Beitrag
von Skywise
#14
@ Skywise
Wäre ein Lied gegen die Nazis (wäre es möglich gewesen) auch kritisiert worden, weil es "keine Alternativen aufzeigt"?
Entweder macht ein Lied auf bestimmte Mißstände aufmerksam oder es nennt Alternativen.
Ich brauch' kein Lied, daß "Scheiß Nazis" als Grundtenor hat, erst recht keins, das Pauschalschelte gegen braune Horden verteilt. Ich hatte vor ein paar Monaten ein Erlebnis der dritten Art, als sich jemand in einem anderen Forum lautstark gegen "die Nazis" ausgelassen hat, bei einem anderen Beitrag allerdings Gedanken zum Thema Islam/Moslems/Muslime geäußert hat, vor denen Himmler wahrscheinlich ehrfürchtig auf die Knie gesunken wäre. Anscheinend glauben mittlerweile einige Leute, man wird zum Nazi, indem man sich morgens vor den Spiegel stellt und sagt "Ab heute will ich ein Nazi sein" oder indem man braun zu seiner neuen Lieblingsfarbe erklärt. Das Thema ist deutlich komplexer und vielschichtiger, mit irgendwelchen Allgemeinplätzen hebelt man das Thema bestimmt nicht aus.
"Bildungsnotstand" ist ein "Lächerliches Problemchen"???
Hier geht es um Existenzen!
Du darfst gerne den ganzen Satz zitieren, den ich damals geschrieben habe. Ich habe in diesem Satz einen Vergleich gezogen zu einer anderen Situation, gegen die der Bildungsnotstand ein lächerliches Problemchen ist.
Es geht darum, dass Menschen GEZWUNGEN sind im Supermarkt, Amt, als Pommesrüttler, im Büro, als "Schuhverkäufer, an der Tankstelle (neben "Wallmart" in US-Serien/Filmen DIE miese Arbeit schlechthin ala "Du willst doch nicht an der Tankstelle enden") im Baumarkt usw. zu arbeiten. Wenn sich ein Abiturient entschließt Jobcenter-Sachbearbeiter zu werden, ist der Trottel selbst Schuld (die sind NIE glücklich). Aber wer nicht die Wahl hat, und eine miese Arbeit ausüben MUSS ist ein schweres Opfer dieses Staates.
Machst Du es Dir da nicht ein bißchen arg einfach? Das kann man nur dann behaupten, wenn a) alle Kinder, die an der Schule ankommen, die gleichen persönlichen Voraussetzungen hätten und b) der Markt in diesem Spielchen nur eine untergeordnete Rolle spielen würde. Weder das eine noch das andere ist der Fall.
In Deutschland machen ~33% das Abitur, haben eine uneingeschränkte Studienberechtigung. In Südkorea und Finland sind es 96%.
In Finnland studieren auch knapp 75% falls ich nicht irre. Man sieht, JEDER kann Abitur machen, wenn der Staat und die Eltern nur wollen.
Ja. Und? Warum ist die Arbeitslosenquote in Finnland höher als die in Deutschland, wenn die Leuts dort doch alle Abitur haben und studieren können? Oder hängt es eventuell damit zusammen, daß einen das Abitur oder ein abgeschlossenes Studium nicht vor einem Gang zum Arbeitsamt oder vor einem Job in einer Quetschfleisch-Bude bewahren?
Ich glaube nach wie vor nicht, daß wir irgendwas mit einem "Bildungsnotstand" zu tun haben, auch wenn uns das in der Presse immer wieder unter die Nase gerieben wird. Weit eher, daß wir einen "Gesellschaftsnotstand" haben, denn wenn ich mich in meinem ollen Schuljahrgang so umschaue, dann finde ich da eine ganze Menge Leute, die ihre Inspiration für ihren späteren Beruf, das entsprechende Netzwerk und sogar die ersten konkreten Hinweise auf Anforderungen und benötigtes Fachwissen *außerhalb* der Schule gefunden und dann mehr oder weniger gezielt darauf hingearbeitet haben. Ich kann mir nicht anders erklären, daß ich mit heutigen Piloten, Apothekern, Schreinern, Bäckern, Astrophysikern, Versicherungsvertretern, Rechtsanwälten, Buchhändlern sowie diversen Arbeitslosen und späteren Selbstmördern gemeinsam die Schulbank gedrückt habe.
Man erzähle mir bitte nicht, dass das beispielhaft Genannte, auch nur eine Person aus anderen Gründen als dem Geld macht. Nein, das gibt es nicht.
JEDE von diese "Arbeitsdrohnen" würde kündigen, wenn er/sie zu 25mio käme (egal wie, aber legal).
Und Du meinst, jeder Abiturient und jeder Studienabgänger hätte die Chance auf 25 Millionen? Und das legal?
Die 5Mio-Gewinnerin beim Jauch tönte noch das sie ihre Boutique behält und weiter dort arbeitet. Was geschah, sie verkaufte die Boutique, und arbeitet gar nicht mehr. Warum log sie? Sie wollte sich bei der arbeitenden Masse einschmeicheln.
