Die Stadt der Träumenden Bücher

Ein Lied besteht nicht nur Melodie und Rhythmus, sondern auch aus einem Text, der im Idealfall auch noch eine Botschaft vermittelt, tröstet oder wachrüttelt, beruhigt oder aufwühlt. Viele Lieder sind gesungene Geschichten und Gedichte. Erzähl uns von dem interessanten Buch, das Du gerade liest oder dem Gedicht, das Dich schon lange beschäftigt. Lass uns teilhaben an den Gedanken, die dir beim Lesen/Hören gekommen sind. Suchst Du ein bestimmtes Buch/Gedicht/Lied? Hier kannst Du jemanden um Hilfe bitten.

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nils
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Die Stadt der Träumenden Bücher

#1

Beitrag von nils » Mi 29. Aug 2007, 02:08

Wenn Lesen zum Abenteuer wird
oder
Die Momo-Falle
Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven sollten dieses Buch von Walter Moers nicht lesen. Die sollen sich in die Kinder-Buchabteilung verkrümeln Sagt zumindest der Autor. In der Tat gehört “Die Stadt der Träumenden Bücher” nicht in eine Reihe mit den beschaulichen Käptn-Blaubär-Büchern.
In der Stadt der Träumenden Bücher ist Lesen noch ein Abenteuer, also laut zamonischen Wörterbuch “eine waghalsige Unternehmung ... mit lebensbedrohlichen Aspekten, unberechenbaren Gefahren und manchmal fatalem Ausgang”. Wer so viel verspricht, muss danach auch einiges bieten. Und Moers bietet einiges: Neben dichtenden Lindwürmern und rücksichtlosen Bücherjägern gibt es auch winzige, aber tonnenschwere Bücher, fliegende Bücher und blutige Bücher.
Dabei beginnt alles ganz harmlos. Mit zehn Blättern, die leicht vergilbt und stockfleckig sind. Aufgeschrieben ist darauf eine Geschichte über die Frage, mit welchem Satz eine vollkommene Geschichte beginnen sollte. Wer Moers kennt, ahnt die einfache, aber geniale Lösung: Eine vollkommene Geschichte beginnt mit dem Satz: “Hier fängt die Geschichte an.” Die aufmerksamen Leser werden an dieser Stelle zurückblättern zum Beginn des Buches, um festzustellen, mit welchem Satz Moers seine Geschichte beginnt.
Dabei ist es eigentlich gar nicht Moers, der die Geschichte erzählt. Moers hat nur das Manuskript des Lindwurms Hildegunst von Mythenmetz aus dem Zamonischen übersetzt. Die Anspielungen auf das Buch “Der Name der Rose” gehen noch weiter. Wie William von Baskerville und Adson verschlägt es auch Hildegunst in eine Welt, in der sich alles um Bücher dreht. Wie bei Eco geht es auch bei Moers um einen Text, den niemand lesen soll. Da überrascht es kaum noch, dass Hildegunst von einem Buch vergiftet wird. Doch der Lindwurm überlebt den Anschlag, allerdings nur, um danach in den Katakomben von Buchhaim um sein Leben kämpfen zu müssen.
Moers nimmt nicht nur Eco aufs Korn. Ganz nebenbei zieht er auch noch andere durch den Kakao. Der aufgeblasene Ojahnn Golgo van Fontheweg samt seiner Farbenlehre bekommt sein Fett weg, ebenso Ejstod Woski, der diese großartigen, aber deprimierenden Schwarten geschrieben hat, und einige moderne Lyriker werden gnadenlos als bekloppt und albern abgestempelt. Doch Moers lästert nicht nur über andere. “Nur zweitrangige Autoren bedienen sich der mysteriösen Anspielung”, schreibt Moers, der sich selbst ständig mysteriöser Anspielungen bedient.
Nach vielen überraschenden Wendungen gerät Moers dann am Ende doch noch in eine literarische Falle – in die Momo-Falle. Wie Ende reduziert auch Moers das Böse auf Macht. Bei Ende ist es die Macht der grauen Männer über die Zeit. Bei Moers ist es die Macht von Smeik, die das Böse über die Welt bringt – bei Smeiks Vornamen Phistomefel verwundert das nicht.
Ende und Moers reduzieren das Böse, um es fassen zu können. Warum sich Menschen oft freiwillig der Macht des Bösen unterordnen, ganz ohne graue Männer und ganz ohne Smeiks Hypnosekünste, interessiert Ende und Moers nicht. Wichtiger ist beiden, dass ihre Geschichten funktionieren. Sie schreiben Märchen, in denen das Böse nur zeitweise die Oberhand gewinnen kann und am Ende das Gute siegen muss.
Doch zum Glück schreibt Moers – genau wie Ende – ein wunderschönes Märchen. Man findet wie Hildegunst von Mythenmetz aus der Stadt der Träumenden Bücher nur schwer wieder heraus, wenn man sich einmal in ihr verlaufen hat. Deshalb verzeiht man Moers auch das konstruiert wirkende Ende. Zumal die Buchlinge – die heimlichen Haupthelden des Buches – auch die sind, die entscheidend sind für den Sieg des Guten. Ganz am Ende wird dann auch noch die Frage beantwortet, mit welchen Worten eine vollkommene Geschichte enden muß. Natürlich mit den Worten “... hier hört die Geschichte auf.”
Walter Moers,
Die Stadt der Träumenden Bücher,
Roman Piper
Dieser Beitrag enthält 643 Wörter


