Wenn Lieder missbraucht werden ...

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Barde
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Wenn Lieder missbraucht werden ...

#1

Beitrag von Barde » Di 22. Dez 2015, 02:47

... sind es oft die Leute von ganz weit rechtsaußen, die sich die Lieder von Mey, Wader oder z.B. H.R.Kunze für ihre Zwecke zu eigen machen.
Aktuell kursiert das Lied von Kunze, "Willkommen liebe Mörder", in den sozialen Netzwerken und wird fleißig von rechtsextremen Kreisen verbreitet. Angeblich soll der Text als Beweis dafür herhalten, dass Kunze die Flüchtlinge als Bedrohung ansieht, aber es ist genau das Gegenteil der Fall. Dazu sagt H.R.Kunze selbst:
Das Lied " Willkommen liebe Mörder " von meinem Räuberzivil- Album " Tiefenschärfe " entstand im Sommer 2014, also ein Jahr vor der Flüchtlingsdebatte. Gemeint und auf ironische Weise angesprochen sind die Mörder der NSU. Pate dazu stand das berühmte Theaterstück "Biedermann und die Brandstifter " von Max Frisch, das vom Aufkommen der Nazis handelt. Ich verbitte mir jede dem Geist dieses Songs widersprechende Vereinnahmung und Anbiederung, zumal von rechts. Heinz

Hannes Wader musste ja schon vor einiger Zeit entsetzt feststellen, dass Neonazis auf Demonstrationen seine Lieder sangen.
Kürzlich habe ich im Profil eines sog. "Asylkritikers" einen Youtube-Link zu Reinhard Meys "Füchschen" gefunden. Dies erweckt so irgendwie den Eindruck, als ob man prominente Mitstreiter sucht, um jeden Politiker zu diskreditieren. Der nächste "Lügenpresse"-Schreier wird dann wohl "Was in der Zeitung steht" verlinken usw.
Echt blöde Entwicklung.
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#2

Beitrag von Anne1986 » Di 22. Dez 2015, 11:17

Das ist heftig - umso wichtiger, dass man es nicht einfach so stehen (und missbrauchen) lässt, sondern in den richtigen Kontext stellt und dies verbreitet!
Liebe Grüße,
Anne
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#3

Beitrag von Gesch » Di 22. Dez 2015, 12:49

in der tat, ihr lieben, echt blöde entwicklung.
aber wie leicht kann man mit liedertexten, ohne es zu wollen, steilvorlagen für den missbrauch durch leute geben, mit denen man als künster nichts zu tun haben will, die das lied, den text zu ihrem zwecke nutzen. und dieser zweck kann sogar völlig entgegengesetzt zum sinn und zweck sein, den der autor im blick hatte, als er das lied schrieb.
was könnte man tun? walter moßmann hatte - soweit ich weiss, erfolgreich - gegen einen missbrauch seines liedes vom hexenhammer durch rechtsradikale vor gericht geklagt. es ging, glaub ich, um einen tonträger mit einer anderen version von moßmanns lied, deren text leicht verändert worden war.
wenn der text unverändert missbraucht werden kann, dürfte es schwierig sein, gerichte zu bemühen, um einen missbrauch zu unterbinden. dann hat aber auch das lied einen bedauerlichen mangel an klarheit, durch den eine "andere verwendung" als die vom autor beabsichtigte erst möglich wird.
aus reinhards repertoire ist nicht nur "was in der zeitung steht" für lügenpressen-schreier ein gefundenes fressen. auch die "homestory" hat das zeug, pauschale vorurteile gegenüber der presse zu bedienen...
mir ist nicht wohl, wenn kollegen aus dem journalismus populistisch in einen sack gesteckt und kräftig draufgehauen wird. man trifft dann vielleicht ein paar richtige, aber auch jede menge falsche, die aber von denjenigen, die sich für den text begeistern, liebend gerne ausgeblendet werden.
man sollte, finde ich, froh sein, dass unsere presse nicht gleichgeschaltet ist und es einen presserat gibt, der redaktionelle verfehlungen anprangert.
herzlich
gerd
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#4

Beitrag von Barde » Di 22. Dez 2015, 15:27


Gesch schrieb:
... dann hat aber auch das lied einen bedauerlichen mangel an klarheit, durch den eine "andere verwendung" als die vom autor beabsichtigte erst möglich wird.
gerd

