nicht so toll, dass er so jung aussieht und klingt. Jetzt ist er endlich 30 und sieht immer noch so jung aus, es ist aber auch ein Kreuz.

Ich finde auch, dass es seine Sache ist, welche Lyrik er vertont und welche nicht. Vielleicht mag er genau dieses Gedicht besonders, seine Gründe muss er ja nicht offen legen. Aber ich frage ihn gerne, ob es so ein Projekt gibt, wie Du es für möglich hältst. Nachdem er schon Gedichte von Manfred Hausin vertont hat, könnte es sein - oder vielleicht auch gerade nicht? Macht man so etwas noch ein zweites Mal? Ich werde berichten.

Liebe Grüße von Petra
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wenn man folgendes bedenkt:
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wer sie beizeiten an den Nagel hängt!
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Marc
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#5

Beitrag von Marc » Mo 17. Sep 2018, 21:22

Hallo zusammen,
Petra hat geschrieben:
Mo 17. Sep 2018, 21:06
Er findet es auch nicht so toll, dass er so jung aussieht und klingt.
Jung auszusehen und jung zu klingen ist doch ein Segen - okay, natürlich nicht, wenn man sich mit knapp 30 fühlt und darstellt, als sei man ein gereifter Mann von 60 undnochmehr Jahren.

Apropos. Mir ist da ein kleines, feines Gedicht in die Hände gefallen:
DER KLEINE SÄNGER

Seine neue Gitarre
Ist blau aber er
Trinkt keinen Schluck

Völlig besoffen ist er
Von sich

Folksmund
Lieben Gruß!
Marc
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Carsten K
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#6

Beitrag von Carsten K » Mo 17. Sep 2018, 22:08

Lieber Michael,

Danke für den Link zu Jochen Wiegandts Version von "Min Jehann", die er bei der Trauerfeier für Helmut Schmidt vorgetragen hat. Diese Version berührt mich persönlich noch einmal viel tiefer als die Version Carsten Langners, und das liegt sicherlich nicht nur an meiner Verehrung für die Gruppe "Liederjan" sondern auch am Anlass dieses Vortrags, dem Abschied von einem sehr alten und weisen Mann (übrigens einer dieser Politiker, die in diesen Tagen übelst beschimpft werden), dessen Meinungen und Einschätzungen ich nicht immer geteilt habe, für dessen (politisches) Lebenswerk ich aber allergrößte Wertschätzung empfinde, und dem ich es hoch anrechne, dass er bis ins höchste Alter immer klar Stellung bezogen hat und sich dabei niemals zu menschenverachtenden Äußerungen hat hinreißen lassen. Wenn Helmut Schmidt "Min Jehann" zu seinen Lebzeiten selbst vorgetragen hätte (zugegeben, lieber gesprochen als gesungen...;-) ), wäre das aus meiner Sicht übrigens auch durchaus passend gewesen... :yeah:

