Wenn Liedermacher im Wahlkampf mitmischen...

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Gesch
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Wenn Liedermacher im Wahlkampf mitmischen...

#61

Beitrag von Gesch » Sa 3. Okt 2009, 11:26

Hallo Dirk,
es hat mit meiner Antwort etwa länger gedauert, als ich es vorhatte, doch manche Herausforderungen des Alltages nehmen auf die eigene Planung keine Rücksicht. Eigentlich wollte ich so kurz wie möglich und so ausführlich wie nötig antworten – bin mir nicht sicher, ob es gelungen. Für größere Vertiefungen fehlt mir jedoch im Augenblick die Zeit und ich weiß ja auch nicht, ob dies hier im Forum goutiert wird.
„Wenn Liedermacher Wahlkampf machen“:
Ich hab mich seit Jahrzehnten nicht mehr herausgefordert gefühlt, mich vor einen Partei-Karren spannen zu lassen, weil ich es für angenehmer halte, die Freiheit zum eigenen Denken bewahren zu können, statt über den Falzknick eines dünnen gebundenen Parteiprogramms zu tänzeln – auch der ist nämlich eigentlich nur ein Strich... Also sing ich lieber Lieder, aus der meine Sicht auf „gesellschaftliche Phänomene“ deutlich wird, und nicht die Rezeptvermittlung irgendeiner Partei durchschimmert. Dabei erlaube ich mir eben Kritik – gereimt und in Prosa - an Parteien und Politikern genauso wie an Wirtschaftsmanagern und Gewerkschaftsfunktionären, Künstlern, Freiberuflern oder „Werktätigen“. So stelle ich mir Meinungsfreiheit vor...
Wenn bei Kritik nur an plakativen Wahlkampfparolen einer Partei deren Sympathisant schon das Demokratieverständnis des Kritikers in Frage stellt, ist wohl eher der Sympathisant noch nicht in der Demokratie angekommen. Von mir aus kann eine Partei doch von sich geben, was sie will – mit einer Ausnahme: die Rechtsextremen will ich schon außenvor halten…- , und von mir aus auch kandidieren, wenn sie es für angezeigt hält und sich ausrechnet, dass sie Wähler zu beeindrucken vermag. Die Frage ist nur – auch bei der Linken -, ob sie es tatsächlich mit ihren Inhalten tut, oder nur durch ihr Dasein, das sich für ein Protestwahlverhalten unzufriedener Wahlberechtigter anbietet. Mit politischer Gleichschaltung haben andere Erfahrung und von denen haben ja noch genügend das Parteibuch der Linken. Hör Dich da bei Gelegenheit doch mal um.
Also: Klappe halten sollte und muss hierzulande nach meiner Ansicht niemand (mit der erwähnten rechtsradikalen Ausnahme, versteht sich). So hab ich nicht erst seit der Entstehung der Grünen argumentiert und gesungen, sondern schon vorher. Ich war auch seinerzeit in jungen Jahren gern gehörter singender Bündnispartner gegen die Berufsverbote, die mich damals schon der SPD von Willy Brandt und Helmut Schmidt wieder entfremdet hatten, in die ich aus Begeisterung über die Ostverträge vor meinem Abitur eingetreten war. Aber alles kann sich bei gegebenem Anlass und neuen Erkenntnisse ändern: Inzwischen halte ich auch ein Berufsverbot für Rechtsradikale in manchen Berufen für regelrecht zwingend. Und ob ich es gerne hätte, wenn ein früherer Stasi-IM im Lehrerkollegium mal meine noch nicht geborenen Enkel unterrichten sollte? Eigentlich eher nicht…
So halte ich es auch für eine Frage der politischen Hygiene und des persönlichen Anstandes, dass sich nicht ausgerechnet diejenigen ein demokratisches Mäntelchen umhängen und auch noch wieder für Posten nach vorne drängeln, die sich aktiv einem System angedienert haben, das vorzugsweise vorher bespitzelte Andersdenkende drangsaliert und danach getrachtet hat, deren Fluchtversuche vor menschenverachtenden Repressalien auch durch Mord zu verhindern. Dass an Wahlergebnissen (nicht nur in Thüringen und Brandenburg) ablesbar ist, wie vergesslich doch die Menschen sind, spricht nicht für die Partei, die daran genüsslich Hoffnung knüpft, sondern zeigt nur, wie gleichgültig inzwischen denjenigen, die damals nicht drangsaliert wurden, die Schicksale der damaligen Opfer geworden sind.
Zur „Farce des linken Selbstverständnisses in der SPD“:
Unbestritten, dass sich die SPD mit der Agenda keinen Gefallen getan hat, und den Menschen aus der eigenen Klientel, die sie damit vor den Kopf gestoßen hat, auch nicht. Unbestritten, dass es Korrekturen bedarf. Aber auch unbestreitbar, dass nicht zuletzt durch die Agenda 2010 die Zahl der Arbeitslosen zurückgegangen ist, wovon eher Merkel (und diejenigen, die wieder Arbeit haben) profitieren konnten als die SPD. Tja, die Welt ist ungerecht…