Der "bedauerliche Mangel an Klarheit" ist in diesem Fall leider tatsächlich gegeben, weil es überhaupt nicht eindeutig ist, wer der Adressat dieses Liedes ist. Sogar ich hatte - im ersten Schock - gedacht, dass Kunze die Muslime meint und dachte spontan "Oh Gott, jetzt hat sich noch einer verführen lassen" Man kann den Text missbrauchen, bzw. viele Rechte werden wohl wirklich irrtümlich glauben, H.R.Kunze hätte die Muslime gemeint. Es gibt ja schon Fälle etablierter Künstler, die sich auf politisch-ideologische Irrwege begeben, sich dort verirren und nun Mist verbreiten. Nennen wir Xavier Naidoo mal als ein abschreckendes Beispiel. Nun, Google hat mir mitgeteilt, was Kunze wirklich gemeint hat, aber viele machen sich diese Mühe natürlich nicht. Wir wissen ja wie die Stimmung "im Volk" ist: Man konsumiert alles was der eigenen politischen Meinung scheinbar entspricht, ohne es zu hinterfragen. Dann wird es für die eigene Position und Einstellung als "argumentative Waffe" vereinnahmt und geteilt. Es ist zu befürchten, dass das Lied noch einige Verbreitung in extremen Kreisen finden wird und Kunze "Fans" bekommt, die er gar nicht haben will.
mir ist nicht wohl, wenn kollegen aus dem journalismus populistisch in einen sack gesteckt und kräftig draufgehauen wird. man trifft dann vielleicht ein paar richtige, aber auch jede menge falsche, die aber von denjenigen, die sich für den text begeistern, liebend gerne ausgeblendet werden.

Auch wenn diese Meinung vermutlich nicht sehr populär ist: Die Politiker möchte ich hier auch differenziert betrachtet sehen. Ein reines, undifferenziertes Politiker-Bashing untergräbt auch die Demokratie. Eine Querfront der Rechten und Linken gegen die demokratisch gewählte Regierung gab es schon mal in der Weimarer Republik. Jeder weiß was dann passiert ist.
man sollte, finde ich, froh sein, dass unsere presse nicht gleichgeschaltet ist

Das einzige Medium, das übrigbleiben würde, wenn sich Pegida und Konsorten durchsetzen könnten, wäre der "Völkische Beobachter". Chefredakteur wäre dann vermutlich Björn Höcke.
Liebe Grüße
Barde :barde:

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#5

Beitrag von Carsten K » Di 22. Dez 2015, 18:17

Hier das Hannes Wader-Lied genau zu diesem Thema:

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"Wenn man als junger Mensch aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen treu geblieben ist, sieht man als alter Sack halt aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer."
Harry Rowohlt (1945-2015)

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#6

Beitrag von Carsten K » Di 22. Dez 2015, 23:32

Ich finde übrigens, Hannes Wader reagiert genau richtig auf das Problem. Er tut nämlich das, was er als Liedermacher am besten kann, er schreibt ein Lied über das Problem und äußert sich öffentlich, offensiv und unmissverständlich dazu. Dass Nazis seine Lieder singen, kann er damit (juristisch) zwar nicht verhindern, aber er nutzt seine Bekanntheit auch dazu, erstens überhaupt auf das Problem aufmerksam zu machen und bezieht zweitens eideutig Stellung gegen diejenigen, die seine Lieder missbrauchen.
Für mich selbst als Liedermacher stellt dabei auch die Frage: Mache ich mir schon beim Schreiben eines Textes Gedanken, ob dieser u. U. vielleicht von Nazis gesungen werden könnte? Nein, und das möchte ich auch auf jeden Fall vermeiden, es wäre eine Art "Zensur im Kopf" und würde mich wohl auch dauerhaft daran hindern, überhaupt noch die Texte zu schreiben, die wirklich meine Texte sind.
Liebe Grüße
Carschti
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#7

Beitrag von Barde » Mi 23. Dez 2015, 02:15


cARSCHti schrieb:
Für mich selbst als Liedermacher stellt dabei auch die Frage: Mache ich mir schon beim Schreiben eines Textes Gedanken, ob dieser u. U. vielleicht von Nazis gesungen werden könnte? Nein, und das möchte ich auch auf jeden Fall vermeiden, es wäre eine Art "Zensur im Kopf" ...