Ich halte aber grundsätzlich nichts davon, die verschiedenen Versionen und Interpretationen eines tollen Gedichts wie "Min Jehann" miteinander zu vergleichen oder aneinander zu messen. Ich persönlich kenne wahrscheinlich nur die wenigsten davon, aber alle, die ich bislang gehört habe, wurden vor allem aus Begeisterung der Interpreten für dieses Gedicht gesungen, und ich bin froh, das dieses wundervolle über 100 Jahre alte Werk auf diese Weise der Nachwelt erhalten bleibt und nicht in Vergessenheit gerät, auch dann nicht, wenn Hannes Wader, Jochen Wiegandt oder Dieter Süverkrüp nicht mehr unter uns sein werden, aber der vergleichsweise junge Carsten Langner vielleicht schon noch.
Michael hat geschrieben:
Mo 17. Sep 2018, 17:25
Ich höre in seiner Interpretation nicht die Stimme eines alten Mannes, der ein langes Leben hinter sich hat und auf seine Jugend zurückblickt im Bewusstsein, dass sie nicht wiederkehrt.
Ich habe beim letzten LT das Lied "Alte Frau im Winter" von Barbara Thalheim gesungen, einen Text aus der Sicht einer alten verbitterten Frau jener Generation, die zwei Weltkriege persönlich miterleben musste, einer Generation, die heutzutage nicht mehr unter uns ist, die wir beide (Barbara Thalheim und ich) aber noch persönlich als "Großeltern-Generation" kennengelernt haben. Ich hatte das Lied Mitte/Ende 80 bei einem Live-Konzert von Barbara Thalheim gehört und war tief berührt, hatte mir daufhin ein Textbuch gekauft, in dem allerdings lediglich die Texte und keinerlei Noten oder Akkorde zu finden sind. Da ich mich im Nachhinein nicht mehr wirklich an die Melodie, geschweige denn an die entsprechenden Akkorde erinnern konnte, dieses Lied aber unbedingt selbst in meinem Repertoir haben wollte, hatte ich den Text dann eben selbst vetont und seit 1988 auch regelmäßig als Straßenmusiker (der ich damals hauptsächlich war) in meiner eigenen Versiion vorgetragen, und ich behaupte, es war eines der Lieder aus meinem Repertoir, mit dem ich besonders viele Menschen erreicht habe (was gerade auf der Straße ja nicht leicht ist). Auch 30 Jahre später beim letzten LT hatte ich den Eindruck, dass Euch gerade dieses meiner drei Lieder am meisten angesprochen hat. Ich war auch schon vor 30 Jahren nicht jene alte verbitterte Frau, aus deren Sicht ich dieses Lied in "Ich-Form" singe, aber ich empfinde den Text bis heute (gerade in diesen Zeiten) als höchstaktuell, und ich wäre froh, wenn ihn jüngere KollegInnen in Zukunft auf ihre persönliche Weise interpretieren würden, weil er auch für kommende Generationen (wenn Barbara Thalheim und ich nicht mehr da sein werden), immer noch aktuell sein wird.

In diesem Sinne freue ich mich, dass sich der vergleichsweise junge Carsten Langner vergleichsweise alter Werke annimmt, die ihm persönlich offenbar etwas bedeuten.

In diesem Sinne liebe Grüße
Carschti

P.S. Ich freue mich übrigens auch, dass es in diesem Forum endlich auch mal wieder um solche Themen geht! :super:
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Carsten K
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#7

Beitrag von Carsten K » Mo 17. Sep 2018, 23:09

Marc hat geschrieben:
Mo 17. Sep 2018, 21:22
Hallo zusammen,
Petra hat geschrieben:
Mo 17. Sep 2018, 21:06
Er findet es auch nicht so toll, dass er so jung aussieht und klingt.
Jung auszusehen und jung zu klingen ist doch ein Segen - okay, natürlich nicht, wenn man sich mit knapp 30 fühlt und darstellt, als sei man ein gereifter Mann von 60 undnochmehr Jahren.

Apropos. Mir ist da ein kleines, feines Gedicht in die Hände gefallen:
DER KLEINE SÄNGER

