Heimat - was ist das eigentlich?

Du hast sämtliche Foren besucht und Dich mit anderen Besuchern über alle möglichen Themen ausgetauscht. Jetzt brennt Dir aber noch eine Frage unter den Nägeln, die eigentlich in keine Schublade (Forum) hier auf diesem Liedermacher-Forum passt, die Du aber unbedingt mit den anderen besprechen willst. Dann stelle Dein Thema hier in diesem Forum zur Diskussion und schau, was daraus wird. Sollte Dein Thema doch noch in eine unserer vielen Schubladen passen, dann werden die Moderatoren dafür den richtigen Platz finden ;)

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Heimat - was ist das eigentlich?

#1

Beitrag von fille »

Liebe Liederfreunde,

hier ein paar Gedanken, die mir auf Grund eines Interviewtitels
und den verschiedenen Antworten im Eisbrennerforum durch den Kopf gehen.

Ganz ehrlich: Ich habe mir das Interview nicht angehört. Dazu fehlt mir Zeit und Lust.

Aber der Titel "Verlust der Heimat" ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Was ist Heimat? Für MICH ist es die kleine Stadt im Voralpenland, in der
ich aufgewachsen bin. Nachdem ich als Jugendliche meine Flügel ein
bisschen gespreizt habe wurde eine Region (genannt Pfaffenwinkel)
zu meiner erweiterten Heimat. Inzwischen würde ich sagen: Oberbayern.
Ich wohne nun eine deutlich längere Zeit im Norden Münchens, wie
ich im Süden dieser Stadt gelebt habe. Und zwischendrin habe ich auch 6 Jahre
in München gelebt. Aber Kindheit und Jugend prägen einen ja am meisten.

Aber niemals könnte ich eine Staatsform oder gar ein Regime als meine Heimat
bezeichnen. Politiker, Parteien, Staatsformen usw. kommen und gehen. Sind sie
überhaupt wichtig?

Hierzu auch ein paar Zeilen von Hermann Hesse über seine Heimatstadt Calw.
„Zwischen Bremen und Neapel, zwischen Wien und Singapore habe ich manche hübsche Stadt gesehen, Städte am Meer und Städte hoch auf Bergen, und aus manchen Brunnen habe ich als Pilger einen Trunk getan, aus dem mir später das süße Gift des Heimwehs wurde. Die schönste Stadt von allen aber, die ich kenne, ist Calw an der Nagold, ein kleines, altes, schwäbisches Schwarzwaldstädtchen. Jetzt habe ich hier und da eine Nacht Heimweh nach Calw. Wohnte ich aber dort, so hätte ich jede Stunde des Tags und der Nacht Heimweh nach der schönen alten Zeit, die vor dreißig Jahren war und die längst unter den Bogen der alten Brücke hinweggeronnen ist. Das wäre nicht gut. Schritte, die man getan hat, und Tode, die man gestorben ist, soll man nicht bereuen.“
Liebe Grüße, Marianne
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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#2

Beitrag von migoe »

Liebe Marianne,

meine Heimat ist eine kleine Stadt in Franken - des is bloß a Mugerschieß zwischa Mosgau und Baries ;-)

(frei nach Johann Müller, einem fränkischen Liedermacher)
02 - Mugerschieß.mp3
rothenburg.jpg
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Liebe Grüße aus Rothenburg

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Westwind
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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#3

Beitrag von Westwind »

Liebe Marianne,
Aber niemals könnte ich eine Staatsform oder gar ein Regime als meine Heimat
bezeichnen.
Das geht mir auch so. Ich könnte "Deutschland" nie als meine Heimat bezeichnen. Ich sehe mich als Niederrheiner und Europäer.

ich habe mich immer schwer getan, für mich den Begriff "Heimat" zu definieren. Irgendwann habe ich mich doch dann auch dazu entschieden, die Region als meine Heimat zu bezeichnen, in der ich aufgewachsen bin. Vermutlich, weil ich dort sprachlich und kulturell geprägt wurde und ich für mich dort eine gewisse Verbundenheit und Verwurzelung erkenne bzw spüre.

Im Laufe des Lebens habe ich aber auch andere Regionen kennengelernt, mit denen ich mich irgendwie verbunden fühle, auch wenn ich nicht dort aufgewachsen bin.