Zur Notwendigkeit, eine armutsfreie Lebensperspektive zu schaffen:
Sehr gerne, aber nur im Wechselspiel mit der Sicherung auch anderer Freiheiten und Gerechtigkeiten, denn sonst wäre mir das Risiko der Entmündigung als Preis für die umfassende Versorgung zur Sicherung dieser armutsfreien Lebensperspektive zu groß. Sonst bekämen wir wohl ein Gemeinwesen, das sicher nicht auf Dauer eines der reichsten Industrieländer bliebe und obendrein noch durch die verfügte Umverteilung nach Gutdünken (oder welche Kriterien empfiehlst Du?) und Rechtfertigung dieser Maßnahme per ordre mufti bei Strafe gegen Widerständler in Gefahr liefe, wieder in eine Diktatur zu rutschen, die am Ende pleite macht. Hatten wir doch schon. Aber da kann ja jeder seine Schwerpunkte anders setzen.
Zur Haltbarkeit von Versprechen:
Mit Speck fängt man Mäuse - klar, auch Wählerstimmen, wenn man so tut, als wären die Visionen von heute bereits morgen umgesetzt, wenn bei der Wahl alles zum Besten derer liefe, die mit dem Speck winken… Wer das Blaue vom Himmel verspricht, gibt sich doch den Anschein, er hätte den Zugriff darauf. Klar, viele Errungenschaften mussten in einem langen Prozess errungen werden (sonst hießen sie nicht so) und waren letztlich dann ja auch ein Ergebnis von Mehrheitsentscheidungen, auch weil die Umsetzung des Anliegens oft im gesellschaftlichen Konsens erfolgte, nachdem man die notwendige Überzeugungsarbeit erfolgreich abschließen konnte.
Bei anderen Entwicklungen gab der Widerstand auf der Straße den Ausschlag. Die Erinnerung wurde ja gerade aufgefrischt. Die Mauer fiel vor 20 Jahren, und das sicher nicht, weil es SED und ihre Blockflöten in der Volkskammer beschlossen hätten oder die SED-Spitzengreise und ihre dröge Jungschar, allesamt nicht mal mit dem Charme und Esprit eines Büroleiters wie Steinmeier versehen, auf ihre Fahnen geschrieben hätten. Vom dermaßen schrägen Entertainment à la Honni hatten die Werktätigen – sogar manche in der SED, aber da gewiss aus anderen Gründen - endgültig die Nase voll. Mit Ruhm „bekrenzt“ haben sie sich gewiss nicht.
Wofür stehen eigentlich heute die „einbreiigen Zwillinge Oskor und Gregar“? Nur für Visionen? Wenns konkret wird und außer Sprechblasen auch mal handfest Politik gestaltet werden sollte, hat sich der „zweite Saarländer“ ja inzwischen um Orientierung am „ersten Saarländer“ bemüht. Der war ja nicht erst ab Sommer 1989 weltfremd... Nicht auszuschließen, dass Lafontaine sich in absehbarer Zeit mit Westerwelle die Hand zum neuen Bruderbund reichen kann, weil das gemeinsame Ziel – Marginalisierung der SPD – erreicht ist...
Gebrochene Versprechen:
Sie fallen auf jeden zurück – egal in welcher Partei. Ich muss kein einziges rechtfertigen. Doch es hat schon was, wenn man versucht, sich mit dem Verweis auf die von anderen gebrochenen Versprechungen quasi schon vor Kritik an den selbst absehbar gebrochenen Versprechen (steht die Absicht schon fest?) zu schützen.
Verteilungsgerechtigkeit:
Mit Reichtümer verteilen à la Linkspartei? Ich kann mir nicht vorstellen, dass zwischen den Slogans der kirchennahen Verbänden und dem, was die Linkspartei mit eigenem Copyright plakatiert, auch aus Sicht der kirchennahen Verbände Deckungsgleichheit besteht. Wäre mal interessant, dies zu erkunden...
Glaubwürdigkeit und Stasi-Kritik:
Interessant ist für mich, dass die lautstärksten Verteidiger des Stasi-Terrors, der mit seinen feinen Verästelungen nicht nur IMs wirken ließ, sondern ja auch Führungsoffiziere, Führungskader und System stabilisierende politisch Verantwortliche von lokaler Ebene bis hoch ins Politbüro aufwies, mal abgesehen von den unbelehrbaren früheren Uniformträgern gerne aus dem Westen kommen und den Terror nicht an eigenem Leib erlebt haben. Die Relativierung des Schreckens, insbesondere unter unverhohlener Schmähung der Opfer, hat auch was. So hat eben jeder seine Sicht.
Ich halte es für reichlich unverfroren, wenn man inzwischen die 16 Millionen Menschen, von denen die meisten ihre Leben riskierten oder riskiert hätten, wenn sie ihre „Heimat“ zwischen 1961 und Sommer 1989 verlassen wollten, nun vereinnahmt, um quasi moralisch abzuwehren, was doch offenkundig war: Die DDR war eine Diktatur. Was ist eine Diktatur? Ein Unrechtsstaat! Damit ist doch nicht gesagt, dass jeder, der in diesem Unrechtsstaat lebte, ihn auch gerechtfertigt und gestützt hätte. Noch Fragen zur Diktaturqualität der DDR? Es gibt genug Zeitzeugen und Gedenkstätten – und natürlich auch Leute, die nicht daran erinnert werden wollen und am liebsten denjenigen den Mund verbieten würden, die daran erinnern.