Seine neue Gitarre
Ist blau aber er
Trinkt keinen Schluck

Völlig besoffen ist er
Von sich

Folksmund
Lieben Gruß!
Marc


Hallo Marc,
Dein Beitrag klingt irgendwie, als hättest Du ein persönliches Problem mit Carsten Langner (der, wie ich weiß, zwar hier im Forum liest, der aber, soweit ich mich erinnere, hier (fast?) noch nie was geschrieben hat). Was ist Dein Problem? Dass er knapp 30 ist und einen Text aus der Sicht eines über 60jährigen Dichters vertont und veröffentlicht hat, weil er dessen Text offenbar gut findet?
Und wer ist eigentlich der Autor des "kleinen, feinen Gedichts", das Dir da in die Hände gefallen ist? "Folksmund"? Ist mir als Liedermacher bisher noch nicht untergekommen, aber vielleicht kenne ich mich in der Folk-Szene ja auch nicht so gut aus wie Du... :roll:
Ich hoffe, Du hast dieses Thema nicht bloß eröffnet, um Aversionen gegen Carsten Langner zu erzeugen, denn das täte ich Dir angesichts der "Diskussionen" der letzten Wochen hier im Forum und der gesamten derzeitigen Situation persönlich übel nehmen.
Mag sein, ich bin angesichts der "Diskussionen" der vergangenen Wochen hier im Forum und aktuell in der "Reinhard-Mey-Gruppe" bei Facebook etwas übersensibilisiert, und ich habe Dich bei den vergangenen LTs, bei denen wir uns begegnet sind, als weltoffenen und toleranten Menschen erlebt, der nicht nur Hannes-Wader-Lieder prima (auf seine ganz eigene Weise) interpretiert, aber ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht, was dieses "kleine feine Gedicht" "Der kleine Sänger" von "Folksmund" mit Carsten Langners Version von "Min Jehann" zu tun haben soll...
In diesem Sinne
cARSCHti
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Viktor
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#8

Beitrag von Viktor » Di 18. Sep 2018, 09:03

Hallo miteinander,

ein spannendes Thema, das viele Aspekte berührt, finde ich!

Zu Carsten Langners Motivation sei hier zunächst eine Bemerkung von seiner Webseite zitiert:
Carsten Langner hat geschrieben:"Ich kenne dieses Gedicht seit meiner Kindheit und es berührt mich heute noch wie damals. Meine Großeltern und viele Nachbarn haben noch selbstverständlich Platt gesprochen, mittlerweile ist es fast gänzlich aus dem schleswig-holsteinischen Alltag verschwunden. Das bedauere ich sehr, denn mit der Sprache geht ein Stück Kultur verloren. Deshalb habe ich mir vorgenommen, neben meinen eigenen Liedern künftig immer mal wieder auch plattdeutsche Werke zu vertonen. Aufgrund der sehr bildreichen und klangvollen Sprache eignen sich viele von ihnen hervorragend zum Singen. Den Anfang mache ich also mit diesem Groth-Klassiker, für mich vielleicht das berührendste plattdeutsche Gedicht überhaupt."
Das gibt ja vielleicht ein wenig mehr Aufschluss über die Art des Projekts und Beweggründe vom Sänger direkt.

Zum Wert von Neuvertonungen:
YouTube schlug mir diese Neuversion schon vor einiger Zeit vor, aber ich hörte sie mir zunächst gar nicht erst an, da ich von Anfang an eigentlich die gleichen Gedanken wie Marc direkt als Vor-Urteil hatte: Es gibt schon viele verschiedene schöne Versionen von diesem Klassiker - was wäre da neues 'herauszukitzeln'?
Unterm Strich sehe ich es vielleicht nicht ganz so kritisch wie Marc. Das mit anderen Versionen vertraute Publikum kann nichts verlieren, bestenfalls die neue Version auch mögen, schlimmstenfalls auf die alten vertrauen. Und das Idealszenario wäre das Erreichen eines neuen Publikums. (Erinnert mich ein wenig an die Diskussion zu Bella Ciao, hehe.) Das ist wohl ähnlich wie mit Neuauflagen von alten Filmen (wo viele immer rumjammern): Die alten werden dadurch ja nicht gelöscht.

Zur Wahl des Textes und Vergleichen-Dürfen:
Allerdings, das muss man auch sagen, legt man sich - ebenfalls wie die Autoren und Regisseure von Film-Remakes - mit der Stoff-Auswahl eine hohe Messlatte und muss sich dem Feedback stellen. Ich finde es völlig legitim, da zu vergleichen, das liegt doch in der Natur des Stoffes. Ein noch nie populär vertontes Klaus-Groth-Gedicht hätte sich nicht an anderen messen müssen. Insofern wirkt die grundlegende Entscheidung - positiv ausgedrückt - sehr selbstbewusst von Carsten Langner.