Heimat muß aber nicht immer ein Ort sein. Manchmal höre ich zum Beispiel auch den Begriff "musikalische Heimat". Ich würde mich nicht als Musiker bezeichnen, könnte ansatzweise aber auch meine musikalischen Wurzeln benennen. Also Genres, mit denen ich aufgewachsen bin, passiv und später dann auch aktiv. Berufsmusiker können das vermutlich noch leichter.

Viele Grüße von
Georg
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es ist eine grenzenlose Welt, in der ich leben will."
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Nicky
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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#4

Beitrag von Nicky »

Hallo Marianne,

die Frage, was „Heimat“ für mich ist, habe ich mir vor einer Weile auch schon mal gestellt.
„Zuhause“ bin ich in Hamburg. Hier fühl ich mich seit 17 Jahren wohl und hier möchte ich auch nicht wieder weg. Ich liebe die Nähe zum Meer, das Großstadtgewusel, die kulturellen Möglichkeiten, kurz mein ganzes Leben, das ich hier führe.

Meine Heimat, würde ich aber auch an meinem Kindheitsort festmachen. Der Ruhrpott ist meine Heimat.
Die Kohleverußten Häuser, die es in meinem Heimatort noch immer gibt, die Zechen, Schalke, mein Fussballverein, die 80.000 Einwohnerstadt aus der ich stamme und wo der Rest meiner Familie noch heute wohnt. Wo alles irgendwie kleiner erscheint und alles irgendwie ordentlicher und geordneter scheint. Mir geht mein Herz auf, wenn mein kleiner Neffe im feinsten „Ruhrpott-Assi-Slang zu mir sagt: „Hömma, Nicole, is dat nich n schönet Lied“?
Manchmal kommt der Slang auch noch bei mir durch. (zugegeben, relativ oft ;-))

Vor ein paar Wochen habe ich mit meinem Bruder eine Fototour durch den Ruhrpott gemacht. Ein bisschen Industriekultur fotografiert und ein bisschen alte Heimatluft geschnuppert. Obwohl die Region sich bemüht, die alten Kohlehalden zu begrünen und das „Kohlenpott-image“ aufzupolieren, findet man doch in vielen Ecken noch meine „alte Heimat.“.

Mit einem herzlichen „Glück auf“ ;-)
Nicole
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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#5

Beitrag von greymagicvoice »

Ihr Lieben,
mir gefällt dazu der Refrain eines Liedes von Kurt Demmler:
Heimat ist wie Sterben,
man kommt immer darauf zurück.
Ist kein Ort für den Versand,
ist kein Wort für den Verstand,
ist vom Herzen ein ganzes Stück.
liebe Grüße
bis bald
hier oder woanders
Stephan
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das leben ist ein einzelstück
und nicht für geld zu haben
es steht dir bei und stellt dich bloß
vergnügen pur und kummer groß
vom schoß bis zum begraben
S.G.

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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#6

Beitrag von Helmut »

Heimat?

27 Jahre Regensburg: Da komme ich immer wieder gerne hin.
6 Jahre Intermezzo: Da hab ich keine Wurzeln schlagen, weil es nur ein Übergang war
26 Tuntenhausen: War mein Zuhause, nicht meine Heimat. An meinem alten Haus fahre ohne Emotionen vorbei, auch wenn mich der Ort zu dem gemacht hat, der ich heute bin.
9 Jahre Rosenheim: hier bin ich angekommen, hier möchte ich bleiben.

Trotz 27:9 Jahren steht es 1:2 Heimatgefühl für Rosenheim.

:teufel:
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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#7

Beitrag von Marc »

Ihr Lieben!
Georg schrieb:
Ich könnte "Deutschland" nie als meine Heimat bezeichnen. Ich sehe mich als Niederrheiner und Europäer.
Das verstehe ich nicht. Der Niederrhein liegt in Deutschland, Deutschland liegt in Europa. Wenn Du Europa und den Niederrhein als Heimat empfindest, müsstest Du dann Deutschland nicht zwangsläufig auch als Heimat empfinden?

