German Angst

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nils
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German Angst

#1

Beitrag von nils » Mi 29. Aug 2007, 02:39

»Sie hat sich wärmen wollen.« Diese Worte von Hans Christian Andersen stellt Friedrich Ani an den Beginn seines Romans »German Angst«. Doch sein Buch handelt selten von Wärme. Es geht vor allem um Finsternis und Furcht, die schon in den ersten Sätzen über den Leser hereinbrechen.
Im Namen des Gesetzes und der öffentlichen Meinung entführen fünf Männer, selbsternannte Abgesandte von Ordnung, Zucht und Gemeinwohl, eine Frau. Fünf deutsche Bürger, die »nicht länger zuschauen wollen« und sich für die Hand der Wahrheit halten. Erst im weiteren Verlauf der Handlung stellt sich heraus, wer hier entführt wird.
Für die Freilassung von Natalia Horn verlangt die »Aktion D« die sofortige Abschiebung der farbigen Lucy, einer vermeintlichen Serienstraftäterin, und ihres Vaters Christoph Arano nach Nigeria. Arano ist vor 30 Jahren als Kind nach Deutschland gekommen, Lucy kennt Nigeria nur aus Erzählungen, Vater und Tochter haben keinen deutschen Pass.
Seit Lucys Mutter bei einem Brand umgekommen ist, schlägt Lucy Mitschüler, raubt Passanten aus und prügelt bei den geringsten Anlässen sofort brutal und rücksichtslos auf andere ein. Sie ist nicht strafmündig, da sie noch nicht 14 ist, und somit für die Justiz nicht erreichbar. Da sie dies ganz genau weiß, steigert sie sich immer mehr in ihre Rolle hinein. Ähnlichkeiten zum realen Fall Mehmet sind unübersehbar. Auch Mehmet war ein minderjähriger Serientäter und wurde in ein Land abgeschoben, das er kaum kannte.
Obwohl Ani die »Aktion D« nur lakonisch beschreibt, macht er deutlich, auf wessen Seite er steht. In den Figuren des Polizisten Tabor Süden und des Rechtsanwalts Sebastian Fischer verdeutlicht er, was er von den »law and order«-Parolen hält. Probleme der in Deutschland aufgewachsenen Kinder müssen in Deutschland gelöst werden. Die Jugendlichen können nicht in ihnen fremde Länder abgeschoben werden, nur weil die Eltern von dort stammen.
Genau wie bei Mehmet ist auch bei Lucy die öffentliche Stimmung für eine schnelle Abschiebung. So lehnt der Staatsanwalt Niklas Ronfeld zwar die Entführung ab. Aber auch er will Lucy abschieben, sobald Natalia frei ist. Im Ziel ist er sich also mit den Nazis einig, auch wenn er dies bestreitet, lediglich in der Wahl der Mittel unterscheidet er sich von ihnen. Ani zeigt mit der fiktiven »Aktion D«, wozu Menschen fähig sind, die fast alle Maßstäbe demokratischen Handelns verloren haben.
Damit geht er weit über den Fall Mehmet hinaus. Er führt vor Augen, was in Deutschland schon wieder möglich wäre. Das theoretische Rüstzeug ist da, die Waffenlager sind da, selbst die Aufrufe zur Tat sind schon geschrieben und werden über Internet verbreitet. Im Roman wird nichts übertrieben, der Leser wird lediglich damit konfrontiert, was als reale Gefahr in Deutschland bereits vorhanden ist.
Friedrich Ani, Sohn eines Syrers und einer Schlesierin, hat selbst früher in einem Heim für schwer erziehbare Jungs gearbeitet, später dann als Polizeireporter, Kulturjournalist und Drehbuchautor. Unter anderem für die Fernsehserie »Tatort«. So schreibt Ani keinen langweiligen Aufklärungsroman, sondern einen spannenden Krimi. Eher nebenbei zeigt er die wichtigsten Personen in ihrem privaten Umfeld, beleuchtet Hintergründe und berichtet über Veranstaltungen der Republikaner.
Ich vermisste in dem Buch Erwägungen darüber, wie Menschen zu dem geworden sind, was sie heute sind. Insbesondere die Nazis werden in ihrem Verhalten zwar treffend beschrieben, aber sie sind geschichtslos, verändern sich nicht und bleiben damit berechenbar. Ani zeigt kein großes Interesse, die Rechtsextremen zu verstehen.
Dabei wäre es interessant zu wissen, wie Leute dahin kommen, dass sie vor einer Entführung und der Erpressung des Staates nicht zurückschrecken, sondern beides für ein völlig legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele halten. Denn indem die Nazis offen das Gewaltmonopol des Staates in Frage stellen, überschreiten sie ganz bewusst eine Grenze.
Aus dieser Grenzüberschreitung entwickelt Ani ein Panorama der Meinungen, das von strikter Zurückweisung bis zur bedingungslosen Zustimmung geht. Auch unter den ermittelnden Polizisten ist die Reaktion auf die Entführung umstritten. Die Forderung, »sich gedanklich nicht einen Millimeter in die Nähe dieser Nazis« zu begeben, steht neben den rassistischen Äußerungen des Polizisten Florian Nolte, der Mitglied bei den Republikanern ist und die Leitung der »Aktion D« über die Fahndungsergebnisse der Polizei auf dem Laufenden hält.
Unvergesslich die Gestalten des Christoph Arano, seiner Freundin Natalia Horn und des Polizisten Tabor Süden. Sie haben eine Geschichte, bekommen dadurch Konturen und werden in ihren Handlungen nachvollziehbar. Selbst die schwer erziehbare Lucy zeigt Ani an einigen Stellen so einfühlsam, dass man verstehen kann, warum sie über die Stränge schlägt.
Bevor Lucy am Abend ihres 14. Geburtstages ins Jugendgefängnis kommt, verabschiedet sie sich von ihrem Vater. Da wird zum ersten Mal offensichtlich, wie verunsichert das Mädchen seit dem Tod ihrer Mutter ist. »Die Angst fraß ihre Stimme wie ein gieriges Tier«. Im Flugzeug liest sie ihrem Vater sogar ein Gedicht vor, das mit den Worten beginnt: »Es tut weh, wenn ich weine ...«. Doch Lucy ist auch stolz. Anderen Menschen würde sie ihre Gefühle nie offenbaren.
Am Ende hat Lucy ihren Weg gefunden. Es ist nicht der Weg, der den Deutschen vorschwebte, die ihr helfen wollten. Doch das ist unerheblich. Es ist ihr Weg zur Wärme. Und das ist das einzig Wichtige.
Friedrich Ani: German Angst. Roman Droemer. 488 Seiten
Ani schrieb dieses Buch 2000. Leider ist es heute noch so aktuell wie damals.
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