Herr zu Guttenberg: Ich habe ihn nie gemocht, ich fand, dass seine Selbstdarstellung und permanente Medienpräsenz schon arg überzogen war. Aber diese Meinung ist privat und spielt letztlich keine Rolle. Und auch wenn ich fand, dass er politisch nicht wirklich was geleistet hat, war er halt nun mal Verteidigungsminister und damit gut.
Aber dann tauchten eines Tages die Plagiatsvorwürfe auf. Wir haben das diskutiert und Mr. X meinte anfangs, dass er befürchte, Guttenberg würde damit durchkommen. Ich sagte, dass das nicht möglich wäre, denn dann würden sie einen Präzedenzfall schaffen. Über 76 % aller Seiten seiner Dissertation enthielten strittige Texte. Und in dem Fall - so wie er es immer noch tut, von einem Versehen zu reden - ist einfach ein Unding. Er hat ganz bewusst seinen Doktorgrad auf Kosten anderer erschlichen.
Ich gebe zu, bei mir war da - als eher dem linken Spektrum zugeneigter Person - ein bisschen Schadenfreude mit von der Partie. Dass es einen konservativen Bayern, einen CSUler betraf, war mir einfach lieber.
Aber ich habe von Anfang an auch gesagt, dass jetzt bestimmt dem einen oder anderen Politiker - gleich welcher Partei - der Arsch auf Grundeis geht, da die Internetgemeinde wohl auch andere Arbeiten überprüft. (Und der Fairness halber überprüfen sollte ...) Mittlerweile existiert eine Liste, in der wirklich alle querbeet (incl. amtierendem Papst

) aufgeführt sind. Und wahrscheinlich kommt da noch manches ans Licht, was der oder die Betreffende lieber verheimlicht hätte.
Aber es hatte nun mal zufällig Guttenberg als Ersten erwischt. Ich habe das Ganze vom ersten Moment an sehr intensiv verfolgt. Und da verging mir nach und nach das Lachen. Ich (und wahrscheinlich 99 % der Bevölkerung) hätte nie zum Thema Guttenberg gegoogelt, wären da nicht diese Vorwürfe aufgetaucht. Aber als ich es tat, entdeckte ich immer mehr Dinge, die einer Überprüfung kaum standhielten. Beginnend bei seiner eigenen Homepage und dem dort aufgeführten Lebenslauf bis hin zu seiner verwandtschaftlichen Beziehung zum "Chef vom Dienst" der Bildzeitung, Karl Ludwig von Guttenberg. Auch das habe ich überprüft, sie sind tatsächlich verwandt. Und wenn ich auch denke, dass man da erst mal nichts unterstellen sollte - es hat einfach ein "Gschmäckle". Die permanente Hofberichterstattung über ihn und seine Frau und die wahrhafte Nibelungentreue zu ihm, die vorm Rücktritt ausgehandelte Bundeswehr-Reform-Werbekampagne ...
Es gab ja schon während seiner Zeit als Wirtschaftsminister kritische Berichte zu seiner angeblichen Biografie, die ich damals allerdings nicht wahrgenommen habe. Da war z.B. seine Kompetenz, die er in führender Position in der freien Wirtschaft erworben hatte. Er hat zwar (hoffentlich) nie selbst behauptet, in der "Guttenberg-GmbH" gearbeitet zu haben, aber selbst im Ministerium wurde auf diese Baufirma verwiesen - als Garant für seine Erfahrung. Das die zufällige Namensgleichheit und die Ansiedlung in der Nähe Münchens einfach eine Verwechslung waren, kann ich gern glauben. Aber dann hätte ich erwartet, dass er es dementiert. Er ließ es im Raume stehen. Die wirkliche Familienfirma, in der er seine Wirtschaftserfahrungen gesammelt haben wollte, befasst sich mit der Verwaltung des Familienvermögens und hat ca. 3 Mitarbeiter.
Er gab als berufliche Stationen u.a. Frankfurt und New York an, schrieb, er wäre als "Freier Journalist" bei "Die Welt" tätig gewesen - und dann stellte sich heraus, dass alle genannten Fälle lediglich mehrwöchige Praktika waren. Man kann und darf Praktikumsstellen selbstverständlich nennen, aber dann muss man sie halt auch als Praktika definieren und kenntlich machen.
Dann seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der "Rhön-Klinikum-AG". Dass seine Familie ein fettes Aktienpaket an dieser AG besaß, welches später für 260 Millionen veräußert wurde, brachte ihm einen Posten im Aufsichtsrat ein. Seine Andeutungen, am Börsengang dieser Klinik aktiv beteiligt gewesen zu sein, war eine Lachnummer. Da war er 17!
Und dass während seines Studiums in Bayreuth (1999 - 2006) von eben dieser AG in den Jahren von 1999 - 2006 (Huch - zufällig genau der selbe Zeitraum) fast 750.000 € an die Uni Bayreuth überwiesen wurden, ist in meinen Augen auch nicht unbedingt eine vertrauensbildende Maßnahme.
Ich neige nicht zu vorschnellen Urteilen und außerdem denke (und sage) ich immer, dass ich da keinem was unterstellen will. Aber die Häufung der Zufälle ist einfach anrüchig.
Er warb u.a. auf seiner HP mit seinem Vorsitz im "Neuen akademischen Forum". Dass dessen Geschäftsadresse dieselbe ist, wie die seines Familienvermögen-Verwaltungsunternehmens und es ansonsten keinerlei Angaben dazu gibt, ist sicher auch nur ein Zufall. Er soll - wie jemand dann mal ironisch sagte - dort geschätzten 7 Aktenordnern vorgesessen haben. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte zu diesem Forum und seinem Tätigkeitsfeld.
