Wolf Biermann

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Herbstgewitter
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Wolf Biermann

#1

Beitrag von Herbstgewitter » Mi 6. Jun 2012, 23:12

Lustig, meine Suche ist kaputt hier. Ich hab WOLF BIERMANN gesucht und der hat keinen eigenen Faden. Dieses Internet, dieses google, dieses alice, dieses....
Ne, schon kapiert, kein Biermann bisher. Will aber mal nicht so von oben herab tun, denn da ich ja nun einen auf Liedermacher-Entrepeneur mache, dachte ich mir vor 2 Wochen: "David-los: Hol dir endlich ne Biermann-CD!".
Weil so ganz ohne, is ja auch doof. Und geht ja mal so gar nicht.
Tja, und hier liegt sie vor mir, kam schnell geliefert. "Chaussestr. 131", wohl sein Debüt-Album. Cover? Sieht gut aus, so wie man es sich wünscht, wenn man etwas Liedermacher-Romantik in sich trägt. Habe aber noch nicht reingehört und teile daher gerne diesen Moment mit euch, heißt:
Den Namen kennt ihr alle, erzähl mir keiner was von "nie gehört". Aber an was denkt ihr postiv und negativ, wenn der Name BIERMANN auftaucht? Habt ihr was von ihm? Ich finde seine Wahrnehmung nochmal spezieller als die von anderen Liedermachern....
Ich habe ja den Eindruck, dass der an sich schon der wichtigste ist, quasi Degenhard und kurz dahinter er. Aber helft mir, interessiert mich mal. Vorurteile sind gerne gesehen, so läuft es ja halt auch...;-)
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#2

Beitrag von Petra » Do 7. Jun 2012, 00:35

Ist die Suchfunktion wirklich kaputt? Wenn Du sie bemüht hast, musst Du doch über die 14 Rezensionen gestolpert sein, eine (kurze) von Skywise, die anderen von Michael - Chausseestraße 131 ist auch dabei.
Wenn mir ein Konzert, seltener auch mal eine CD, gefällt oder mich gar begeistert, äußere ich mich gerne und lang, manchmal viel zu lang. Aber wenn mir etwas nicht gefällt, ist es mir die Mühe nicht wert und dafür möchte ich mich auch nicht rechtfertigen.
Viele Grüße von Petra
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Man würde nie mehr Waffen schärfen,
wenn man folgendes bedenkt:
Es braucht die Flinte nicht ins Korn zu werfen,
wer sie beizeiten an den Nagel hängt!
(Christian Grote - Chrizz)

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#3

Beitrag von Herbstgewitter » Do 7. Jun 2012, 01:12

Hallo, Petra,
ah, daran merkt man wohl, dass jedes Forum seine eigenen Gesetze hat und ich mich hier - obwohl ich den "Stilles Wasser"-Status endlich los bin - noch immer eingroove...;-)
Ich schau immer als erstes, ob der Name via LIEDERMACHER mit eigenem Namen vertreten ist. Das war bei Wolf Biermann halt nicht der Fall. Vermutlich deute ich da echt was falsch, weil ich mich tatsächlich wunderte, warum manche so namentlich drin sind in der Auflistung - und andere so gar nicht. Ich dachte: Beweis, dass keiner was sagte dazu bisher.
In diesem Punkt widerlegt zu werden freut mich aber;-)
Oha, ich interpretiere also sie gefällt dir nicht. Ich stöber aber direkt nochmal in der SUCHE, vielleicht steht da ja auch was längeres von dir;-)
Liebe Grüße,
lange Nacht,
David
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#4

