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von Eurydike
#11
Im Jahre 1988 war ich zeitgleich mit einer Freundin schwanger. Bei mir war es das zweite Kind, bei ihr das erste. Mein „Baby“ ist heute 22, sie hat ihres damals verloren.
So um 1996 herum hatte die 17-jährige Tochter einer Bekannten einen weiten Weg von und zu ihrer Ausbildungsstelle, den sie immer mit dem Zug zurücklegt. An einem Dienstag habe ich sie nach Hause gefahren, weil es sich anbot. Sie war froh, einmal um die Zugfahrt herumzukommen und erzählte mir voller Lebenslust und Begeisterung von ihren Plänen für ihr Leben. Drei Tage später war sie tot. Auf der Heimfahrt wurde sie beim Aussteigen vom Zug erfasst.
Was haben diese beiden Geschichten denn mit dem Thema Libyen zu tun? Nichts. Und für mich irgendwie doch. Denn angesichts der Zustände in Libyen fühle ich das gleiche schlechte Gewissen, wie in den beiden oben geschilderten Situationen.
Meine Freundin verlor ihr Kind, ich durfte meines behalten. Auch wenn ich natürlich wusste, dass ich weder Schuld daran trug, noch dass ich irgendwas hätte verhindern können – ich hatte ein schlechtes Gewissen.
Wenn ich die Kleine statt am Dienstag doch am Freitag nach Hause gebracht hätte! Warum, verdammt noch mal, habe ich das denn nur nicht am Freitag gemacht? Ich konnte es natürlich nicht wissen und trotzdem habe ich lange mit meiner „Schuld“ gehadert.
Und jetzt die Zustände in Libyen, die mich natürlich an 89 in der DDR erinnern. Warum ging bei uns alles gut, warum gab es keine Toten und warum läuft es in Libyen so anders? Nicht, dass ich nachträglich wünschte, es wäre auch bei uns geschossen worden. Aber es ist manchmal so verdammt ungerecht. Und dann ist es wieder da – dieses rational nicht zu begründende und trotzdem quälende schlechte Gewissen.
Bei den Demos in Leipzig stand sehr wohl die uniformierte „Staatsmacht“ parat. Es war ein sehr beklemmendes Gefühl. Da waren die LKWs voller Soldaten, da war die Polizei. Und sie waren bewaffnet. Ich habe nicht überprüft, ob sie scharfe Munition oder Platzpatronen dabei hatten. Aber man wagte gar nicht zu hoffen, dass es sich nur um Attrappen handelt. Außerdem wurden in umliegenden Krankenhäusern sicher nicht grundlos zusätzliche Betten, Blutkonserven etc. bereitgehalten.
Und dann China! Was dort ein paar Monate zuvor passiert war und von unserer Regierung ausdrücklich gelobt und als „Niederschlagung einer Konterrevolution“ bezeichnet wurde, war auch nicht dazu angetan, die Demos als Sonntagsspaziergang zu empfinden. Sollten unsere Oberen wirklich innerhalb kürzester Zeit so an Verstand gewonnen haben?
Welchem Umstand wir es zu verdanken hatten, dass der Schießbefehl letztlich ausblieb, war zweitrangig. War es Einsicht? War es Angst vor den Reaktionen der restlichen Welt?
Ich habe mir damals gesagt, dass die da oben UNMÖGLICH schießen lassen können, denn wir standen im Mittelpunkt des weltweiten Interesses. Ich habe darauf vertraut, dass man uns im Falle eines Falles zu Hilfe käme. Diese Gedanken waren mein Anker und mein Motor gleichzeitig. Ich kann bis heute nicht mit Überzeugung sagen, ob ich an eine eventuelle Hilfe von außerhalb WIRKLICH geglaubt habe, oder ob nur die Hoffnung mein Unterbewusstsein dominierte. Und trotzdem hat mir dieser Gedanke Mut gegeben.
