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von Skywise
#6
Gut. Also.
Vergleich zwischen den tatsächlichen und den gedruckten Antworten in einem Interview.
Die schwarzen Passagen sind in etwa deckungsgleich. Vorrangig orientieren sich diese Passagen an der letztendlich abgedruckten Fassung. Es gibt manche Tippfehler da und dort, die wurden nicht korrigiert, und letzten Endes sind mir bestimmt auch ein paar gelungen.
Die grünen Passagen finden sich ausschließlich in der gedruckten Form. Es ist davon auszugehen, daß manche Sachen vor Drucklegung noch mit Kristin Horn abgestimmt und ergänzt wurden
Die roten Passagen finden sich ausschließlich in dem Schreiben von Kristin Horn an Gabriele Haefs, meint: das sind die ursprünglichen Antworten. Einleitung und Ausklang wurden belassen, zwecks Stimmungsbild und so.
* * *
Zu diesem Interview:
Da Freudenstadt und Hamburg ein bißchen weit auseinanderliegen, habe ich Kristin Horn die Fragen zugeschickt und sie hat sie schriftlich beantwortet. Dadurch erklären sich Brüche, die sich bei einem "Live"-Interview hätten vermeiden lassen können. Das im Folgenden zitierte Buch von Hein und Oss ist: "Rotgraue Raben - vom Volkslied zum Folksong", Südmark Verlag, 1969. Mir als Zu-Spät-Geborerer [Anm.: Gabriele Haefs ist Jahrgang '53] kam es immer als guter Einstieg in den Waldeck-Mythos vor, das Interview mit Kristin Horn erweckt allerdings den Verdacht, daß es als Quelle mit Vorsicht zu genießen ist, wird doch z. B. auf S. 29 Carsten Linde als "Funktionär" (Anführungsstriche im Buch!) von Burg Waldeck bezeichnet.
Kristin Horn schickte am 1.9.1988 folgendes Rundschreiben aus (leider erreichte keins den Folk-MICHEL):
"Liebe Freunde,
um nicht wieder - wie schon einmal - Gerüchten hilflos ausgesetzt zu sein, erkläre ich hiermit unfeierlich, daß ich weder schwerkrank, noch wenigstens mit einem hübschen Jungen durchgebrannt bin, noch wieder einmal alles gesagt habe, was ich zu sagen hatte, sondern es ist viel zweideutiger: Man (und das sind nicht nur die Veranstalter) läßt mich nicht mehr ans Fenster. Also bin ich weg vom Fenster. das wenigstens sollte ganz klar sein!
Herzhaft, Eure Kristin H."
* * *
Liebe Gabriele Haefs,
wenns keine Phrase war: Ich hätte bestimmt Besseres (Angenehmeres!) zu tun, aber Deine Fragen zu beantworten, halte ich immerhin für wichtig genug. Wichtiger vielleicht sogar, als Du weißt: Denn ich mußte ich Herbst vergangenen Jahres das Liedermachen aufgeben. Ja mußte. Ich hatte als Endpunkt sozusagen einen Rundbrief an die lieben Freunde verschickt, aber natürlich nicht alle Interessierten konnte ich informieren.
Kurz und gut: ich bin weg vom Fenster ...... getreten worden, könnte man den Satz bitter ergänzen. Aber ich bin nicht bitter. Nur ernüchtert. Es war auch kein harter Schnitt, sondern ein sich deutlich abzeichnendes Ende: keinerlei Engagements mehr, sogar viele festgemachte Termine wurden abgesagt. Da gibt es natürlich Spekulationen, wer warum wie über mich geredet hat, und es gibt Informationen über Aussagen von Kollegen, die ich lieber nicht gehört hätte. Aber es ist wie es ist. Und nun habe ich zu schreiben begonnen und sage eben auf diese Weise, was ich sagen möchte und muß. Daß ich wirklich nicht verbittert bin, soll Dir beiliegender Text zeigen, der gewissermaßen mein Abgesang war. Ich habe es öffentlich nicht mehr gesunden [sic!]. Jetzt nehme ich mir also Deine Fragen vor und beantworte sie der Reihe nach. Du kannst dann die Lücken auf Deinem 'Fragebogen' damit füllen, falls Du jetzt überhaupt noch Interesse daran hast. Aber möglicherweise ja erst recht. Das beiliegende Foto ist ziemlich neu (vom letzten Plakat, das Du eventuell kennst?), ein altes habe ich leider nicht mehr, bin, bevor ich den Rundbrief verschickte, mit einem harten Besen durch die Geschichte meiner Liedermacherei gefahren, und besitze jetzt nur noch meine Lieder als 'Dokumente' und natürlich das, was sich im Kopf eingeschrieben hat.
