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von clabauter
#5
Schon lange davor habe ich mich schon gefragt, ob die Armutsdiskussion in Deutschland nicht teilweise maßlos übertrieben ist.
Lieber Barde.
Woher nehmen wir uns das Recht, die Leiden völlig unterschiedlicher Menschen in völlig unterschiedlichen Gesellschaften miteinander zu vergleichen?
Dass in Deutschland - hoffentlich - niemand vom Hungertod bedroht ist, ändert nichts an der Tatsache, dass es auch hierzulande Menschen gibt, die von ihrer Vollzeitbeschäftigung nicht menschenwürdig in unserem Sinne leben können und auf "Sozialhilfe" angewiesen sind - wobei mir dieses Wort schon heuchlerisch erscheint, da ich es perfide finde, dass ein Land, welches sich sozial nennt, derartige Niedrigstlöhne überhaupt zulässt. "Schweigegeld" wäre treffender, denn nichts anderes ist es. Mit gefülltem Magen demonstriert es sich bekanntlich schlechter.
Wer arbeitet, muss davon leben können, nicht nur überleben. Und "wer arbeitet muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet". Ich bin sogar dafür, jenen, die nicht bereit sind, sich irgendwie in die Gesellschaft einzubringen (und dazu zähle ich auch ehrenamtliche Tätigkeiten), die Sozialhilfe zu streichen. Das wäre auch gerecht. Aber: Wer nicht arbeiten kann, muss trotzdem ein menschenwürdiges Ein- und Auskommen haben.
Wenn Du nun, wie Du es indirekt tust, argumentierst, anderen gehe es noch viel schlechter als den "Armen" unter uns (die These zu erläutern, dass Armut ein vom gesellschaftlich-sozialen Umfeld abhängiger, nicht fest definierbarer, sondern vielmehr relativer, subjektiver Zustand ist, würde an dieser Stelle zu weit führen), dann mag das im kalten, kapitalistischen Direktvergleich stimmen. Recht hättest Du ebenso mit der Behauptung, dass es wieder anderen wesentlich besser gehe ...
Wir sollten uns aber, finde ich, nicht vor den Karren jener spannen lassen, die die notwendigen Diskussionen über "soziale Probleme" in diesem Land hochmütig als "Neiddebatten" abzutun versuchen - wie ich feststelle, mit zunehmendem Erfolg. Noch zynischer wird es, wenn die Finanzschwachen als "sozial Schwache" dargestellt werden, wenn also ein Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit monetärer Mittel und den sozialen Fähigkeiten suggeriert wird.
Wir jammern auf einem verdammt hohen Niveau.
Woher kommt diese Bonzen-Parole?
Aus Talkshows, in denen zumeist gut situierte Protagonisten diskutieren, die von diesem System natürlich profitieren. Es sei ihnen gegönnt, solange sie ihr Geld anständig verdienen. Ich neide niemandem seinen Luxus, der ehrlich dafür gearbeitet hat und sich zu dem System bekennt, dem er ihn verdankt (dieses System nennt sich "Sozialstaat"). Zornig werde ich aber, wenn ich Sätze wie den oben zitierten lese.
"WIR jammern auf einem verdammt hohen Niveau!" heißt: Begnügt euch mit dem, was ihr habt und beklagt euch nicht so viel. Arbeitet stattdessen ein bisschen mehr, dann könnt ihr auch so reich werden.
Fakt ist: "Reichtum für alle", wie ihn DIE LINKE im letzten Bundestagswahlkampf ironisch gefordert hat, funktioniert nicht. Dass es Besserverdiener gibt, setzt Geringverdiener zwingend voraus, "reich" bedingt "arm" also. Diesen Umstand sollten alle im Hinterkopf haben, die das System so befürworten. Entscheidend ist also weniger, ob "arm" oder "reich", sondern, dass es gerecht zugeht. Und daran habe ich in diesem Land begründete Zweifel, nicht nur innenpolitisch, sondern auch hinsichtlich unserer Außenpolitik, doch dazu später mehr.
Als musikalisches Werk, das diese Thematik aufgreift, sei an dieser Stelle Hannes Waders Abhandlung über die "Milliardäre" empfohlen.
Zu den Milliardären sei an dieser Stelle noch ergänzt, dass auch ich es ungerecht finde, wenn sich ein Milliardenvermögen in privater Hand befindet. Niemand kann so viel arbeiten, dass er auf ehrlichem Weg allein eine Milliarde oder mehr verdient. Dass unser System private Milliardenvermögen zulässt, finde ich angesichts der gewaltigen nationalen und globalen Probleme skandalös.
Ich hatte bisher immer ein Dach über dem Kopf, in meiner Schulzeit stets ein liebevoll zubereitetes Pausenbrot und musste mich für mein Mittagessen noch nie bei einer Tafel anstellen. Auch wenn ich die Arbeit der Tafeln sehr schätze, möchte ich einfach, dass jede/r in diesem Land die Chance hat, auch so zu leben, wie es mir vergönnt ist. Sozialstaat heißt für mich nicht, jedem alles zu bezahlen. Sozial in meinem Sinne ist ein Staat, in dem es gerecht zugeht und in dem alle unabhängig von ihrem Kontostand die gleichen Chancen haben. Und sozial ist auch, wenn jeder nach seinen Möglichkeiten dazu beiträgt, dieses System zu erhalten.
Asozial ist ein Staat - und damit komme ich zu den schlimmen, unmenschlichen Zuständen in Afrika, an denen wir durchaus nicht unbeteiligt sind -, der seinen Wohlstand unter anderem durch die Ausbeutung Ärmerer finanziert. Die meisten von uns (und obwohl ich meine Kleidung nicht bei Discountern kaufe und Textilien der einschlägig bekannten Marken meide, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, ob das nicht auch auf mich zutrifft) tragen Kleider, die von zwangsarbeitenden Kindern gefertigt werden, die davon nicht leben können. Wir schicken unsere Krabben zum Pulen nach Afrika, weil das günstiger ist (und zwar ausschließlich deshalb und nicht etwa, wie manche behaupten, "um denen da unten Arbeit zu geben") und verscherbeln unsere Waffen an Regime, die ihre Bevölkerung damit ermorden. Mit unseren Steuern finanzieren wir sogar eine Kirche, die mit ihrer Politik erheblich zur Verbreitung von Krankheiten wie AIDS in Afrika beiträgt. Alles, um unseren Wohlstand zu wahren. Und dafür, dass das alles ganz weit weg bleibt, sorgt "die EU" - das sind auch wir.
Das Elend ist nicht neu und es wird immer schlimmer. Und nach dem Sommerloch wird es ebenso schnell wieder aus den Nachrichten verschwinden wie EHEC, die Hochzeit in England und der Fall zu Guttenberg.
Mich schockiert, wie gelassen wir das alles trotzdem hinnehmen. Da kann mich auch nicht trösten, dass wir hier auf einem verdammt hohen Niveau jammern. Manchmal beschleicht mich gar das Gefühl, manchen in diesem Lande ist es ganz recht, dass es immer welche auf der Welt gibt, denen es noch schlechter geht ...
Armut beginnt aber nicht erst mit dem Kampf ums nackte Überleben.
Es grüßt
clabauter
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