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aber nun geht es los:
"Leise Lieder in Lauter Zeit" mit Stephan Graumann...
Alle Werbetrommeln waren gerührt. Die Bethlehemkirche ist mit 57 Gästen für Dresdner Verhältnisse erfreulich gut besucht.
Es herrscht neugierige Stille und Stephan Graumann beginnt mit folgendem Worten zu singen:
"Dieses Lied hab ich als Bremse gleich am Anfang eingebaut,
denn ich hab durch zu schnelles Singen schon manches Chanson ver - dorben..."
Und bevor sich das verschmitzte Lächeln aus den Augen der Zuhörer und der Schalk aus dem Nacken des Sängers so richtig zurückziehen können, hat letzterer seine zugegebene Aufregung abgelegt und fordert :
"nun schlüpft aus eurer Alltagshaut..."
Die Zuhörer lassen sich darauf ein und erfahren, dass sie nun eine Art "Lesung aus den Memoiren des Künstlers" erwartet. Ein Lebenslauf oder Tagebuch, seit dem 16. Lebensjahr dieser Weise geführt.
Der Rahmen wird abgesteckt durch ein "spätpubertäres" Frühwerk über "Trauerweiden" und den Meilenstein "40", welcher im Leben jeden Mannes maximal einmal vorkommt. Dann wird der rote Faden des Abends festgezurrt mit dem Lied "Jeder Mensch braucht eine Liebe" und nach dem Bekenntnis der eigenen großen Liebe, welche schon über 20 Jahre andauert, fühlt man sich in sicherem Fahrwasser. Aber nun kommt es völlig anders, denn gerade im "richtigen" Leben kommt die Liebe oft abhanden.
Von einem zu singen, den man seinen Freund nannte, der nun Tochter und Ehefrau mishandelt, dass ist so schwer, dass selbst ein fast geflüstertes Lied den Seelenfrieden zerbrüllt. Ein Moment tief betroffenen Schweigens, welches die meisten Zuhörer nicht durch Applaus beenden mögen. Auch Stephan Graumann braucht nun einen guten Grund weiter zu singen. Und den findet er in Kindern, seinen Kindern natürlich zuerst. Auch die vielen Kinder aus seinem beruflichen Wirkungskreis fehlen nicht.
Ein aufrüttelndes Lied an Eltern und "Erziehende" trägt den Titel "Lasst mir Zeit!". Und nun ist es nicht mehr weit zur eigenen Schulzeit. Erfreulich für mich, bei aller erwünschten kritischen Sicht, einmal nicht den ausschließlich "schulscheltenden" Liedermacher zu hören. Der bringt es dann auch fertig eine Namensliste zu einem Lied werden zu lassen - seine ehemaligen Schulkameraden dürfen stolz sein. Mit dem anschließenden Lied "Klassentreffen"wird einmal mehr deutlich wieviel Eigentherapie das Programm birgt.
Unsagbare Ohnmacht gegenüber dem Verlust eines Kindes - darf man daraus ein Lied machen? Nein, aber manch ein Lied kommt ohne das wir etwas machen. Es schreibt uns, es singt den Sänger und es kann neben Tränen der Rührung auch das Bewußtsein für das Geschenk des Lebens wacher machen. Ich ertappte mich wieder dabei, dass ich diesem Lied lieber einen Moment Stille gegönnt hätte denn den verhaltenen Applaus.
Diesmal ist es ein vertonter "Fremdtext", welcher die Brückenfunktion innehat und darauf folgt natürlich wieder ein Kinderlied. Und weil Kinder ohne Eltern ja nicht da wären, bekommen nun die "Altvorderen", welche in großer Zahl mit angereist sind, ihr ganz persönliches Familienlied. Sie bekommen denn auch gleich noch gesungen, was die Evolution mit ihnen vorhat, wenn sie kein Computerchinesisch verstehen. Wie im "richtigen" Leben geht es weiter.
Von ohnmächtiger Wut über Dinge welche passieren und von einer geschenkte Tigerente handeln die Lieder. Und endlich wird die Frage beantwortet: "Ist das wirklich all die Mühe wert?". Das heißt, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Stephan beantwortete die Frage eben nicht. Er stellt einfach fest "Ich bin voller Klang, und ich kann nicht anders." Das glaubt man gern und läßt, auch wenn der Pfarrer die Blumen schon angereicht hat, ihn einfach weitersingen immer noch ein Lied. Von Freude, von Abschied, von Ella Martha von... nein, jetzt ist Schluß - ein Abschiedstext von Lord Byron, "Wir wollen nicht mehr schwärmen", bringt alle langsam in die Alltagshaut zurück. Im ersten Moment bin ich taurig, aber dann merke ich sofort, dass es gut ist.
Wir nehmen soviel mit, dass ich froh bin das Konzert aufgezeichnet zu haben.
Vielleicht gibt es das nächste Mal einen kleinen Programmzettel. Das hilft mir jedenfalls immer sehr , wenn ich ein Konzert wieder erinnern will.
Danke an Stephan für einen reichen Abend,
nicht nur, weil er keine Gage genommen hat.
( Es wurden übrigens 200 Euro für die Renovierung der Kirche gespendet.)
Liebe Grüße von Clemens