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#2

Beitrag von greymagicvoice » Mi 29. Aug 2007, 22:13

Hallo Nils,
hast vollkommen recht. Das ist eines der fesselndsten Bücher jüngeren Datums überhaupt. Ich bin sowieso dem Moers verfallen - auf die Spur gelockt vom "wirklichen" Käptn Blaubär (und nicht dem albernen Fernsehabklatsch) hab ich als nächstes "Ensel und Krete" gelesen, das besagten Hildegunst von Mythenmetz sowie Geschichte und Mythologie von Zamonien noch einmal ausführlich einführt (was'n Wortspiel!) und die Gattung der Buntbären endgültig den Fernsehalbernheiten entrückt.
Stärker - und aus meiner Sicht noch weniger was für Kinder und andere Zartbesaitete - ist dann "Rumo & Die Wunder im Dunkeln". Unter anderem deshalb, weil Moers sich hier sehr ausführlich mit den Grenzgebieten von Moral und Sittsamkeit beschäftigt bis hin zu mit nahezu tänzerischer Leichtigkeit beschriebenen tausendfachen Möglichkeiten, ein Lebewesen "wissenschaftlich" und systematisch zu Tode zu bringen. Und dem Dunkel verhaftet ist er ja schon länger, der Herr Moers. Erinnern wir uns nur an Professor Dr. Abdul Nachtigaller, Verfasser des "Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung", achthirniger Eydeet sowie Gründer der Nachtakademie mit der unüberhörbaren Maxime "Wissen ist Nacht". Und Recht hat er, der Mann. Du weißt nichts von Dir und vom anderen, wenn Du nicht auch Deine und des anderen dunkle Seiten wahrnimmst und als zu Dir und ihm zugehörig akzeptierst. Insofern sind Moers Märchen wirklich typische Märchen - ein Leuchtstrahl in die Tiefen unserer Seele.
Die "Zamonien"-Romane finden meine ungeteilte Empfehlung. Also - nichts wie ran und lesen!
mit freundlichen Grüßen
bis bald
hier oder woanders
Stephan
Dieser Beitrag enthält 267 Wörter


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Die Stadt der Träumenden Bücher

#3

Beitrag von Tesch » Mo 3. Sep 2007, 19:54

Ah, Freunde des Orms.
Da wird es euch sicher freuen, wenn ihr es nicht schon wisst, dass Moers' kulinarisches Märchen, "der Schrecksenmeister" von Mythenmetz nun erhältlich ist.
Gruß
Sascha
Dieser Beitrag enthält 31 Wörter



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#4

Beitrag von greymagicvoice » Di 4. Sep 2007, 20:26

Genau! Schon bei Amazon geordert. Und freue mich unbändig darauf!
Grüße
bis bald
hier oder woanders
Stephan
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