Beitrag von Skywise » Do 7. Jun 2012, 01:18


Herbstgewitter schrieb:
Tja, und hier liegt sie vor mir, kam schnell geliefert. "Chaussestr. 131", wohl sein Debüt-Album. Cover? Sieht gut aus, so wie man es sich wünscht, wenn man etwas Liedermacher-Romantik in sich trägt.
Nicht unbedingt sein Debüt. Es gibt einige frühere Aufnahmen gemeinsam mit Wolfgang Neuss und natürlich seine EP "4 neue Lieder", die beide absolut bemerkenswert sind. Gilt auch für sein "Chausseestraße 131", allein schon wegen des sonderbaren Flairs der Aufnahme.
Die Aufnahmen mit Neuss wurden ebenfalls auf CD veröffentlicht, die "4 neuen Lieder" wurden als Neuaufnahmen dem Album "Warte nicht auf beßre Zeiten" zugegeben, und einige Lieder, die noch früher auf Konzerten oder via Tonbänder verbreitet wurden, finden sich auf dem später erschienenen "VEBiermann".
Den Namen kennt ihr alle, erzähl mir keiner was von "nie gehört". Aber an was denkt ihr postiv und negativ, wenn der Name BIERMANN auftaucht? Habt ihr was von ihm? Ich finde seine Wahrnehmung nochmal spezieller als die von anderen Liedermachern....
Ich hab' fast alles von ihm, wenn auch nicht unbedingt deshalb, weil ich ihn gerne höre. Er ist schon sehr eigen und man tut meiner Meinung nach gut dran,
a) seine Entwicklung chronologisch zu verfolgen. So ein Werk wie "Paradies uff Erden" (1999) oder "Heimkehr nach Berlin Mitte" (2007) erschließt sich einem leichter, wenn man die Entwicklung Biermanns nachvollzogen hat.
und
b) parallel Google über das jeweils aktuelle Zeitgeschehen zu befragen. Es gibt viele Stücke von ihm, deren Inhalt man sich einfach aus der damaligen Zeit heraus erarbeiten muß. Viele Andeutungen werden sich wohl überhaupt nicht mehr vernünftig nachvollziehen lassen, wenn man nicht die Zeit und den Staat Biermanns geteilt hat.
Was ich von Biermann halte, ist eine ziemlich einfache Frage, auf die ich leider nicht ganz so leicht antworten kann. Er ist ein bemerkenswerter Poet, das auf jeden Fall. immerhin hat er neben den tagespolitischen Liedern auch einige zeitlose im Repertoire. Aber mit dem Menschen Biermann und seinen Ansichten, Aussagen und Aktionen hatte ich schon immer große Probleme. Ich gestehe ihm wie auch mir selbst oder anderen zu, im Laufe der Zeit Ansichten zu bestimmten Themen zu ändern. Biermann ist allerdings ein ziemliches Extrem, das vom Sozialisten/Kommunisten zum Sozialdemokraten, zum Grünen, zum Sozialdemokraten (?) und dann zum Christdemokraten wurde und sich plötzlich von Leuten feiern ließ (oder mit Leuten feierte), denen er früher vor die Füße gespuckt hat, wie etwa unlängst mit der BLÖD-Zeitung anläßlich deren Jubiläums.
Biermann macht es einem nicht leicht, seine Musik und Texte zu mögen, da er im Verlauf seiner Karriere häufig in einen fast schon unausstehlichen Jammerton verfällt, und nicht zuletzt auch aufgrund der ziemlich verzerrten Selbstwahrnehmung, die bereits zu DDR-Zeiten einsetzte und bis zum heutigen Tag andauerte. Er weiß natürlich, daß er was kann, und er weiß auch, daß er zu DDR-Zeiten ein wichtiger Teil des Untergrunds war. Er weiß, daß seine Ausbürgerung ein wichtiger Sargnagel für das DDR-Regime war. Aber wie jemand an anderer Stelle schrieb, scheint er das zum Anlaß für die Annahme zu nehmen, die Mauer im Alleingang umgesungen zu haben. Selbst vor dem Herausarbeiten von Parallelen mit Jesus schreckt er an einer Stelle nicht zurück, indem er sich selbst die Dornenkrone aufsetzt ... (Album "Warte nicht auf beßre Zeiten").
Aber - er ist eben ein großer Poet und seine künstlerische Relevanz kann und möchte ich nicht in Frage stellen.
Ich habe ja den Eindruck, dass der an sich schon der wichtigste ist, quasi Degenhard und kurz dahinter er. Aber helft mir, interessiert mich mal. Vorurteile sind gerne gesehen, so läuft es ja halt auch...;-)