Vielleicht hat sie auch gar nicht gelogen, sondern es sich nur später anders überlegt, wer weiß?
Szenario dass ich mir mal wünsche: Supermarktdrohne antwortert auf diese Frage (vorher oder nach dem Gewinn der Mio) "Ich gebe die Drecksarbeit im Supermarkt auf". Wie würden sich die Kollegen, ja alle Supermarkt/Baumarkt...-Drohnen im Sendegebiet fühlen? Die wäre in ihrer Ehre verletzt.
Ich glaube, da überschätzt Du die "Drohnen"-Ehre aber ganz, ganz mächtig! Nach meiner Erfahrung in den hiesigen Supermärkten würde wahrscheinlich der größte Teil der Belegschaft rufen "Recht hatter!", und ein paar weitere würden hinzufügen "Würd' ich auch so machen!".
Ist nun mal Fakt, und es tut dem Deutschland gut, welches z.B. beim Thema Jugendarbeitslosigkeit NUR von "Ausbildungsplätzen" redet, und Abitur und Studium völlig ignoriert.
Kann es sein, daß Du gerade die normalen Arbeitsplätze völlig ignorierst? Man braucht keine Ausbildung und kein Abitur oder Studium, um grundsätzlich Arbeit zu finden.
Laut einen Radiobericht (Politikum müsste es gewesen sein) sind CHinesische Kinder glücklicher als Deutsche. Trotz ihres Lernpensums. Haben sie es aber einmal hinter sich, können sie selbst wählen was sie machen wollen. Dann beginnt das selbstbestimmte Leben, und nicht so wie in Deutschland die Zwangs-"Karriere" als Arbeitsdrohne.
Hm. Wie sag' ich's ... Kennst Du zufällig den Science-Fiction-Roman "Eden" von Stanislaw Lem? Es geht da um eine Gruppe von Wissenschaftlern, die auf einem Planeten, genannt "Eden", notlanden muß. Während sie ihr Raumschiff wieder fit machen, beobachten sie in einiger Entfernung die Aktivitäten der ihnen völlig fremden Bevölkerung von "Eden", mit der sie nicht kommunizieren können, wobei sie für die wenigsten Ereignisse eine logische Erklärung finden. Sie werden auch anscheinend Zeugen eines Mordes. Der anwesende Psychologe verhindert aber ein Eingreifen seiner Kollegen und konfrontiert sie damit, daß all ihre Schlußfolgerungen auf ihren Erfahrungen als Erdenmenschen beruhen. Es ist ihnen daher unmöglich, diese völlig fremde Kultur, die sich wahrscheinlich auf ganz unterschiedliche Weise entwickelt hat als die Menschen, und sich auch in ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen drastisch unterscheidet, korrekt zu beurteilen und zu verstehen.
Jetzt wende diese Erkenntnis mal auf Deine Schlußfolgerung an. Es mag Dir unmöglich erscheinen, aber die allermeisten Chinesen hegen gar nicht den Wunsch nach einer Verwirklichung ihrer individuellen Pläne. Sie werden von klein auf darauf getrimmt, ein Rädchen in einem gigantischen Kollektiv zu sein, in dem jeder mehr oder weniger seine Aufgaben zu erledigen hat. Insofern ist Deine Schlußfolgerung vom "selbstbestimmten Leben" ziemlich zynisch.
Es tut sich derzeit einiges in China, aber selbst einige Kollegen, die dort jahrelang gelebt haben, sind sich nicht sicher, welche Auswirkungen der wirtschaftliche Boom und der Zugang zu Informationen über das Leben außerhalb Chinas auf die gesellschaftlichen Strukturen haben wird, denn dieses Land funktioniert nur, indem man Individualität aktiv und passiv ignoriert.
Viele "Drohnen" scheinen über ihre Arbeit wie eine Krankheit zu reden. Das sagt ein Philosoph in der Doku "Future Works". Evtl. bekomme ich es sinngemäß zusammen.
Bei einer Krankheit sagt man sich "ich schaffe es noch bis x Uhr etwas zu tun".
Die gleiche Einstellung bei der Arbeit. "Ich schaffe es noch bis 5 uhr", "Ich schaffe es noch bis zum Wochenende", "Ich schaffe es noch bis zum Urlaub" (er nannte "Thailand" als Beispiel), "Ich schaffe es noch bis zur Rente".....
Ich habe kein Interesse an diesen Dingen.
Mit entsprechender Qualifikation müsste mich wahrscheinlich der Wachdienst abends (z.B. aus dem Labor) werfen, weil ich wieder ungemeldet unbezahltet Überstunden machen würde. Man müsste mich zwingen den Jahresurlaub zu nehmen, und ich würde mich weigern in Rente zu gehen.
Ideal ist der "Nerd" mit guten Computer/Programmierkenntnissen, Arbeit im Naturwissenschaftlichen oder technischen Bereich, evtl. auch das Programmieren. Aber nicht als Programmierdrohne die nur Nach Auftrag Dinge programmiert, die einen selbst nicht interessieren.
