"Bullshit" von Harry Frankfurt

Ein Lied besteht nicht nur Melodie und Rhythmus, sondern auch aus einem Text, der im Idealfall auch noch eine Botschaft vermittelt, tröstet oder wachrüttelt, beruhigt oder aufwühlt. Viele Lieder sind gesungene Geschichten und Gedichte. Erzähl uns von dem interessanten Buch, das Du gerade liest oder dem Gedicht, das Dich schon lange beschäftigt. Lass uns teilhaben an den Gedanken, die dir beim Lesen/Hören gekommen sind. Suchst Du ein bestimmtes Buch/Gedicht/Lied? Hier kannst Du jemanden um Hilfe bitten.

Beschreibung © by migoe | Foto © by Pixabay.com
Antworten
Benutzeravatar
nils
Beiträge: 116
Registriert: Di 29. Mai 2007, 02:17

"Bullshit" von Harry Frankfurt

#1

Beitrag von nils » So 26. Aug 2007, 22:40

Noch ein Buch, das ich zufällig entdeckt hab. In einem Bahnhofsbuchladen lag zwischen ziemlich viel Schund ein kleines Bändchen mit dem Titel "Bullshit". Das fand ich so witzig, daß ich das Buch in die Hand nahm ... und mich sofort festgelesen hab. Und dann den folgenden Text über das Buch geschrieben hab:
Die Umstände, sie sind nicht so
Von Nils Floreck
Hans Magnus Enzensberger widmete der Scheiße einmal ein ganzes Gedicht. Von ihr werde immer gesprochen, als sei sie an allem Schuld. Dabei sei sie vergänglich und das mit ihr Bezeichnete so dauerhaft, so Enzensberger.
Dauerhaft dagegen ist der Bullshit. "Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, daß es soviel Bullshit gibt", schreibt Harry G. Frankfurt, Professor für Philosophie in Princeton. Früher war eben alles besser. Handwerker hätten selbst in den Ecken mit größter Sorgfalt gearbeitet, in die nie ein Mensch gucken konnte. Denn die Götter waren überall. Heute glaubt kaum noch jemand an Gott. Also muss nur die Fassade perfekt sein.
Der Philosoph Frankfurt untersucht in seinem Buch die Struktur des Begriffs Bullshit und nutzt dabei unter anderem die Kategorien Lüge, Bluff, Humbug und Unsinn. Doch Bullshit sei in keine dieser Kategorien einzuordnen. Frankfurt weist auch darauf hin, dass Bullshit viel mehr ist als nur Pfusch.
Sicher gibt es Parallelen zwischen achtlos hergestellten, minderwertigen Produkten und Bullshit. Faszinierend aber ist für Frankfurt der sorgfältig gearbeitete Bullshit. Denn gründliche Aufmerksamkeit fürs Detail und Bullshit scheinen auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen. Doch in Medien, Werbung und Politik gibt es hervorragende Handwerker, die mit Hilfe von Marktforschung, Umfragen und Psychotests unermüdlich gut inszenierten Bullshit produzieren.
Die Bullshitter haben sehr großes Interesse daran, dass ihr Produkt wirkt. Was sie nicht interessiert, ist, ob ihre Behauptungen der Wahrheit entsprechen oder nicht. Sie sind keine Lügner. Bullshitter nutzen alles, was sie ihrem Ziel näher bringt. Wenn das zufällig mit der Wahrheit klappt, wird auch die Wahrheit benutzt. Der Informationsgehalt des Bullshits interessiert den nicht, der alles nur dem Ziel unterordnet.
Frankfurt geht in seiner Analyse noch weiter: Bullshit wird immer dann unvermeidbar, schreibt er, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen. Nahezu jeder kennt das Gefühl: Politiker können nur selten zugeben, dass sie von etwas keine Ahnung haben. Also reden sie ab und zu Bullshit. Partygäste wollen beeindrucken, also reden sie ab und zu Bullshit. Und Journalisten, die unter Zeitdruck Artikel schreiben oder gar von Zeilenhonoraren leben müssen, schreiben ab und zu Bullshit. Vielleicht wären wir alle mit weniger Bullshit glücklicher? Doch – frei nach Brecht – die Umstände, sie sind nicht so.
Vielleicht war es Zufall, dass die Sunday Times nach dem Erscheinen von "Bullshit" euphorisch schrieb: "Dieses Buch wird Ihr Leben verändern". Kein Zufall war es, dass sich der Suhrkamp Verlag nicht zu schade war, diesen Bullshit auf die Werbe-Banderole des Buches zu drucken. Was vor allem eins beweist: Zumindest das Leben der Marketing-Experten hat das Buch nicht verändert.
Harry G. Frankfurt, Bullshit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt (Main), 2006,
Dieser Beitrag enthält 529 Wörter


Freunde, nur Mut! Lächelt und sprecht: "Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht." (Erich Kästner)

Antworten