Ich würde es nach Möglichkeit vermeiden, Degenhardt und Biermann im selben Atemzug zu nennen, geschweige denn den einen am anderen zu messen, weil ich denke, daß man beiden keinen Gefallen damit tut. Biermann war nie ein ostdeutscher Degenhardt und Degenhardt nie ein westdeutscher Biermann.
Degenhardts "Wichtigkeit" fußt meines Erachtens größtenteils auf seinem Werk und seiner Tätigkeit als Chronist und Kommentator (zeitweise auch als Agitator). Er war der "singende Anwalt", der mit den Schmuddelkindern spielte. Biermann wurde größtenteils aufgrund seiner Person "wichtig". Ich weiß nicht, wie viele Leute seine "Ermutigung" kennen, wahrscheinlich im Osten mehr als im Westen, aber beide Seiten kennen ihn schwerpunktmäßig als den, den man ausgewiesen hat. Und der daraufhin eine Welle auslöste, die ihresgleichen sucht. Wenige nehmen ihn als kritischen Liedermacher wahr, und wenn, dann höchstens vom Hörensagen, denn ironischerweise sind ausgerechnet die Sachen, die seit 1976 häufiger mal im Fernsehen zu sehen waren und sich auch als Album großer Beliebtheit erfreuen, nämlich die Ausschnitte des Kölner Konzerts, so ziemlich das Handzahmste, was Biermann aus seinem damaligen Repertoire aufzubieten hat.
Gruß
Skywise
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#5

Beitrag von Herbstgewitter » Do 7. Jun 2012, 01:29

Hach,
danke für diese Antwort, Skywise. Mir wurde zwar mal eingebläut immer so zu tun als wüßte ich alles - jaja, die professionellen medien - aber e sist echt befreiend, wenn man sich eben auch mal zurücklehnen und einfach "erfahren" kann. Und allein bei den paar Zeilen hab ich just echt viel gelernt. Und auch gesehen, denn: Klar, ich hab nun gerade reingehört. Und bin echt erstmal im "wow-"Zustand. Wegen allem. So einer mitten in der DDR unter widrigen Umständen: WOW. Und: Das ist nun keine breitenwirksame Tiefenanalyse. aber: Ich find den nochmal ..wie sag ich es...zorniger, behender...Degenhardt, den ich mal etwas plakativ als West-Idee von Biermann abtue (da bitte und gerne Widersprüche von Leuten, die tiefer drin sind in der Materie) ist halt weise, entlarvend, er steht über allem...aber Biermann klingt wie einer der echt drin hockt im Verließ und sehr sauer ist...erster Eindruck also erstmal: Was für eine Gewalt!

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#6

Beitrag von Herbstgewitter » Do 7. Jun 2012, 01:35

Noch ein Satz: Du sprichst da was sehr interessantes an, nämlich diese zeitliche Nachverfolgung, das Abgleichen von Songs zur Zeit. An und für sich, klar, richtig. Wenn man schon einordnen will, dann sollte man sich auch etwas empathisch zeigen. Aber: Mir selbst geht es ja darum - ich schrieb das auch im Editorial zur Gründung meines Magazins - das Liedermacher-Genre aus der Nostalgie in die Bedeutsamkeit zurückzuholen. Und da kann man natürlich diskutieren. Geschichtlich interessiert mich als Musikjournalist natürlich alles, aber was dieses Ziel betrifft: Ohne Ahnung im Jahr 2012 reinhorchen und entscheiden - sollte das nicht der Maßstab sein?
Hat aber nix mehr mit Biermann direkt zu tun, ist aber für mich sehr entscheidend. Weil ich natürlich beide Seiten kenne, die alten, die über Wader und Mey seit 40 Jahren nicht hinweg kommen. Und die Jungen, die in Mey einen Schlagersänger sehen.
Zweifrontenkriege;-)
Liebe Grüße,
David
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#7

Beitrag von Skywise » Fr 8. Jun 2012, 11:31


Herbstgewitter schrieb:
Noch ein Satz: Du sprichst da was sehr interessantes an, nämlich diese zeitliche Nachverfolgung, das Abgleichen von Songs zur Zeit. An und für sich, klar, richtig. Wenn man schon einordnen will, dann sollte man sich auch etwas empathisch zeigen. Aber: Mir selbst geht es ja darum - ich schrieb das auch im Editorial zur Gründung meines Magazins - das Liedermacher-Genre aus der Nostalgie in die Bedeutsamkeit zurückzuholen. Und da kann man natürlich diskutieren. Geschichtlich interessiert mich als Musikjournalist natürlich alles, aber was dieses Ziel betrifft: Ohne Ahnung im Jahr 2012 reinhorchen und entscheiden - sollte das nicht der Maßstab sein?
Das kommt drauf an :-D
Gerade im Liedermacher-Sektor ist es ja nicht gerade selten, daß sich der Komponist/Texter/Interpret mit Ereignissen und Erscheinungen seiner Zeit auseinandersetzt. Natürlich gibt es die unterhaltenden Geschichten, die allgemeingültigen Lieder und Aussagen, und so ein paar Mißstände, auf die schon seit Entstehung der Genesis immer wieder aufmerksam gemacht wird, und diese Aufarbeitungen wird's auch weiterhin geben.
Aber wer sich mit bestimmten Liedermachern auseinandersetzen will, braucht mitunter schon Informationen über die jeweilige Zeit, um Anspielungen und Kritik zu verstehen; teilweise sogar, um überhaupt über bestimmte Textstellen zu stolpern.
Manchmal ist es mit dem "Reinhorchen" leider nicht getan ;-)
Gruß
Skywise
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#8