Versuchen wir's also.
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Kristin Horn - "Ich rühre tagtäglich mein Leben um"
FolkMichel 3/88
(Gabriele Haefs)
Bleiben die Fragen - 25 Jahre "nach Waldeck". Ist es symptomatisch, daß die besten Leute nicht zum Zuge kommen? Und wenn ja, kann die Wie-auch-immer-Szene sich das wirklich leisten?
Gabriele Haefs:
Nach 20 Jahren - wie siehst Du die Funktion der Waldeck für Deinen künstlerischen Werdegang?
Kristin Horn:
Die Waldeck war der Beginn eines Trends, das wurde sofort spürbar. Dazu gehörte, so links wie möglich zu sein und auch, sich in einen bestimmten 'Sound' einzufügen. Nur wenige entgingen dieser Versuchung. Die Versuchung, der ich persönlich entkommen wollte und auch entkam, war, mich festlegen zu lassen auf das, was 'ankam'. Und so zog ich mich nach kurzer Zeit zurück, auf die Suche, was ich selber wollte. Denn das war nicht der Erfolg! Was ich wollte, war, das zu sagen (zu singen), was ich mit meiner ganzen Person vertrete. Im Grunde: bin. Und ich hatte Angst, daß aus den Augen zu verlieren. das geht nämlich schneller als man glaubt. Wer sich der Beeinflussung von Verlockungen gewachsen fühlt, ist ihnen meiner Meinung nach schon verfallen. Jedenfalls in der Jugend. Und damals waren wir ja noch ziemlich jung.
GH:
Die Gretchenfrage für Waldeckleute: wie hältst Du's mit der Politik? Siehst Du Dich als politische Sängerin - und was bedeutet das für Dich - oder wie siehst Du sonst Deine Funktion, Deine Aufgabe in der Musik, als Texterin und Musikerin?
KH:
Natürlich bin ich eine politische Liedermacherin. Alles, was die Gesellschaft (Polis) anbelangt, ist politisch. Und die 'Funktion' des Liedermachens ist, bewußt zu machen, bewußt zu machen, bewußt zu machen!!!!!! Erstens mit dem Text, und insofern gleichwertig mit der Musik, als sie interpretatorisch wirkt. Und selbstverständlich mit der Person! Die Glaubwürdigkeit ist das A und O des Liedermachers. Einer, der glaubwürdig scheint (weil er ein guter Schauspieler ist), wird letzten Endes nicht das Vorgegebene erreichen, wieviel er auch erreichen wird. Der Liedermacher hat mit seiner ganzen Person für das einzustehen, was wer singt. Nur so hat er das Recht, sich der Gesellschaft gegenüber- und entgegenzustellen.
GH:
Nun habe ich die Namensliste bei Hein & Oss ausgezählt und festgestellt, daß in "Rotgraue Raben" 252 Männer und 26 Frauen erwähnt werden. Nun ist zwar die bundesdeutsche Folkszene stark männerdominiert, aber so schlimm ist es denn doch nicht. War es damals so?