Reinhard Mey schreibt in seinem Lied „Mein Dorf am Ende der Welt“, Heimat sei für ihn immer dort, wo er Freunde finde. Die Erfahrung habe ich so nie gemacht. Mein Verhältnis zu Deutschland als Heimatland beschreibt er gut in „Mein Land“.

Wenngleich auch ich Orte nennen könnte, an denen ich mich besonders wohl fühle und an denen ich viele Lebensjahre verbracht habe, verbinde ich mit Heimat immer auch Sprache. Wo Deutsch und Französisch gesprochen wird, empfinde ich ich durchaus so etwas wie Heimat.

Lieben Gruß
Marc
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und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt,
dass nichts bleibt,
wie es war.

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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#8

Beitrag von fille »

Hallo zusammen,

Nicole schrieb:
Mir geht mein Herz auf, wenn mein kleiner Neffe im feinsten „Ruhrpott-Assi-Slang zu mir sagt: „Hömma, Nicole, is dat nich n schönet Lied“?
Manchmal kommt der Slang auch noch bei mir durch. (zugegeben, relativ oft ;-))
Marc schrieb:
Wo Deutsch und Französisch gesprochen wird, empfinde ich ich durchaus so etwas wie Heimat.
Ich mag Dialekte! Sie sind ein Teil der Individualität einer Region, eines Menschen. Es ist schade, dass
sie immer mehr zurückgehen. In München wird von jüngeren Leute nur noch selten das charmante
Münchnerisch gesprochen. Schade!

Also ich mag Dialekte. Darum gehört zu meiner Heimat Bayerisch als Dialekt. Aber ich höre auch gerne
die anderen. Deutsch ist die Hochsprache, mit der man sich untereinander verständigen kann. Auch in
Österreich und der Schweiz. ;-)
Vor ein paar Wochen habe ich mit meinem Bruder eine Fototour durch den Ruhrpott gemacht. Ein bisschen Industriekultur fotografiert und ein bisschen alte Heimatluft geschnuppert.
Ich habe auch den Eindruck, dass in meiner Geburtsstadt die Luft anders ist. Obwohl ich jetzt nur
80 km nördlich wohne. Aber da die Stadt näher an den Alpen ist und somit öfter der warme Wind
aus Italien weht (genannt Föhn), kann es schon sein.
Nachdem ich als Jugendliche meine Flügel ein
bisschen gespreizt habe wurde eine Region (genannt Pfaffenwinkel)
zu meiner erweiterten Heimat. Inzwischen würde ich sagen: Oberbayern.
Ich habe nochmal darüber nachgedacht. Darum würde ich die Region einschränken auf
das Münchner Umland einschließlich Alpenvorland. Berchtesgaden gehört ja auch zu
Oberbayern, ist aber schon wieder Urlaubs- bzw. Ausflugsziel. Das heißt natürlich nicht,
dass ich nicht gerne andere Orte besuche oder neugierig auf andere Kulturen bin.
Ich reise gerne, lese gerne und lerne gerne ein paar Sprachen.

Vielleicht könnte man poetisch sagen: Wenn ich ein Baum wäre, wären meine
Wurzeln in der Heimat, aber ich habe ein paar Ausläufer gebildet und meine
Äste bilden eine Krone, die darüber hinausgeht.

Mr. Spock würde sagen: "Most badly Poetry" :-)

Schöne Grüße aus dem schönen Oberbayern

Marianne
Dieser Beitrag enthält 359 Wörter


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Michael
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Re: Heimat - was ist das eigentlich?

#9

Beitrag von Michael »

Hallo,

schon seit der Heimatbegriff wieder so im Fokus steht, frage ich mich, was das für mich bedeutet. Menschen, eine Sprache, die ich verstehe und in der ich mich ausdrücken kann, eine Gegend, in der ich mich auskenne. Irgendwie ja, alles das ist wichtig, aber trotzdem lässt mich der Begriff "Heimat" immer frösteln. Das tümelt mir zu sehr. Mit den Orten, an denen ich gewohnt habe, verbinde ich auch Gutes und Schlechtes. Und in manchen möchte ich nicht mehr wohnen müssen, würde es aber können.

Kurz: Ich weiß nicht, wie sich "Heimat" anfühlt, ich habe aber auch noch nie eine verloren.

Michael
Dieser Beitrag enthält 112 Wörter


Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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