Ich hab übrigens nicht geschrieben, dass es „in der Linkspartei vor Stasi nur so wimmelt“, sondern dabei einen Einschub gemacht, der die Aussage in eine Relation stellt: „verglichen mit anderen Parteien“. Damit sollte klar sein, dass ich nicht jedes Parteimitglied gemeint habe, sondern genau diejenigen, die von sich selbst am besten wissen, dass sie dabei waren.
Und die können von mir aus auch politische Songs singen soviel sie wollen – sie sollten nur aus politischem Anstand anderen das politische Geschäft überlassen, die aus der Vergangenheit unbelastet hervorgetreten sind – gilt übrigens auch für die Systemstabilisierer in den Blockflöten...
Darauf, dass es leider anders ist und genau diese Zurückhaltung bei manchen fehlt, mit einem „So what“ zu reagieren, zeigt genau den Zynismus gegenüber denjenigen, die unter dem System DDR, seinen Schergen und Stabilisierern zu leiden hatten. Dass es Unbetroffene aushalten und die Schultern zucken, ist bedauerlich, aber auch wiederum nicht verwunderlich. Von diesen Opfern aber zu verlangen, dass sie es aushalten, wenn sie auf Ämtern oder sonst wo in Schlüsselpositionen ihren ehemaligen Drangsalierern begegnen und erleben, wie bequem sich diese in der Gegenwart eingerichtet haben und wie rosig sie die Vergangenheit schönfärben – assistiert von Westlern, die nichts zu leiden hatten - , das ist schon heftig.
Die Formel Linke=DDR=Stasi hab ich nicht pauschal in der Rechnung. Ich mache es daran fest, wie die Linke ihr Personal aussucht und wie sie mit der Vergangenheit umgeht. Da reicht mir nicht das pauschale Eingeständnis, dass es keine Frage sei, „dass vom repressiven Apparat der Staatssicherheit furchtbare Verbrechen begangen wurden“ - wie war das mit dem Schild und Schwert der Partei...? Natürlich waren nicht alle Täter – es gab schließlich jede Menge Opfer. DeMaizières Leben und das vieler Menschen, die sich die Finger nicht schmutzig gemacht haben, sondern nur ihr Leben anders leben wollten als es Regime und System vorschreiben wollten, will ich gar nicht bewerten. Doch ich zähle Mosaiksteinchen zusammen, auch solche, die vielleicht schon längst wieder vergessen sind, z.B. Einschränkungen in der Möglichkeit, zu studieren, nur weil man aus der falschen Familie kam..., oder die Wegnahme von Kindern, weil man sich nach dem Verständnis der rotlackierten Obrigkeit unbotmäßig gezeigt hatte. Es ist genügend dokumentiert, leidern nicht so häufig besungen...
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Linken:
Ach je – nagele mal nen Pudding an die Wand... Wie soll man sich mit groben, populistischen Holzschnitzereien, bei denen sich die Verbreiter klar sind, dass sie nie Gefahrlaufen, sie auch politisch umsetzen zu müssen - filigran auseinandersetzen, wenn doch immer dann, wenn man auf die realen Möglichkeiten der Umsetzung verwiesen hat, wieder daran erinnert wird, dass es doch erst mal nur eine Vision sei, die man doch haben dürfen müsse... Aber dann soll man nicht so tun, als könnte man schon morgen Vollzug melden.
Und was die Blockparteien und ihre Mitglieder angeht, die sich unter die Rockschöße von CDU und FDP flüchten konnten und dabei nicht nur wegen ihrer Parteivermögen und Parteiimmobilien gerne genommen wurden, so halte ich es genauso wie Du für ein echt lohnende investigative journalistische Aufgabe, der sich hoffentlich bald mal freie Kollegen mit genug Zeit im Auftrage eines zahlungskräftigen und tatsächlich interessierten Mediums widmen sollten.
Gruß
Gesch
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Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


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Holgi
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Wenn Liedermacher im Wahlkampf mitmischen...

#62

Beitrag von Holgi » So 4. Okt 2009, 17:45

Ich hätte ja gerne noch mitdiskutiert, aber ich habe momentan nicht den Kopf dazu. Unsere Katze ist am Wochenende gestorben, nachdem sie von einem Auto angefahren worden war und eine Leidenstour hinter sich hatte.
Ich melde mich später,
Viele Grüße
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