KH:
Ja, es waren damals auf der Waldeck mehr Männer als Frauen. Aber die Frauen, die da waren, standen nicht in ihrem Schatten, weil sie Frauen waren. Der 'Kampf' wurde auf der intellektuellen Ebene geführt. Du verstehst: man sortierte sich. Man orientierte sich. Man grenzte aus. Lobte nur Gleichartiges, um auf die Weise sich selbst zu loben. Zum Beispiel schon damals wurde ich nur mit Männern, nie mit Frauen verglichen. Und das mochten die Männer natürlich auch damals schon nicht. ... [Anm.: an dieser Stelle bezieht sich KH in der Korrespondenz auf eine zusätzliche Frage; GH hat beim abgedruckten Interview die beiden Fragen zusammengeführt, da KH an dieser Stelle auf die vorige Antwort verweist]. Es gab wohl seinerzeit noch nicht viele Liedermacherinnen. Außerdem bin ich der Meinung (wie überhaupt alles, was ich hier sage, meine Meinung ist!), daß die Liedermacherinnen heute zwar zahlreicher sind, aber deshalb nicht unbedingt auch schon gut. Es gibt gute, gewiß. Aber die guten Liedermacher sind besser. Viel besser!
GH:
Hein & Oss schreiben: "Die weithin verkannte Kristin Bauer-Horn". Inwiefern verkannt, von wem - und wenn 'verkannt', ist das dann ein Grund dafür, daß in 20 Jahren nur drei (glaube ich) LPs erschienen sind?
KH:
Die Kröhers hatten von Anfang an eine besondere Affinität zu mir, und zwar die von einer, die man nicht verstehen kann. Das haben sie bis heute beibehalten. Aber als solche mochten sie mich und mögen mich auch heute noch, wenn wir uns sehen. Nein, verkannt war ich nicht. Attackiert wurde ich. Bis nach Israel war's zeitungsgemäß gedrungen, daß ich 'elitär', 'reich' und 'viel zu gut verheiratet' war, alles natürlich Todsünden, die übrigens auch gar nicht zutrafen, bis auf meine Ehe. Aber das Vorurteil hat sich so zäh gehalten, daß noch nach über 20 Jahren Kröhers Blicke bewundernd auf einem Paar billiger Ausverkaufsstiefel hafteten, von denen sie meinten, daß das wieder einmal alles vom Allerbesten bei mir sei. - Und in PARDON stand, daß mein Hund ein goldenes Armband trüge. Wie dann anschließend meine Texte besprochen wurden, kannst Du Dir vorstellen. Ich gehörte - das wurde damals ganz richtig von allen gespürt - nicht in die Szene. Ich gehörte niemals irgendwo in eine Szene. Und das hat mich auch frei bleiben lassen. Und das war es vielleicht auch letzten Endes, was einerseits das große Interesse an mir und andererseits die Ausgrenzung bewirkte: daß ich frei war und frei bleiben wollte, also kein Abklatsch von irgendwem oder irgendeiner Idee oder einem Trend. Kurz und gut: nicht verkannt, aber auch nicht verstanden. Denn freilich kam das hinzu, daß damals in den Anfängen die Hörsensibilität nicht annähernd geschult war. Obwohl meine Lieder damals nicht übermäßig anspruchsvoll waren. Und ich merke gerade, daß ich lächle (oder grinse?), während ich das schreibe. Du, es ist mir so wurschtpiep, ob ich damals schon verkannt oder unverstanden war. Hauptsache war doch, daß mit der Waldeck die ganze Liedermacherei in Bewegung kam. Denn das kam sie ja tatsächlich trotz aller Mickrigkeiten. Wo gibt es die denn nicht!
GH:
Was Hein & Oss schreiben, scheint auch darauf hinzuweisen, daß das Publikum sich von den Texten der Kristin Bauer-Horn überfordert fühlte. Ich zitiere: "Kristin Bauer-Horn, der man am Sonntag einen Auftritt auf dem großen Festkonzert verweigert hatte, weil man ihre 'kleinen Lieder' offenbar für ungeeignet hielt, veranstaltete grollend vor einem Zirkel 'geladener Gäste' einen zweiten, nahezu privaten Abend." Welches Jahr war das, und wer verweigerte den großen Auftritt, mit welcher Begründung?