Beitrag von Michael » Fr 8. Jun 2012, 12:03

Hallo,
ich glaube, dass ich mich ähnlich wie Skywise im Werk Biermanns ganz gut auskenne. Ich habe mir die CDs nach und nach alle gekauft, wenn auch mehr aus einem grundsätzlichen Interesse als aus Begeisterung. Aber, wer sich für die Liedermacherei und ihre Geschichte interessiert, kommt an ihm nicht vorbei, wie ich finde. Es gibt auf fast jeder Platte Lieder, die mich echt umhauen. Er hat ein paar ganz große Sachen geschrieben. Allerdings hat er auch vieles verfasst, was nicht zeitlos ist oder eben nur aus dem Zeitgeschehen oder dem DDR-Zusammenhang verständlich. Das ist dann weniger ein Fall für Liedermacher-interessierte als für zeitgeschichtlich interessierte. Und er hat viel Ärgerliches, Besserwisserisches und Eitles verfasst. Er ist komplett Ich-fixiert und das stört mich. Seine politische Wendehalsigkeit kommt dazu. Sie verleidet ihn mir.
Trotzdem würde ich immer empfehlen, mal ein Konzert von ihm zu besuchen. Er hat einfach Charisma, das muss man sagen - und er kann spannend und gut erzählen. Und wem sein "Gesang" nicht gefällt - seine Lieder sind auch von anderen gesungen worden. Eva-Maria Hagen natürlich und relativ aktuell Marie Biermann - die Tochter hat eine CD gemacht "Marie singt Biermann". Die ist wirklich sehr gut.
Und: vergesst den Vergleich mit Degenhardt - den würde sich Biermann verbitten, der ihn einen "Parteikastraten" genannt hat, und Degenhardt auch, der Biermanns Plattentitel "Nur wer sich ändert bleibt sich treu" als "Dienstbotenspruch" bezeichnet hat. Außerdem spielt Degenhardt künstlerisch und menschlich in einer anderen Liga.
Michael
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#9

Beitrag von Gesch » Fr 8. Jun 2012, 13:11

Hallo zusammen,
und schon wären wir mitten drin...
es steht nämlich jetzt durch Michaels Posting die Frage im Raum, welche künstlerische Liga und welche menschliche Liga bei welchem der beiden Künstler gemeint sein könnte...
zwei Mosaiksteinchen zur Verortungshilfe (sicherlich subjektiv):
künstlerisch:
Träger des Büchnerpreises, also des wichtigsten deutschen Literaturpreises (sagen jedenfalls viele Leute), ist wer?
Biermann, nicht Degenhardt
menschlich:
Ich hatte Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre (weiß aus der Erinnerung nicht mehr genau, wann das war und kann es gerade nicht recherchieren) das Vergnügen, in einem (vermutlich vom Jusio-Bundesvorstand organisierten) ewig dauernden Liedermacher-Konzert in einer der Hallen auf dem Kölner Messegelände kurzfristig für den erkrankten Knut Kiesewetter einspringen zu sollen - war im Rückblick eine unglaubliche Chance, gleichzeitig auch angesichts meines (verglichen mit heute) damals noch schmalen Repertoires ein ziemliches Wagnis, auf der großen Bühne etwa 45 Minuten zu füllen.
Wecker und Biermann kamen nach mir, ich weiß nicht mehr, in welcher Reihenfolge, und ob auch noch andere Künstler folgten. Biermann war der einzige, der sich völlig ohne Arroganz oder Allüren mir gegenüber ohne Anstoß dazu begeistert über ein bestimmten Lied äußerte, das ich über den damaligen Bundespräsidenten Carstens gesungen hatte.
Ich freute mich, schickte ihm anschließend eine 90er Kassette mit allerhand Liedern von mir. Nach ein paar Wochen fiel ich aus allen Wolken, denn ich erhielt einen handschriftlichen mehrseitigen Brief von Biermann, in dem er sich detailliert mit meinen Liedern textlich und musikalisch auseinandersetzte und mir Tipps gab, wie ich durch kleine handwerkliche Tricks die Wirkung erhöhen konnte.
Sowas hab ich nie wieder erlebt... und seitdem lass ich ungern auf Biermann was kommen...
herzlich
Gerd
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#10