Ne, ganz ehrlich - ich persönlich würde lieber in einem Winz-Kaff tot überm Zaun hängen, als lebenslang so einen Job zu erledigen. Ich habe lange genug mit Forschern im naturwissenschaftlichen Bereich zusammengearbeitet, um ganz klar zu sagen: absolut nicht meins. Ich war froh, auf der betriebswirtschaftlichen Seite zu stehen und die Show von außen genießen zu können. Meinen tiefsten Respekt hatten diese Leute für ihre Leistungen, ihre Neugierde, ihre äußerst struktuierte Vorgehensweise und ihre Ausdauer. Meine definitive Überzeugung: für so einen Job muß man zunächst mal geboren sein; das Know-How ist eigentlich erst mal zweitrangig. Und ich kann aus dieser und aus allen weiteren meiner Berufszeiten ganz klar sagen: die Leute mit der "noch bis 5 Uhr"-Mentalität trifft man überall und man legt sie auch häufig genug selbst an den Tag. Was nix ausmacht, solange es wenigstens einen Ausgleich gibt.
Ein Leben als "Arbeitsdrohne" die nur des Geldes wegen arbeitet, wäre für mich das Ende. Ein Grund das Leben zu beenden.
Der gesunde Deutsche, der sich in der Schweiz mit Hilfe einer Sterbeorganisation umbrachte, hatte evtl. Hauptschulabschluss und Festanstellung beim Lidl, und dachte sich "ich hab keinen Bock mehr, keine Zukunft".
Der hatte wirklich nur "keinen Bock mehr", keine Krankheit. Bilanzsuizid nennt man das.
Und es ist jedem sein Recht, sich auch wegen so etwas umzubringen.
Klar. Allein schon deshalb, weil man ihm bei erfolgreich durchgeführtem Selbstmord schwerlich im Anschluß den Prozess machen kann.
Hinzu kommt noch, daß ich mich frage, warum ich gegen die Nationalhymne vorgehen sollte?
Es geht um provokante Kritik am Staat. Die kann NUR provozieren und durch die Medien gehen, wenn sie strafbar ist.
Hm.
Paradoxerweise ging allerdings etwas eindeutig Erlaubtes (eine Aufnahme des vollständigen "Lieds der Deutschen" durch Interpreten wie etwa Heino) deutlich mehr durch die Presse als entsprechende Parodien (Ulrich Hundt & Schroeder Roadshow, Parodie "Deutschlandlied" auf dem Debütalbum "Auf freiem Fuß ...!!!!"). Wahrscheinlich, weil man argumentieren kann, daß es eine Parodie auf das "Lied der Deutschen" ist und nicht auf die Nationalhymne an sich ...
Zugleich auch das Gesetz gegen "Die Beleidigung des Deutschentums" (in Anlehnung an das weniger hart strafende türkische Pendant) anprangert. Wenn jemand wegen so etwas bestraft wird, oder man es versucht, wird es der Masse bewusst, dass es dieses Gesetz gibt.
Und dann ...?
Lehnt man sich wieder zurück, denkt sich "ich hab' nicht vor, die Nationalhymne zu verunglimpfen" und widmet sich wieder seinem Bier ...?
Es geht nicht darum den Originaltext an sich in Frage zu stellen.
Der im übrigens nicht nur aus der 3. Strophe besteht, das komplette "Lied der Deutschen" ist offiziell Nationalhymne.
Nö, nur die dritte Strophe, und die auch nicht per Gesetz, sondern aufgrund einer Einigung der verantwortlichen Stellen.
Der Originaltext ist dabei irrelevant, der wird dabei nicht kritisiert.
Die Melodie als Smybol Deutschlands erzeugt erst die Wirkung bei einem solchen Text. Einfache Logik.
Ich glaube, in den USA, in denen nationale Symbole einen deutlich (!) höheren Stellenwert genießen als hierzulande, würdest Du damit durchkommen, aber hier ...?
Oder anders gesagt: ich hab' in letzter Zeit in der Presse ziemlich viel über die Machtkämpfe in der Ukraine gelesen, über Melanie Müllers anscheinend schwer zu bändigende Oberweite im Dschungel, über die bösen, bösen Schweizer, die die EU nicht mehr lieb haben, über die ehemaligen Lieblingssäue der Presse, die vor einigen Wochen noch durch diverse Dörfer getrieben wurden wie anderenorts Protz-Bischöfe. Anscheinend gibt es kaum noch Reporter im Bundestag, die über was Anderes berichten wollen als über Diätenerhöhung und Kinderpornographie (beides nur bedingt politische Themen), oder auch über diverse Punkbands oder Deutschland-Provokateure (ich gehe davon aus, daß es noch welche gibt). Ich glaube im Augenblick, die deutschen Nationalsymbole sind schlichtweg kein Thema in der Öffentlichkeit.
Gruß
Skywise
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"Ist wirklich wahr - ich hab's in meinen Träumen selbst geseh'n ..."
Herman van Veen - "Die Clowns"