KH:
Ja, also überfordert kann man sagen im Sinne von erschwertem Verstehen. Und verweigert wurde mir gar nichts! Das klingt nur besser, als wenn man schriebe, daß es den Veranstaltern zu mühselig war, ein Klavier auf die Bühne zu transportieren. Warum es zu mühselig war, ist freilich eine andere Frage, irgendwo oben schon 'durch die Blume' beantwortet. Und das Konzert, das ich dann im Sälchen gab, war so rammeldicke voll, daß keiner mehr hineinging, und um ungestört arbeiten zu können, stellten wir einen Türposten auf, der keinen mehr reinließ. Und damit hing auch mein Groll zusammen: weil es so unruhig war. An dem Abend übrigens habe ich, erinnere mich gerade daran, viel zwischen den Liedern geredet, was sonst gar nicht meine Art war, damals. Es muß mir also gut gegangen sein. Selbst wenn ich aggressiv gewesen sein sollte - geredet habe ich immer nur, wenn es mir gutging. Meine Kompensationsmöglichkeiten habe ich anderswo gesucht und gefunden: nämlich mit den Augen. Die Leute ansehen!
GH:
Das idyllische Bild, das Hein & Oss sonst so zeichnen, wirft durchaus Risse - hast Du es damals so empfunden, daß es Konkurrenzverhalten und Eifersüchteleien unter den Waldeckern gab?
KH:
[Satzanschluß von KH dezent anders, wahrscheinlich war die Frage ursprünglich anders gestellt] Dazu habe ich vorne schon gesagt, daß es natürlich Kämpfe gab, harte! Es gab einen ,der sehr darunter zu leiden gehabt hat, aber ich tue ihm den Gefallen nicht, seinen Namen zu nennen, weil der mir so viel Schaden in den letzten Jahren beigefügt hat, indem er den Veranstaltern ausredete, mich zu nehmen, weil ich 'zu gut, einfach zu gut und zu stark für kleine Säle' (die ich kaum füllte) sei. "Kristin gehört in Hallen!" (Wenn er das je lesen sollte, ärgert er sich kaputt!) Und idyllisch? Ich weiß nicht, ob man es idyllisch nennen kann, wenn auf Teifelkommheraus gesoffen und gebumst wird. Ich erinnere mich nicht, auf meinen Spaziergängen in der wirklich schönen (meinetwegen auch idyllischen) Landschaft je einen gesehen zu haben. Die hingen da tagelang rum und ergingen sich aneinander. Idyllisch?
GH:
Hein & Oss schreiben weiter, daß "die Tiefendimension solcher Lyrik nicht so sehr mit dem Verstand, als mit der Phantasie und dem inneren Erlebnisvermögen erfaßt sein wollten". Teilst Du diese Meinung? Und - wenn ja - gilt das auch noch für die Texte der 80er Jahre, oder hat sich Dein Stil sehr geändert?
KH:
Na, nun ist mir ja oft genug 'bestätigt' worden, daß ich eigentlich überhaupt nur mit dem Kopf und über den Kopf arbeite. Und erst in der letzten Zeit war das durchgebrochen (ja, es war wirklich ein Durchbruch!), daß ich zwar noch über den Kopf sang, aber direkt durch den Kopf mitten in die Mitte (Herz, Bauch und so - wie man sagt). Und das ist doch klar, daß der Liedermacher das alles braucht: Verstand, Phantasie, Erlebnisvermögen. Und der Zuhörer braucht's auch. Und weißt Du, die 'Tiefendimension meiner Lyrik' ist schon immer eine Riesensehnsucht nach Klarheit gewesen, wie ich vorhin sagte: nach Bewußtsein. Und freilich hat sich mein Stil geändert, oder sagen wir: daß er 25 Jahre älter geworden ist - gelebtes Leben! So wie mein Gesicht heute auch noch dasselbe ist, nur eben auch 25 Jahre älter. Und dann kommt hinzu, nein, das kommt nicht hinzu, das ist das Primäre: Die Ängste, die ich damals (berechtigt) hatte, mich zu verlieren, bevor ich mich überhaupt wirklich hatte, die sind natürlich weg. Vor keiner Beeinflussung der Welt würde ich mich heute noch fürchten, ohne aber etwa verschlossen zu sein. Ich rühre sowieso tagtäglich mein Leben um, damit kein Bodensatz entsteht. Gerne nehme ich alles auf, was sich mir nähert. Und stoße es auch wieder ab. Je nachdem eben. Verändert ja und nein also. Ich würde sagen: die Frau ist nicht nur älter geworden, die hat auch inzwischen gearbeitet (gelebt!), und das merkt man.