Beitrag von JuergenF » Fr 8. Jun 2012, 14:30

Biermann sagte (vor langer Zeit) über Degenhardt, er sei nicht in der Lage, dessen Werk zu beurteilen, weil er Degenhardt bzw. dessen politische Haltung so sehr verabscheue. Dasselbe gilt bei mir, wenn ich Biermanns Werk beurteilen sollte. Mir ist der Mann derart zuwider, daß eine unbefangene Betrachtung seines Werks einfach ausgeschlossen ist.
Jürgen
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14.11.12 Hannes Wader in Kirchheim/Teck, Stadthalle
21.2.13 Uta Köbernick in Bietigheim Bissingen, Rommelsmühle
15.3.13
Annett Kuhr in Landau, Kreuz und Quer
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Gesch
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#11

Beitrag von Gesch » Fr 8. Jun 2012, 14:57

na bitte, hab ich's nicht gesagt? - mitten drin...
ich verkneif mir die Verwendung eines Biermann-Zitats aus völlig anderem Zusammenhang, das der streitbare und (von ihm selbst eingestanden) eitle Barde Ende der 80er Jahre am Ende eines angriffslustigen Artikels schrieb. Darin ging es um die Reaktionen aus der deutschen Friedensbewegung auf die Kriegsgefahr im Nahen Osten und der Bedrohung Israels durch Giftgas-Raketen. Den "deutschen Friedensfreunden", die meinten, Israel geschehe wohl ganz recht..., schleuderte Biermann entgegen: "Bindet euer Palästinensertuch fester, wir sind geschiedene Leute."
Statt dessen mein freimütiges Bekenntnis, dass mir Degenhardt spätestens von dem Zeitpunkt an, als er sich zum wortgewaltigen DKP-Barden gemacht hatte (also lange vor Biermanns Ausbürgerung) künstlerisch an der Flanke vorbeiging. Ab da ging mir die Unbefangenheit zur Betrachtung seines Werkes verloren, auch wenn er mir nicht direkt zuwider wurde - er wurde mir einfach egal...
Doch dass er für die deutsche Liedermacherei von Relevanz ist, daran gibt es keinen Zweifel.
Gerd
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#12

Beitrag von Michael » Fr 8. Jun 2012, 16:05


Gesch schrieb:
Den "deutschen Friedensfreunden", die meinten, Israel geschehe wohl ganz recht..., schleuderte Biermann entgegen: "Bindet euer Palästinensertuch fester, wir sind geschiedene Leute."


Tja, und in dem Punkt hatte er allerdings recht. Allerdings hab ich ein bisschen gebraucht, bis ich das kapiert habe. Und ich mache mir einen Satz von ihm zu eigen: "Manchmal bin ich nicht mehr meiner Meinung".
Und: Vielleicht war "menschlich" auch ein zu hoch gegriffener Ausdruck. Ich meinte eher "charakterlich".
Michael
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#13

Beitrag von Helmut » Fr 8. Jun 2012, 16:55

Hallo
Mir geht es ähnlich wie Gesch: Es muss gegen Ende der 70-er Jahre gewesen sein, da erlebte ich Degenhardt live. In einem Lied sang er sinngemäß. "Zum Glück ist ein Drittel der Erde schon rot."
Wer damals dieses rote Drittel (die erste Formulierung hab ich wieder gelöscht) für einen Glücksfall hielt, hat sich für mich disqualifiziert. Ich hab mir nie wieder ein Degenhardt-Lied angehört.
Gruß
Helmut
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#14

Beitrag von Michael » Fr 8. Jun 2012, 17:58

Hallo,
es war der alte Kommunist und Widerstandskämpfer Rudi Schulte aus dem gleichnamigen Lied, der davon träumte
"... dass er einmal diese große Reise macht. Durch das Drittel dieser Welt, das jetzt schon rot geworden ist."

