Moin zusammen,
da bin ich gerade rechtzeitig aus den Tiefen meines zerschossenen Privatlebens aufgetaucht - worüber schreibt man?
Tja, das ist ne fiese Frage. Meistens denke ich nicht konkret an ein Thema, sondern es fällt mir mehr oder minder zu. Im Moment ist es auch so (ohne jammernden Unterton), dass mir ständig deprimierte Texte durch den Kopf geistern. Das meiste verweht wieder, weil es unerträglich ist. Aber einige Sachen bleiben hängen.
Frag Dich einfach mal, worüber Du auf Englisch singst. Oft ist dann die Antwort recht einfach, das sind alles Dinge, die sich auch auf Deutsch trefflich aussprechen lassen. Über die Klischee-Falle kann man gar nicht genug reden, übrigens. Aber ich finde, dass hier der Deutschen Sprache oft zu unrecht von vorneherein ein negatives Image verpasst wird. Was mit unseren Worten möglich ist, davon können Engländer nur träumen. Mich befällt gerade bei vielen Hobbymusikern (mein Cousin ist auch einer) das Gefühl, dieselben Plattheiten, die sie auf Deutsch verabscheuen, auf Englisch kritiklos und unbesehen einfach darniederlegen. "You broke my heart" ist ein nettes Beispiel aus dem Text meines Cousins. Als ich ihm das sagte, meinte er verständnislos: "Aber auf Deutsch kann ich das nicht ausdrücken!" Äh - das habe ich wiederum nicht verstanden.
Westernhagen hat das ganz gut umschrieben in seinem "Loch in meiner Tasche", wenn er von einem Loch im Herzen singt, "das kann kein Arzt mehr nähen". Geht doch auch so, oder?
Als ich neulich einer Freundin meine letzten Lieder gebrannt hab, fiel mir auf, dass das Thema Liebe in zig Variationen überraschend präsent ist bei mir. Und durch das, was ständig mit uns in dieser Hinsicht geschieht, wird es das auch wohl bleiben, in guten wie in schlechten Tagen. Ich habe in Gesprächen und auf einigen Vortragsabenden von anderen gehört, dass auch bei ihnen eine schwierige, depressive Phase im Leben eine Art Kreativschub auslöst. Oft stachelt das an, man kann tatsächlich negative Befindlichkeiten "ausbeuten" und kanalisieren. Und es tut gut und bringt etwas Freude zurück. Wie bei John Lennon, der frustriert über sich selber schrieb: "He's a real nowhere man, sittin' in his nowhere land."
Kurz zur Sprache, da bin ich abgekommen. Unsere Sprache hat den wunderschönen Vorteil, die Wörter unglaublich vieldeutig einsetzen zu können. Das, was meinen Bekannten in Frankreich völlig fremd war, hat uns Deutschen dort irre Spaß gemacht: Mit dem Klang und den Bedeutungsebenen spielen (Chantier interdit! wurde zu Chanté interdit!). Die Substantive adjektivisch einsetzen, Ähnlichkeiten bewußt falsch verstehen. Wortbilder malen, Atmosphäre schaffen wie in Rilkes "Herbstgedicht" - ach, es gibt so schöne Möglichkeiten. Oder einfach nur augenzwinkernd eine selbstironische und etwas merkwürdige Geschichte zum besten geben. Deutsche Lieder sind oft so furchtbar ernsthaft, da kann ich dann selten lange zuhören. Humor sei Trumpf, find ich. Und wer eignet sich als Zielscheibe besser als man selbst? Ich meine, unsere eigenen Fehler sollten wir am besten kennen. Und was wir falsch machen, machen andere auch nicht immer richtig. Da ergeben sich tolle Möglichkeiten, schnell eine gemeinsame Basis zwischen Sänger und Publikum zu schaffen: Der da oben ist auch nicht anders als wir. Cool, ich bin nicht der Einzige, dem das passiert!
Das finde ich jedenfalls wichtig. Und wer es noch schafft, einen ernsten Hintergrund einzubauen - um so besser, oder?