GH:
Weiter Hein & Oss: Ihre Melodien sind "im Grunde konventionell". Nun kenne ich die der 60er Jahre nicht, und auf die der 80er scheint mir das nicht zuzutreffen. Was meint Kristin Horn dazu?
KH:
Meine Musik soll jeder hören, wie er mag. Sie ist schön, spröde, lullt nicht ein, hat Überraschungen zu bieten, und biedert sich vor allem nicht an. Und Du kannst Dich sogar in ihr wohlfühlen. Das weiß ich von mir selbst. Und das heißt etwas, denn stets habe ich das kritische Ohr offen. Wenn's nicht prahlerisch klingt: bei jedem Ton. Und da ich einfache Musik mache (also eine, die die Schnörkel und Aufgedunsenheiten hinter sich hat), kommt es ja tatsächlich auf jeden Ton an. Und konventionell ist ja weiß Gott (zumindest in der letzten Zeit) was ganz anderes. Nee. Ich habe meine Musik gemacht, und die ist deshalb auch mit keiner zu vergleichen.
GH:
Alte Waldeckleute geraten ja leicht ins Schwärmen, wenn von den Waldeckjahren die Rede ist, schwelgen in Erinnerungen und Anekdoten und die Nachgeborenen sitzen daneben und verstehen nur Bahnhof. Aber gibt es darüber hinaus heute noch einen Zusammenhang, eine Zusammenarbeit, so eine Art "Waldeck Internationale"? Daß z. B. Carsten Linde Deine LPs produziert [Anm.: Linde, einer der ersten wichtigeren Produzenten von Folk- und Liedermacheralben, auch im Zusammenhang mit dem Irish Folk Festival gerne genannt, hat die Produktion der beiden 80er Alben von KH übernommen] und Christof Stählin bei einer der Covergestaltung mitwirkt [Anm.: Stählin hat seine Handschrift für "Einfach Lieder" zur Verfügung gestellt], kann diesen Eindruck erwecken - oder ist das reiner Zufall?
KH:
Sicher ist da so ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl (siehe Lied) sentimentaler Art: Man hat doch mal zusammen angefangen, schließlich. Und da gibt es auch Treffs. Auch mal auf der Waldeck. Aber da ich vom Schwärmen nichts halte ... na, das weißt Du inzwischen.
Mir fällt Deine Frage nach den LPs ein. Du weißt anscheinend gar nicht, daß ich 'jahrhundertelang' keine Lieder mehr gemacht und gesungen hatte. Gemalt hatte ich inzwischen, und halt gelebt. Und als ich dann wieder endgültig entschieden hatte, zurückzukommen (ein paar kurze 'Gastspiele' zwischendurch hatten keinen Entscheidungswert), kam ja sofort mit dem Deutschen Kleinkunstpreis '82 die erste und kurz darauf die zweite Platte. Diese LP, die ich jetzt ohne Mädchennamen (also ohne Bauer vorm Horn) machte, kam mir plötzlich maniriert vor (um Deine Frage weiter vorne noch zu beantworten. Nein, Carsten Linde ist nicht Erdmann Linde, das verwechselst Du, der ist kein Waldeckianer. Und Christof Stählin ist mir ihm befreundet, glaube ich [Anm.: Carsten Linde war der Produzent des ersten Stählin-Albums "Privatlieder"] und Carsten Linde gefiel diese Schrift, die übrigens mir überhaupt nicht gefällt - auch maniriert.
GH:
Cobi Schreijer [Anm.: Niederländische Liedermacherin], ebenfalls eine der wenigen von Hein & Oss erwähnten Frauen, hat in den 70er Jahren immer wieder den Festivalveranstaltern vorgeworfen, Frauen zu ignorieren und ihnen geringere Auftrittschancen einzuräumen als den Männern. Deckt sich das mit Deinen Erfahrungen von damals, oder hast Du ganz andere Erfahrungen gemacht?