Auf seiner HP war ich in den letzten Wochen Stammgast. Anfangs stand unter den Angaben zur Person sein Doktorabschluss mit "summa cum laude", später abgeändert in "Abschluss mit Prädikatsexamen" und als auch das nicht mehr standhielt, nur noch "Studium der Rechts- und Politikwissenschaften".
Der Vorsitz beim "Neuen akademischen Forum" verschwand genauso ins Nirgendwo, wie seine schlagkräftigen Eingangszitate zum Thema Vertrauen, Geradlinigkeit und Ehrlichkeit in der Politik, für die er angeblich stand. Wenn ich guten Gewissens hinter dem stehen kann, was ich als Argumente für meine Befähigung ins Feld führe, dann lösche ich das doch nicht alles klammheimlich von meiner Webseite. Aber die wurde praktisch täglich um ein paar "unbedeutende Kleinigkeiten" reduziert.
Er hat nicht nur in Hinsicht auf seinen Doktorgrad gelogen hat, da ist noch eine Menge mehr.
Und dann kommen seine Befürworter plötzlich mit solchen Argumenten wie: Wir haben doch alle schon mal abgeschrieben.
Erstens kann man ein Spicken oder beim Banknachbarn abschreiben nicht mit dem Erlangen eines Doktorgrades gleichsetzen. Das ist, als wollte man ein Kind, das eine Tafel Schokolade geklaut hat, mit einem Erwachsenen, der im großen Stil klaut, gleichsetzen. Mit dem Verkauf einer Doktorarbeit sowie einfach dem Führen des Grades ansich erwirbt man sich finanzielle, berufliche und gesellschaftliche Vorteile. Mit einer erschummelten 1 in der Mathearbeit nicht. Gut, vielleicht gibt's von Oma 5 € ...
Als die "Aktuelle Stunde" des Bundestages sich mit dem Thema beschäftigte, haben wir uns das angesehen. Und es war teilweise recht arg, wie sich zum Beispiel Trittin gebärdete. Micha und ich kamen beide zu dem Schluss, dass uns Guttenberg regelrecht leid tat. Wie er da von allen Seiten angegriffen wurde ... Als dann sein Rücktritt erfolgte, fand ich zwar, er hat diesen Schritt viel zu spät und leider auch nicht aus Einsicht in sein Fehlverhalten getan, aber er hat es getan und gut! Meinetwegen konnte er (in sich) gehen und dann später einen neuen, diesmal hoffentlich ehrlichen Versuch starten.
Aber dann habe gelesen und gehört, was seine Anhänger so von sich gegeben haben. Und DAS ist es, was mir regelrecht Angst macht.
Deren Argumente sind wirklich fast immer ähnlich.
Er ist doch so toll. Er sieht gut aus, ist reich, hat eine tolle Frau und ihr seid deshalb alle nur neidisch. Er hat einen guten Job gemacht (wobei kein Einziger sagen konnte, WAS er eigentlich so gut gemacht hat außer sich gut zu vermarkten) Wenn man sich die Profile seiner Unterstützer ansieht, kommt man nicht umhin, einen klaren Trend zu bemerken. Viele von denen stehen außer auf Gutti auch auf so tolle Persönlichkeiten wie "Sexy Cora" oder Dieter Bohlen und auf so geniale Fernsehformate wie "Dschungelcamp" und "DSDS".
Ich will auch das wirklich nicht werten oder überbewerten, aber wenn diese Leute dann fordern dass er zurückkommen soll und ihre Hauptargument sind, dass er doch so attraktiv ist, dass er so einen schönen Adelstitel hat, dass alle Gegner doch nur von Links gesteuert und außerdem neidisch sind und dass wir ja eben alle schon mal abgeschrieben haben ...
Ich habe gerade letztens zu Michael gesagt, das es leider keine wirklichen Volkspolitiker mehr gibt. Also so Leute vom Schlage Brandt, Schmidt oder Genscher. Die "Sehnsucht" nach solch einem Menschen, der parteiübergreifend in der Bevölkerung mehrheitlich beliebt war, kann ich verstehen. Guttenberg ist das in meinen Augen nicht. Natürlich liegt aber auch das im Auge des Betrachters.

Wonach es die Guttenberg-Jünger allerdings verlangt, ist wirklich ein Heiland. Sie haben ihn aus den schon mehrfach genannten Gründen wie Aussehen und Adelstitel zu einem solchen erkoren und wollen nun nicht hinnehmen, dass ihr Idol ein Betrüger ist. Also versuchen sie den Betrug kleinzureden und sind sachlichen Argumenten einfach nicht zugänglich.
Diese Gutti-heilig-sprechen-Geschichte gilt ganz einfach dem, was die Anhänger fordern. Sie wollen nicht zugeben, dass man nicht tun darf, was er tat. Sie sprechen ihn ja wirklich auf eine Art heilig. Er ist in ihren Augen unantastbar, egal was er für Dreck am Stecken hat. Er ist mittlerweile nur noch das Mittel zum Zweck. Dafür tut er mir wirklich leid, denn ich stelle mir seine Situation nicht als angenehm vor. Aber diese seine Anhänger, die ohne irgendwas auch nur mal ansatzweise kritisch zu hinterfragen seinen Gegnern Neid vorwerfen und in ihm ihren Heilsbringer sehen, die machen mir Angst. Und mit Ironie kann man diesen Leuten begegnen.
Liebe Grüße
Heike