Von Glück war in dem Text zwar keine Rede, das hätte zur Figur Rudi Schulte nicht gepasst, der wusste, dass sowas mit Glück nichts zu tun hat. Aber es wäre wohl nicht falsch, das als Wertung mit zu denken. Wenn ich mir anschaue, was aus der Welt geworden ist, seit das Drittel auf eine Karibikinsel geschrumpft ist, ist eine Verbesserung jedenfalls nicht eingetreten. Es macht mir auch manchmal Spaß, mich zu disqualifizieren.
Michael
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#15

Beitrag von Gesch » Fr 8. Jun 2012, 18:45

... weil mir das auch manchmal Spass macht: ich halte das Ende der real existierenden Gulags oder aehnlicher Entsorgungseinrichtungen fuer das Wegsperren unbequem gewordener Menschen sowie das Ende solcher Institutionen, die dafuer gesorgt haben, dass diese "Entsorgungseinrichtungen" nie leer wurden ( z. B. Stasi) wenigstens in ein paar Laendern schon fuer einen Fortschritt.
Gerd
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#16

Beitrag von Helmut » Fr 8. Jun 2012, 20:25

Hallo
Offensichtlich hab ich nach mehr als 35 jahren den genauen Text nicht mehr richtig im Kopf.
Am Sinn ändert es wohl nicht so viel.
Was ich sagen wollte: ich kann und konnte es nicht nachvollziehen, dass man dem Faschismus etwas Positives abgewinnen kann, auch wenn er sich selbst rot angemalt hat.
Gruß
Helmut
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#17

Beitrag von Michael » Sa 9. Jun 2012, 14:38


Gesch schrieb:
ich halte das Ende der real existierenden Gulags oder aehnlicher Entsorgungseinrichtungen fuer das Wegsperren unbequem gewordener Menschen sowie das Ende solcher Institutionen, die dafuer gesorgt haben, dass diese "Entsorgungseinrichtungen" nie leer wurden ( z. B. Stasi) wenigstens in ein paar Laendern schon fuer einen Fortschritt.
Gerd

Das ist es auch. Ich sage ja nicht, dass sich en detail nichts verbessert hätte. Aber unter dem Strich kann ich zu diesem Urteil angesichts der seit dem auch wieder in Europa geführten Kriege, der von jeder Scham befreiten weltweit agierenden deutschen Großmannssucht, dem grassierenden Neoliberalismus, der immer mehr Menschen - noch nur z.B. in Griechenland, bald auch hier - ins Elend stürzen wird, dem Zusammenbruch jeglicher sozialer Sicherheit in Osteuropa, der Zerstörung der Wirtschaft dort, nicht kommen. Von den ganzen Verbrechensregimes, die seither dazu gekommen sind, ganz zu schweigen.
Und die Sache mit dem rot angemalten Faschismus, also die Totalitarismustheorie, halte ich für eine Ausgeburt des Kalten Krieges und außerdem für ein Verharmlosung des deutschen Faschismus. Der Unterschied zwischen Gulag und Stasi einerseits und Weltkrieg und Auschwitz andererseits muss wohl nicht näher dargelegt werden. Im eigenen Lager nach "rot lackierten Faschisten" oder "Sozialfaschisten" zu suchen, hat der Linken immer gefallen und nie genutzt.
Michael
P.S. Endlich mal wieder eine schöne Diskussion, danke Herbstgewitter!