KH:
Ach weißt Du, das kann sich mit meinen Erfahrungen deshalb nicht so decken, weil ja die Frauen genau wie die Männer gegen mich eingestellt sind. Die Emanzipationswelle wollte mich so gerne mitschwappen, aber da setzte ich halt meine inzwischen gewonnene Sicherheit des eigenen Weges durch, was heißt, daß ich einigen Absagen an das enggefaßte, eindeutige, zielgerichtete Emanzipationslied - denn das war das an mich gerichtete Ansinnen - niemals wieder auf ein Frauenfestival eingeladen wurde. Sogar EMMA hat sich nach zwei Vorstößen schließlich doch gegen mich entschieden, obwohl die, sollte man meinen, eine Schicht mehr denken kann. - Tja, und die Männer (jetzt nicht die Kollegen, sondern die Veranstalter), ... ich hab's ihnen halt immer ziemlich schwer gemacht, sich als Glücksbringer zu fühlen. Und ich sag's noch mal, ich bin nicht so sehr als Frau ignoriert worden, sondern eher als jemand, dem gegenüber sie sich durchsetzen mußten. Woll'n doch mal sehen, wer hier der Stärkere ist! Und nun seh'n wir's ja! Und also wissen wir jetzt, wer die Stärkeren sind. Auf jeden Fall die, die es in der Hand haben, ob sie einen eine Sendung machen lassen oder was auch immer. So viel Macht, einem den Hahn abzudrehen. Welch Glücksgefühl. (Aber jetzt mußt Du endlich noch wissen, daß ich 182 cm groß bin und sehr drahtig - wenn Du was von Psychologie verstehst).
GH:
Ich möchte einen Text von Deiner LP "Was treibt uns um?", 1983, zitieren:
"Wenn du eine Faust machst,
pflanzt du keinen Baum.
Wenn du einen Stein wirfst,
fliegt keine Taube aus deiner Hand.
Wenn du eine Waffe abdrückst,
wächst keine Rose aus dem Lauf.
Das mußt du wissen,
wie sehr du auch im Recht bist."
Dieses Lied kommt hinter dem Lied "Karl Marx", wobei Karl Marx nicht unbedingt dagegen war, den Stein zu werfen. Ist es ein Bekenntnis zum Pazifismus?
Im Zusammenhang mit Karl Marx fällt mir auf, daß Männer viel häufiger als Frauen in Deinen Liedern die Hauptpersonen sind (Karl Marx, Hauke Haukeson, der General, der Gärtner) - spiegelt das einfach nur die Verhältnisse innerhalb der Musikszene wider oder hat es einen besonderen Grund?
KH:
Also liebe Gabriele, ich habe den Verdacht, daß Du Dir nur mal schnell so die Textblätter angesehen hast, und das womöglich auch nur von "Was treibt uns um?". Denn wieso könntest Du sonst meine "Gärtnerseele" einem Mann zuordnen. Jetzt guck aber gleich mal nach. Das ist nämlich eine alte Frau. Und zum Stein: ich bin ein Steinschmeißer, natürlich! Ich bin einfach (im Sinne des Wortes) radikal: suche die Wurzel und gehe an die Wurzel. Und wenn nur der Stein, der fliegende und treffende, die Wurzel bloßlegt, dann fliegt und trifft er eben (lieber ist mir, wenn die Drehung [Anm.: KH hat hier einen Tippfehler, schreibt "Drhung". Nach meiner Interpretation müßte hier eigentlich "Drohung" stehen, aber vielleicht geht mir auch etwas durch die Lappen] reicht). Und so ist dies Liedchen also eine Mahnung an mich selber. Mir selber sage ich: Paß auf, was Du tust! Tu, was Du mußt, aber wisse auch, was Du tust! Gerade eben, weil ich zeitweise sozusagen mit der MP unterm Arm rumlaufe bei dieser Widerwärtigkeit von Großherrentum in Politik und Wirtschaft. Aber so wird es sein: Letzten Endes wird dieses Lied mir nichts nützen. Ich gehöre nicht zu denen, die zusehen, bis alles, aber auch wirklich alles kaputt ist. Und weißt Du, warum? Weil es so viel Mühe macht, sich selbst zu belügen, Ausreden zu ersinnen, Friedlichkeit vorzuschützen, wo nichts war als falsche Skrupel und vor allem wahrscheinlich Feigheit. Gut. Okay, Ich sag nichts weiter.