Vielleicht habe ich mich der Überlegung, dass wir im Ernstfall auf uns allein angewiesen wären, bewusst nicht gestellt, denn das hätte bei mir (und vielen anderen) den überlebensnotwendigen Glauben an das Mitgefühl und die Solidarität der menschlichen Gemeinschaft nicht aufgebracht.
Ich höre in den Nachrichten auch, dass die Libyer ein militärisches Eingreifen am Boden ablehnen, dass sie aber eine Flugverbotszone fordern. Doch wer weiß denn, wie die Leute, die auf den Straßen sterben, wirklich denken? Ich bin in dieser Situation sehr zwiegespalten. Ich wünschte, Gaddafi würde endlich seine Zwangsjacke wiederfinden und das Blutvergießen hätte ein Ende, ohne dass eingegriffen werden muss.
Ich wünschte außerdem, den arabischen Ländern gelänge wirklich, eine stabile Demokratie aufzubauen. Ich wünschte, das ganze Unternehmen würde in den Händen derer bleiben, die es betrifft. Ich wünschte, es gelänge der Menschheit, endlich friedlich und fair miteinander umzugehen. Ich wünschte so vieles ...
Ich kann nicht kategorisch 'Ja' oder 'Nein' sagen. Es hat was von 'Unterlassener Hilfeleistung' und es hat was von 'Unbefugter Einmischung'. Was wiegt schwerer? Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen muss.
Aber in Libyen sterben Leute, weil sie sich gegen die Zustände in ihrem Land wehren. Und da ist es wieder – dieses verdammte schlechte Gewissen.
Liebe Grüße
Heike
PS. Ich werde nicht zu jedem zukünftigen Thema meterlange Texte abliefern. Aber die penetrante Dominanz der Guttenberg-Anhimmler und die „Schlacht um Libyen“ sind zwei Ereignisse, die meinem politischen Empfinden in letzter Zeit gewaltig zugesetzt haben.
H.
Zwei Dinge will ich noch sagen, die nur mittelbar mit dem Thema zu tun haben.
Rex schrieb:
Die Leute, die auf die Straße gegangen sind, wollten keinen Umsturz, sie wollten einen anderen Sozialismus …
Die Initiatoren der allerersten Demos wollten das mit Sicherheit. Aber innerhalb kürzester Zeit waren ziemlich viele Leute zu hören, die die D-Mark, die Wiedervereinigung und Bananen forderten. Ich weiß, dass das die selbe Kategorie Mensch ist, die heute ihren Gutti zurück will. Ich würde diese Leute gern nicht ernst nehmen müssen, aber sie sind ernstzunehmen.
Auf keinen Fall will ich das, was in Leipzig und anderen Städten passierte, kleinreden. Es war etwas ganz Großes und ich bin froh drum, dass ich mittendrin sein durfte. Aber trotzdem gab es diese Rufe. Die haben mich damals erschreckt und tun es heute noch bzw. wieder. Diese Leute haben laut und deutlich den Umsturz, wie du es nennst, gefordert.
Rex schrieb:
Politisch ausgerichtet wurden ja alle auf den Klassenfeind, nie zum Schutz der Regierung vorm eigenen Volk.
Ein großer Teil des eigenen Volkes wurde doch zum „Klassenfeind“ abgestempelt! Und natürlich haben sie sich auch vorm Volk schützen lassen. Das haben Diktatoren gemein – die Angst vorm eigenen Volk. Deshalb muss es in Schach gehalten werden, u.a. mit einem Schießbefehl an der Grenze. Da wurde nicht auf von außen eindringende, den Sozialismus schädigende Elemente geschossen. Nein, auf Menschen, die nicht gefährlich waren, weil sie ja das Land, dem sie sich ideologisch nicht anpassen konnten, einfach nur verlassen wollten.
Wenn ein „Gegner“ sich zurückzieht und das „Schlachtfeld“ auf immer aufgeben will, dann ist ein Schuss in den Rücken m.E. keine Aktion, die dem Klassenfeind gilt.
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