Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

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nils
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Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

#1

Beitrag von nils » Mi 29. Aug 2007, 02:15

Warum Geister Fußnoten benutzen
Man ahnt nichts Gutes, wenn einem nach all den Büchern über Harry, Laura und Merle nun noch ein Roman über Zauberer in die Hand fällt. Oft genug schwimmen die Autoren nur auf einer Modewelle mit, ohne etwas Neues zu bieten.
Doch Jonathan Stroud hebt sich schnell ab von anderen. Ohne sich mit langen Einleitungen aufzuhalten, geht es bei „Bartimäus“ gleich zur Sache. Schon auf der ersten Seite gibt es Schwefelwolken, Pentagramme und gelbe stechende Augen. Bald wird auch klar, dass hier nicht der zwölfjährige Nathanael selbst über seine ersten Zaubereien berichtet. Es erzählt ein leicht genervter Geist.
Der berühmte Dschinn Bartimäus, der 5000 Jahre alt ist und schon König Salomon gedient hat, wird ausgerechnet von einem kleinen Jungen gerufen. Irgendwie demütigend, die komplizierte Beschwörungsformel aus dem Mund eines schmächtigen Knirpses zu hören.
Also tut Bartimäus, was Geister in solchen Fällen immer tun: Sie machen viel Hokuspokus, tun etwas fürs Auge und versuchen, den Beschwörer zu einem Fehler zu verleiten. „Also bitte – es war sein erstes Mal. Ich wollte ihm einen Schrecken einjagen!“ Das gelingt Bartimäus auch. Doch es hilft ihm nicht. Denn Nathanael hat die Bücher seines Meisters zwar nur heimlich lesen können, sie aber trotzdem sehr genau studiert. Er macht keinen einzigen Fehler.
Und so muss Bartimäus tun, was Nathanael verlangt: Er muss das Amulett von Samarkand stehlen. Als der Geist das hört, verrutscht ihm glatt die Grabesstimme ein wenig. Denn das Amulett ist sehr kostbar und befindet sich, wie sollte es anders sein, im Besitz eines sehr mächtigen Zauberers. Selbst für Bartimäus ist das kein Spaziergang. Der Geist und der Zauberlehrling geraten in einen wilden Strudel von Abenteuern und am Ende in einen großen Showdown.
Stroud erzählt die Handlung seines Buches auf zwei Ebenen, der des Geistes und der des Zauberlehrlings. Zwar könnten Geister auch vier in einem Buch übereinander gedruckten Geschichten problemlos folgen, wie uns Bartimäus erklärt, aber da Menschen im Großen und Ganzen nur eine Bewusstseinsebene bewältigen, beschränkt sich Stroud auf zwei Ebenen, die sich abwechseln – und benutzt ständig Fußnoten. Zum Beispiel, um uns zu erklären, warum er ständig Fußnoten benutzt.
Ganz nebenbei, also auch in Fußnoten, macht sich Bartimäus über all die Zauberer lustig, die Kristallkugeln, modische Zauberstäbe und dicke Zauberbücher benutzen. Auch Gandalf und Dumbledore mit ihren weißen Bärten bekommen einen Seitenhieb. Nur unbedeutende Zauberer würden solche langen Bärte tragen. Wirklich wichtige Zauberer machen sich nämlich einen Jux daraus, wie Bankangestellte auszusehen. Statt ehrfurchtsvoll über die magische Welt zu berichten, macht sich Stroud mit großer Lust über die Klischees der Menschen und der Zauberer lustig.
Die Ironie, die das Buch trägt, ist nicht der einzige Unterschied zum großen Vorbild Harry Potter. Joanne Rowling nervt ihre Leser ständig mit Hermiones Elfenbefreiungsfront. Auch wenn alle schon die Augen verdrehen, erklärt sie uns wieder und wieder, dass auch andere Zauberwesen das Recht haben, ihr Leben zu genießen, bis es auch der letzte nicht mehr hören will.
Stroud braucht solche Umwege nicht. Mit einigen sarkastischen Bemerkungen (natürlich in Fußnoten verpackt) sagt er viel mehr als Rowling in ganzen Kapiteln. Er verspinnt die Handlungsfäden zwar nicht ganz so kunstvoll wie die Starautorin. Auch ist bei Stroud schnell klar, wer auf welcher Seite steht. Charakterstudien sind seine Sache nicht. Vielleicht ist sein Buch auch deshalb oft deutlich unterhaltsamer als die Potter-Bücher.
Jonathan Stroud
Bartimäus – Das Amulett von Samarkand
C. Bertelsmann Jugendbuch, 540 S.
(der erste Band einer Triologie, der Band, der mir nach wie vor am besten gefällt)
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