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#18

Beitrag von Helmut » So 10. Jun 2012, 14:10

Lieber Michael
Mir macht es auch Sapß, drum muss ich auch noch meinen Senf dazu geben:
Wenn ich bezüglich Menschenrechtsverletzungen den real existierenden Sozialismus mit dem Nazi-Regime vergleiche, hältst du das für eine Verharmlosung des deutschen Faschismus. Ich halte es für eine Verharmlosung der Stasi-Herrschaft, wenn du sie mit dem „grassierenden Neoliberalismus“ vergleichst. Ich behaupte, von den drei Übeln ist bezüglich Menschenrechtsverletzungen der Kommunismus viel näher am Faschismus als am Neoliberalismus, besonders dann, wenn man nicht den deutschen Faschismus zugrunde legt, sondern die Urform, den italienischen Faschismus. Ich komme hoffentlich nicht in den Verdacht, etwas beschönigen zu wollen, wenn ich darauf hinweise, dass es in Italien nichts gab, was mit Auschwitz vergleichbar ist.
Als ich nach Kennzeichen des Faschismus recherchiert habe, fand ich keinen Punkt, der nicht auch auf den Kommunismus zugetroffen hätten. Sogar der Begriff „antikommunistisch“ trifft zu, wenn man –und damit komm ich wieder auf das Ausgangsthema zurück- berücksichtigt, wie die DDR den Kommunisten Biermann behandelt hat. Ich bin überzeugt, jeder der hier das Maul zu weit aufreißt (und da zähl ich dich und mich dazu) hätte auf die Dauer in dem „roten Drittel“ gewaltige Schwierigkeiten bekommen, und drum bin ich heilfroh, dass ich mich „nur“ mit den Übeln herum plagen muss, die mitunter als Klerikalfaschismus bezeichnet werden.
Schönen Restsonntag
Helmut
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#19

Beitrag von Michael » Mo 11. Jun 2012, 11:33

Hallo Helmut (und die anderen natürlich auch),
nur ein paar kurze Bemerkungen, aber der Thread soll ja keine Privatdiskussion werden:

Helmut schrieb:
besonders dann, wenn man nicht den deutschen Faschismus zugrunde legt, sondern die Urform, den italienischen Faschismus.


Das ist in der Tat was anderes. Aber wenn wir in Deutschland über den Faschismus reden, gehe ich zunächst immer davon aus, der deutsche ist auch gemeint.

Sogar der Begriff „antikommunistisch“ trifft zu, wenn man –und damit komm ich wieder auf das Ausgangsthema zurück- berücksichtigt, wie die DDR den Kommunisten Biermann behandelt hat.


Das stimmt dann, wenn wir davon ausgehen, dass Biermann im Gegensatz zu den Politbüro-Hanseln der "wahre" Kommunist gewesen wäre. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Dass der Umgang mit ihm - gelinge gesagt - bescheuert war, ist allerdings wahr.


Ich bin überzeugt, jeder der hier das Maul zu weit aufreißt (und da zähl ich dich und mich dazu) hätte auf die Dauer in dem „roten Drittel“ gewaltige Schwierigkeiten bekommen


Da bin ich mir auch sicher.

Ich halte es für eine Verharmlosung der Stasi-Herrschaft, wenn du sie mit dem „grassierenden Neoliberalismus“ vergleichst.


Da sollten wir vielleicht in ein paar Jahren nochmal drüber reden.
Liebe Grüße
Michael
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Wolf Biermann

#20

Beitrag von Herbstgewitter » Mo 11. Jun 2012, 12:16

Ja, Hilfe, da bin ich einmal ein paar Tage nicht hier, kehre zurück und finde den Faden, auf den ich mit wenig bis gar nichts rechnete, eine lebhafte Diskussion vor. Sehr schön und ich behaupte einmal dadurch ist mir selbst jetzt schon wesentlich klarer, was einen Biermann ausmacht und wo er aneckt, woher diese Polarisierung stammt.
Mich jetzt selbst zu äußern, das lasse ich einfach einmal, frei nach dem inzwischen längst bekannten Zitat von Dieter Nuhr, wonach auch einfach einmal der Mund zu halten ist, wenn man nicht wirklich über Ahnung verfügt.
Nach diversen Hördurchgängen und mit dieser trotzigen "mir egal was früher war, ich hör die Lieder jetzt, anno 2012"-Brille, bin ich aber begeistert. Das hat aber evtl weniger mit Biermann direkt zu tun, sondern ist eher einem prinzipiellen Wandel der öffentichen Wahrnehmung von Liedermachern geschuldet. Dem Bewusstsein, dass derlei tiefe Sprachlichkeiten - ob man sie nun mag oder eher opponiert - heute kaum noch möglich sind, nicht gefragt sind. So sehr kaum möglich und kaum gefragt, dass es dementsprechend kaum noch junge Musiker gibt, die "so" sind wie eben Biermann. Natürlich gibt es tollen Nachwuchs, aber die setzen eben mehr auf introvertierte Befindlichkeitsschilderungen. Weiherer ist da mit Sicherheit auch noch eine Ausnahmeerscheinung, wobei der weniger politisch als vielmehr gesellschaftsideologisch daherkommt.
Was immer das nun heißen soll;-)

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