Ich bin doch verblüfft, dass es uns so ähnlich geht. Und so gut wie Migoe hätte ich es vermutlich nicht formulieren können: "Also, nicht hinsetzen und zwanghaft was aufs Papier bringen, sondern aus dem Erlebten Geschichten 'extrahieren' und dem Thema entsprechend verpacken."
Das trifft den Punkt zwischen Überraschung, Wollen und Zufall ziemlich gut, glaube ich. Etwas zu transportieren, vermitteln und weitergeben zu wollen ist das Entscheidende. Dann sprudelt es.
Ich möchte noch etwas für Anette hinzufügen, die den textlichen Aspekt erwähnte. Das ist nämlich wirklich schwierig, finde ich. Jeder ist unterschiedlich begabt, ich z.B. kann nicht besonders toll singen und mein Gitarrenspiel macht auch nur wenig Fortschritte, dennoch ist es ein undefinierbares Verlangen von mir, mich musikalisch zu artikulieren. Dazu gehört auch der Text, der in dieser Situation dann einen hohen Stellenwert einnehmen muß, um die übrigen Unzulänglichkeiten zu ... na ... äh, zu Randerscheinungen zu machen und das ganze etwas aufzuwerten.
Und da geht es dann schon los. Reim Dich, oder ich fress Dich, denk ich oft, wenn es wieder mal nicht geht. "Der Inhalt gut, der Reim recht schwer, der Schluß die größte Last" hab ich mal gefrustet eine Zeile geschunden, die mir lieb geworden ist. Seit der Invasion der dümmlich-naiven Schlagertexte fällt es manchmal schwer, ein den eigenen Ansprüchen gewachsenes Gedicht zu schreiben. Ja, ich meine tatsächlich "Gedicht", denn wenn ein Text auch ohne Musik funktioniert, ist er meist wirklich gut. Da hapert es denn auch oft bei mir ... Billige Metaphern (Sonnenuntergänge seien bitte tabu), einfallslose Stereotypen (mein Herz zerbricht) und Stegreif-Reimschemata machen mir oft zu schaffen. Ich neige leider dazu, erst den dämlichen Quatsch zu sülzen und dann zu denken: "Oh nein, das klingt wie Wolfgang Petri - weg damit!" Und das größte Problem ist das Wörtchen "Und" an jedem dritten Zeilenanfang ... kommt das auch anderen bekannt vor? Ein wenig hat mir mein Germanistik-Studium geholfen, weil durch die Auseinandersetzung mit Paul Celan oder den Klassikern tatsächlich Sprachempfinden und -wahrnehmung geschult wurden. Aber auch das ist begrenzt geblieben.
Humor ist auf jeden Fall wichtig, möchte ich noch sagen. Ich will keine Lieder hören, in denen man mir den Zeigefinger direkt vor die Nase hält. Das hat meine Mutter oft genug gemacht

. Ich liebe Ironie, subtile und unterschwellige Spöttelei. Aber da gibt es nur wenige, die das beherrschen. Auch ernste Themen oder Liebeslieder vertragen durchaus Selbstironie, einen Schuß Humor - natürlich in Maßen. Wenn ich schaffe, meine Lieder auch schmunzelbar werden zu lassen, bin ich glücklich. Das passiert aber viel zu selten. Erst neulich hat mich Hermann Allmers, der Marschendichter aus der Wesermarsch, so genervt (ich mußte seine 19. Jahrhundert-Lyrik für die Uni bearbeiten), dass ich ein satirisches Lied auf ihn geschrieben habe. Meine Freunde in Münster kannten den Typen gar nicht, also haben sie nur den Unterton wahrgenommen und meine inhaltlichen Anspielungen bloß hingenommen, sich aber trotzdem amüsiert. Darauf bin ich ein klein wenig stolz.
Wenn ich das so lese, fällt mir auf, dass das Liedermachen auch immer ein Kampf ist. Ich kämpfe mit der Gitarre, mit meiner Stimme und mit den Wörtern. Aber jetzt werde ich mich hinsetzen und noch zusätzlich mit dem Computer kämpfen, denn ich habe ein verspätetes Weihnachtsgeschenk in Form eines Mikrofons bekommen, das ich gleich ausprobieren möchte. Aber das ist, glaube ich, ein anderes Thema.