Zum Kritisieren-Dürfen und Selbstbewusstsein:
Da Carsten Langner zumindest früher als 'clabauter' auch als Mitglied im Forum aktiv war, aber ich ihn persönlich nicht so richtig kennen gelernt habe, würde ich hier auf der Plattform normalerweise nach dem Motto gehen: Wenn man nichts Gutes zu sagen hat, sagt man besser gar nichts.
Aber in Anbetracht des erwähnten Selbstbewusstseins und seiner sehr professionellen Darstellung auf allen Kanälen, finde ich es nur fair, sein künstlerisches Output genauso kritisieren zu dürfen wie das der 'Großen'. Wenn mir Reinhard Mey mit einer Neuvertonung von 'Der Mond ist aufgegangen' ankommen würde, wäre ich schließlich genauso kritisch (wenn nicht mehr).

Zum Gedicht 'Der kleine Sänger':
Vor diesem Hintergrund habe ich übrigens auch das von Marc zitierte Gedicht verstanden. Den "kleinen Sänger" mit "neuer Gitarre" habe ich eben auf den Nachwuchskünstler mit neuer Version gedeutet, beim "keinen Schluck Trinken" an das Nicht-Erreichen der Messlatte und beim "von sich selbst Betrunkensein" an das dennoch hohe Selbstbewusstsein - alles in künstlerischer Sicht. Aber ich will damit nicht für Marc sprechen, ist nur meine Deutung.

Meine Meinung zur 'Min Jehann'-Neuvertonung:
Also, Carsten Langners Version gibt mir nichts; sie stößt mich auch nicht ab oder so, sie lässt mich einfach kalt. Der Song besteht theoretisch aus lauter Elementen, die mir gefallen müssten, aber tut es doch nicht. Schön gespielte Gitarre, angenehme Melodie, kristallklare Produktion. Und doch berührt es mich alles nicht; alle die positiven Elemente wirken auf mich irgendwie wie ein Abklatsch (und das liegt nicht am Verwenden eines Groth-Textes, glaube ich). Ist nicht so fies gemeint, wie es klingt, ich kann es ja auch nicht besser (...aber würde mich deshalb auch nicht daran versuchen.)

Zu Stimme, Perspektive und Authentizität:
Michael hat angesprochen, dass ihm die "Stimme eines alten Mannes" fehlt. Theoretisch stimme ich in dieser Frage eher Carschti zu; das Beispiel mit der Frauenperspektive ist sehr erhellend. Und dass ein Ich nicht mit dem Vortragenden, nicht einmal dem Verfasser, übereinstimmen muss, wissen wir alle. Wenn man die 'Moorsoldaten' singt, kann man ja auch nicht wie ein KZ-Häftlings-Chor klingen.
Dennoch habe ich das Gefühl, dass es irgendeinen ungreifbaren Authentizitäts-Faktor gibt, der bei Carsten Langners Version für mich zu fehlen scheint. Wahrscheinlich gibt es jenseits der buchstäblichen "Stimme", für die man nichts kann, noch eine interpretatorische "Stimme", die hier nicht passt.
Vielleicht gibt es auch Texte, bei denen es sich mehr anbietet, die fremde Perspektive einzunehmen, als bei anderen, sodass man eben doch diese Authentizität rüberbringen kann (wie Carschti wahrscheinlich mit dem Thalheim-Text), oder eben nicht. Damit wären wir schon wieder bei der Stoff-Auswahl. Ich erinnere mich an eine Cover-Version von Reinhard Meys 'Homestory' in Carsten Langners YouTube-Kanal vor vielen Jahren und dachte mir damals auch: Welch ungewöhnliche Wahl! Er ist ja nun mal (oder war zu dem Zeitpunkt) kein berühmter Sänger, bei dem ein Journalistenteam zuhause vorbeikommen würde. Klar, man kann die Perspektive einnehmen, aber ist das wirklich bereichernd?

