Beitrag
von nils
#2
Ich gehöre auch zu den Potter-Fans. Als ich das erste Mal von Harry Potter hörte, war ich skeptisch, denn der Rummel um ihn hatte schon eingesetzt. Irgendwann aber bekam ich durch Zufall den ersten Band in die Hände - und war verzaubert.
Rowling malt nicht Schwarz-Weiß, ein Unterschied zum Herrn der Ringe. Dort sind die Grenzen meist sehr klar. Alle Orks sind schlecht. Punkt. Aber die Grenzen zwischen Gut und Böse bei Rowling sind fließend. Snape schützt Harry im ersten Band, aber er haßt ihn trotzdem. Er war ein Todesser - und doch arbeitet er als Spion für den Orden des Phönix. Und Dumbledore vertraut Snape bis zum Schluß - und doch tötet Snape ihn am Ende des sechsten Bandes (keine Sorge, ich verrate nicht, wie Rowling diese Geschichte im siebenten Band auflöst).
Auch andere Figuren entwickeln sich im Laufe der verschiedenen Bände. Lupin taucht im dritten Band auf, ist im vierten Band weg und hat ein Comeback im fünften. Wie kunstvoll sie die Geschichten baut, war beim ersten Band noch nicht klar. Erst nach und nach wurde offensichtlich, wie viele Querverbindungen es zwischen den Büchern gibt.
Trotzdem bleibt das Ganze ein Kinder- und Jugendbuch. Durch Harry Potter sind Kinder zum Lesen gekommen, die vorher nie Bücher gelesen haben. Und nun können die Bücher gar nicht dick genug sein. Viele Kinder haben die Bücher sogar auf Englisch gelesen, weil sie nicht warten wollten, bis die deutsche Fassung erscheint. Auch das gabs früher eher selten.
Was mir sehr gefällt: Das Rassismusthema beginnt ganz langsam und unaufdringlich und wird im Laufe der sieben Bände immer stärker ausgebaut.
Ich mag auch die Art, wie Rowling mit Sprache umgeht. Das geht bis zu unübersetzbaren Wortspielen: Ron Weasley fragt im 13. Kapitel des Feuerkelchs Lavender: "Darf ich den Uranus auch mal sehen?" Im Deutschen ist unverständlich, warum Trelawney sauer ist. Im Original fragt Ron "Can I have a look at Uranus, too, Lavender?" Rowling kann ironisch, sarkastisch, aber auch sehr gefühlvoll schreiben, man kann lachen und weinen beim Lesen (auch das ist ein Unterschied zum Herrn der Ringe, die ironischen Passagen sind da eher selten).
Was ich nicht so mag an Harry Potter: Natürlich dreht sich das Buch um einen Jungen und bis auf Hermione sind alle Hauptpersonen männlich. Nun ja ... Doch besser als der Herr der Ringe ist Harry Potter allemal. Da spielen Frauen fast überhaupt keine Rolle. Auch das Thema Sexualität wird fast völlig ausgeblendet (während die Liebesaffären in Harry Potter zuweilen fast überhand nehmen).
Ich finde die Bücher durchaus auch geeignet für Kinder unter 10 Jahren. Es hängt sehr vom Kind ab. Bei den Filmen seh (!) ich das anders. Kinder können beim Lesen selbst beeinflussen, was sie lesen, wie schnell sie lesen. Und sie können aufhören, wenn es ihnen zu viel wird (so hats meine Tochter beim ersten Anlauf gemacht). Die Filme aber benutzen Bilder, die Kinder noch nicht verarbeiten können. Da denke ich, gerade die späteren Filme sind für Kinder unter 10 Jahren nicht geeignet.
Ein Tipp für alle Potter-Fans:
Michael Maar: Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte.
Das Buch ist inzwischen schon etwas älter, aber ich hab durch das Buch Verbindungen zwischen einzelnen Bänden erkannt, die ich bis dahin nicht bemerkt hatte. Und Maar ist Potter-Experte, was leider nicht auf alle zutrifft, die Bücher oder Artikel über Harry Potter schreiben.
Was viele nicht wissen, der erste Band ist im englischen Original und auch im Deutschen in geradezu lächerlich geringen Auflagen erschienen. Das Buch wurde von vielen Verlagen abgelehnt. Zu dick, zu merkwürdig, das liest doch niemand. "Harry Potter and the Philosopher's Stone" begann deshalb mit einer Startauflage von 500 Exemplaren in Großbritannien. In Worten: fünfhundert! Heute kaum noch vorstellbar, aber der Verlag kam überhaupt nicht auf die Idee, daß hier eine beispiellose Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm.
Auch die deutschen Kinderbuch-Verlage wollten das Buch nicht, weil sie dachten: Das liest doch niemand. Der Carlsen-Verlag, der es dann genommen hat, gab früher vor allem Comics heraus. Und das Schöne: Rowling ist bei den Verlagen Bloomsbury und Carlsen geblieben, obwohl sie für die späteren Bücher sicher sehr gute Angebote von anderen Verlagen bekommen hat.
Und heute gibt es schon unzählige Vorbestellungen des siebenten Harry-Potters (auf Deutsch), obwohl das Buch erst im Oktober erscheint. Erstaunlich, daß sich Rowlings Prophezeiung im ersten Band tatsächlich erfüllt hat: jedes Kind auf der Welt wird seinen Namen kennen! Es ist schon ein Phänomen.
Ich hoffe übrigens, daß Rowling standhaft bleibt und keinen achten Band schreibt. Literarisch muß einfach Schluß sein mit dem siebenten Band (vielleicht hat sie deshalb das doch etwas merkwürdige Schlußkapitel geschrieben, mehr sei hier nicht verraten).
Es gibt Gerüchte, sie würde wieder schreiben: an einem Krimi. Ich bin sehr gespannt. Zumal sie bei Krimis das tun kann, was sie auch in den Harry-Potter-Büchern gern getan hat: Falsche Spuren legen, die nur erkennbar sind, wenn man sehr genau hinguckt. Gibt ja sogar eine Bezeichnung dafür: den Wronski-Bluff (oder Wanzki-Stuss, wie Hermione sagt).
Übrigens eine der wenigen offensichtlichen Schwächen der deutschen Übersetzung: Bei Hermine geht das Spiel mit Shakespeares Figur Hermione aus dem Wintermärchen leider völlig verloren.
Wie es auch schade ist, daß mein Lieblingsgeist in den Filmen nicht auftaucht. Dabei ließe sich gerade Peeves am einfachsten und effektvollsten einsetzen. Aber wahrscheinlich hatten die Produzenten Angst, dass der Anarchist unter Hogwarts Geistern auch bei den Dreharbeiten so viel Chaos anrichten würde wie an der Zaubererschule.
Hm, jetzt hab ich selbst fast schon einen Roman geschrieben ... aber irgendwie konnte ich mich erst jetzt bremsen, dabei gäbe es noch so viel zu sagen ... Aber jetzt ist erstmal Schluß.
Dieser Beitrag enthält 997 Wörter
Freunde, nur Mut! Lächelt und sprecht: "Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht." (Erich Kästner)