Und es kommen Männer deshalb oft vor in meinen Liedern, weil es sie gibt, genau wie die Frauen. Kennst Du Clara nicht? Die Mutter in der Eschenstraße und die Elfriede? Und die drei Frauen? Aber ich versuche jetzt nicht, mich zu erinnern, bin schon gar nicht bereit, morgen, wenn ich nach Hause komme, meinen Ordner mit den Liedern (ca.400) zu nehmen, um Dir statistisch zu beweisen, daß Männlein und Weiblein gerecht drankamen. Nein, Gabriele, ich singe über Menschen, und ich mache mir - sang! machte! - keine Gedanken darüber, wer jetzt dranzukommen hatte. Das sind wirklich keine Fragen.
GH:
Aber, zum Schluß, eine sehr wichtige Frage: Welchen Waldeckmenschen würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen?
KH:
Auf eine einsame Insel würde ich gar keinen mitnehmen. Oder umgekehrt, eine ganze Menge, die abladen und wieder wegfahren, das verheuchelte ausgelaugte Volk, damit sie mal wieder was Richtiges zu leben bekommen und es aus ist mit der Routine, die die Worte gekonnt fließen und die Töne so einschmeichelnd klingen läßt.
Ich sehe gerade, daß ich Deine erste Seite als die letzte vor mir habe. Also bekommst Du jetzt Deine Antworten darauf. Obwohl, eigentlich ist alles beantwortet. Oder habe ich nur so viel geredet und Deine Fragen gar nicht wirklich beantwortet? Du kannst aber alles kürzen, wie Dirs zumute ist. Nur muß ich dann die Bedingung stellen, daß Du mir Deine Zusammenstellung zuschickst, bevor Du sie veröffentlichst, falls Du sie veröffentlichst!
Einige autobiographische Daten:
Musikstudium (Klavier), wegen unheilbarer Sehnengeschichte mit etwas mehr als 13 Jahren abgebrochen (aha Wunderkind, denkste jetzt, gel?). Das war in Weimar, bei Celenzék, und dann mit 15 (Sondererlaubnis als jüngste deutsche Vollstudierende) bei Heckel und Baumeister Malerei (bis zu Baumeisters Tod, da war ich 18). Dann Guy Walter kennengelernt, der fand, daß ich eine Chansonstimme hätte. Und dann gings halt mit dem SWF und Willy Schaeffers in Berlin los. Bis ich meinen Mann kennenlernte (23), wonach bereits eine größere Pause eintrat. Und dann die Waldeckzeiten. Und dann wieder Malen (Portraits übrigens, falls Dich das interessiert), und mal wieder ein paar Lieder, und immer so weiter bis um '80 herum. Und da wußte ich plötzlich: Jetzt ist der große Zeitpunkt da! Und er war da! Und nun ist es wieder vorbei. So ist das. Und ich merke, wie das alles langsam Vergangenheit wird, so sehr, daß ich mich schon kaum mehr an die Titel meiner Lieder erinnere.
P. S. Weißt Du, daß ich mit beiden LPs auf der Bestenliste [Anm.: Liederbestenliste des SWR] stand, und zwar 5 mal und 1 mal auf dem ersten Platz (mit dem Bächlein).
Und noch ein P. S. Immerhin ist es erstaunlich, daß Du mich, scheint jetzt erst kennenlernst. Für wen, wenn nicht für Leute wie Dich, hat Thomas Rothschild mit mit Heinrich Heine verglichen und mit Biermann auf eine Höhe gestellt. Da ist es doch wirklich kein Wunder, wenn man als "beste Liedermacherin deutscher Sprache" vor die Hunde geht. Ihr habt wirklich alles fleißig mitgeholfen, auch wenn Ihrs nicht wißt. Aber ich sags noch mal: verbittert bin ich nicht! Zorn habe ich, das ja. Und viel vor!!!!!
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Gruß
Skywise
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"Ist wirklich wahr - ich hab's in meinen Träumen selbst geseh'n ..."
Herman van Veen - "Die Clowns"