Wie gesagt, ich finde, hier werden viele interessante Fässer aufgemacht. Und schließe diesem Beitrag an:
Carsten K hat geschrieben:
Mo 17. Sep 2018, 22:08
Ich freue mich übrigens auch, dass es in diesem Forum endlich auch mal wieder um solche Themen geht! :super:
Viele Grüße
Viktor

PS: Wie findet ihr die Aussprache vom Platt? Für mich auch ein bisschen befremdlich, aber es gibt auch starke regionale Unterschiede; ich komme persönlich aus einer Oldenburger Land geprägten Gegend, die noch einmal ein bisschen seltsam sein mag.
Dieser Beitrag enthält 992 Wörter


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Marc
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Re: Carsten Langner vertont "Min Jehann"

#9

Beitrag von Marc » Di 18. Sep 2018, 15:50

Hallo zusammen,
Carsten K hat geschrieben: Dein Beitrag klingt irgendwie, als hättest Du ein persönliches Problem [...]. Ich hoffe, Du hast dieses Thema nicht bloß eröffnet, um Aversionen gegen Carsten Langner zu erzeugen, denn das täte ich Dir angesichts der "Diskussionen" der letzten Wochen hier im Forum und der gesamten derzeitigen Situation persönlich übel nehmen.
Ein Forum, egal welches, profitiert meiner Meinung nach von lebhaften Diskussionen, und Diskussionen profitieren auch von dem einen oder anderen Stachel, der pieken, aber nicht verletzen sollte. Ein solcher Stachel kann eine überspitzte Aussage sein, vielleicht auch eine Prise Ironie, manchmal auch ein bissiges Gedicht. Ein Forum, das all dies nicht verträgt, möge in Frieden ruhen. Die Diskussion rund um Don Pedro empfand ich mit dieser Grundeinstellung sehr erfrischend, erhellend und motivierend. Ich bin immer noch beeindruckt von der Bereitschaft einzelner - insbesondere Sky, Gesch, Helmut und Barde - leidenschaftlich und nachhaltig zu diskutieren. Sicher: Auch Bilderrätsel und Youtube-Verlinkungen haben ihre Berechtigungen, weil sich einzelne Forumsmitglieder sehr daran erfreuen können. Mich persönlich reizt ein Meinungsaustausch über Lieder und Liedermacher mehr (wenngleich ich, familiär und beruflich bedingt, oft nur noch mitlesen kann).

Carsten Langner kenne ich nicht persönlich, wenngleich ich viel über ihn gehört habe, was mich aber nicht dazu berechtigen würde, über ihn als Person zu urteilen - das würde ich aber auch nicht machen, würde ich ihn persönlich kennen. In einem Liedermacher-Forum sollte man aber - Viktor hat das viel besser ausdrücken können als ich - über Lieder, Liedermacher und deren Inszenierungen diskutieren dürfen. Carsten Langners Schaffen beobachte ich seit Längerem im Stillen mit einer eigentümlichen Faszination, die man vielleicht empfindet, wenn man eine Frau mit Bart sieht - irgendwie interessant, aber eben auch irritierend und vor allem sehr befremdlich.

Viktor, Deine Hinweise, Gedanken und Eindrücke habe ich mit großem Interesse gelesen, Du hast vieles viel sachlicher ausdrücken können als ich. Ich stimme Dir in wesentlichen Punkten zu, besonders zum zitierten Gedicht, das aus dem "Folk" stammen könnte.
Viktor schrieb:
Wie findet ihr die Aussprache vom Platt? Für mich auch ein bisschen befremdlich, aber es gibt auch starke regionale Unterschiede; ich komme persönlich aus einer Oldenburger Land geprägten Gegend, die noch einmal ein bisschen seltsam sein mag.
Auch mir ist als Kind mit einem anderen Platt vorgelesen worden, sodass mich die eine oder andere Intonation Carsten Langers irritiert (Hannes wurde das übrigens auch mal vorgehalten, aber das liegt - wie Du schreibst - in der Vielfalt des Niederdeutschen selbst begründet). Es wäre ganz interessant zu wissen, welches Platt Carsten Langner aktiv spricht (davon gehe ich mal aus).

Lieben Gruß!
Marc
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