Auf irgendeine Art und Weise lässt sich alles missbrauchen, wenn man einen bösen Willen hat. Bei diesem Lied war und ist es halt unglücklich, dass der Text ohne jegliche Veränderung falsch verstanden werden kann. Kismet, Inshallah. Kritisieren würde ich H.R.K. auf keinen Fall. Und wenn es weiter seine Kreise zieht, wird er vielleicht auch wie Wader auf seine Art und Weise - künstlerisch - reagieren.
Liebe Grüße
Michael :barde:
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Marc
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#8

Beitrag von Marc » Mi 23. Dez 2015, 10:39

Ihr Lieben,
ein Lied, mit dem ich mich wegen der Gefahr des Missverstehens lange Zeit nicht anfreunden konnte, ist "Was keiner wagt", geschrieben von Lothar Zenetti, einem römisch-katholischen Theologen, vertont von Konstantin Wecker, aufgenommen und live aufgeführt auch von Hannes Wader und Reinhard Mey.
Mir erschien die Aussage des Liedes, die Meinung der Masse abzulehnen, immer viel zu pauschal und viel zu uneindeutig. Dass der appellhafte Charakter des Liedes noch nicht - soweit ich weiß - von falscher Seite vereinnahmt worden ist, verwundert mich regelrecht. Das Lied hatte Glück!
Wenn Mey, Wader, Wecker das Lied singen und in ihren Konzerten aufführen, ist klar, wie sie es meinen. Und diejenigen, die es von ihnen hören, wissen auch, wie es zu verstehen ist. Aber ein leises Gefühl von Unbehagen bleibt bei mir - ein anderer Sänger, ein anderer Kontext, ein anderes Publikum... es wäre ein Jammer!
Lieben Gruß!
Marc
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So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt,
dass nichts bleibt,
wie es war.

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#9

Beitrag von fille » Mi 23. Dez 2015, 15:25

Als total unpolitischer Mensch muss ich auch meinen Senf dazu geben.
Mir erschien die Aussage des Liedes, die Meinung der Masse abzulehnen, immer viel zu pauschal und viel zu uneindeutig. Dass der appellhafte Charakter des Liedes noch nicht - soweit ich weiß - von falscher Seite vereinnahmt worden ist, verwundert mich regelrecht. Das Lied hatte Glück!
Wenn Mey, Wader, Wecker das Lied singen und in ihren Konzerten aufführen, ist klar, wie sie es meinen. Und diejenigen, die es von ihnen hören, wissen auch, wie es zu verstehen ist.

Die Frage ist, welches ist die richtige Seite?
Allein diese Frage, die ich gestellt habe, ist
eigentlich absurd. Noch leben wir in einem
freien Land. Die Meinungsfreiheit geht aber flöten.
Ich bin gegen alles Extreme, ob links oder rechts
und ich halte die linke Seite für fast so gefährlich,
wie die rechte. Leider traut sich die Mitte bald nichts
mehr sagen. Denn seien wir mal ehrlich, die Nazi-Keule
wird sehr schnell geschwungen. Sie ist ein echter
Meinungs-Totmacher.
Ich "missbrauche" jetzt auch einmal ein Lied von
Reinhard, das ich für eines seiner besten halte.
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er heute noch
bedingungslos dahinter steht.
Rechnet nicht mit mir beim Fahnenschwenken,
Ganz gleich, welcher Farbe sie auch sein‘n.
Ich bin noch imstand‘, allein zu denken,
Und verkneif‘ mir das Parolenschrei‘n.
Und mir fehlt, um öde Phrasen,
Abgedroschen, aufgeblasen,
Nachzubeten jede Spur von Lust.
Und es paßt, was ich mir denke,
Auch wenn ich mich sehr beschränke,
Nicht auf einen Knopf an meiner Brust!


Vielleicht würde ich mir noch ein Knopf
an die Brust heften: "Gegen die Einheitsmeinung!"
Nichts ist schwarz oder weiß und nichts ist so einfach.
Liebe Grüße, Marianne
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#10

Beitrag von Gesch » Mi 23. Dez 2015, 18:50

liebe marianne,
ich finde, es gibt gute gründe dafür, der meinungsfreiheit grenzen zu setzen. das wird spätestens dann deutlich, wenn sie pervertierend ausgenutzt wird, um sie letztlich doch zu unterbinden: facebook hat sich zum hort der meinungsfreiheit aufschwingen wollen, um forderungen abzulehnen, hassmails zu unterdrücken... auf der anderen seite hält facebook blanke brüste für nicht tolerabel.
wovon geht eigentlich reale gefahr aus und was wird verharmlost? bekommt man, wenn man sich als "besorgter bürger" im ton vergreift und hass verbreitet, absolution?
ich steh dazu, dass ich rechtsradikale und rechtsextremisten als solche bezeichne und mir erlaube, auf kontinuitäten zu verweisen, wenn ich auf meinungen stosse oder verhaltensweisen erkenne, die heute denen der alten nazis oder ihrer begeisterten früheren unterstützer entsprechen. wenn du dies als schwingen einer nazi-keule verurteilst, kann ich damit leben.
ich finde, dass diese keule nicht heftig genug geschwungen und schmerzhaft genug treffen kann, um dumpfbackentum zu ächten.
übrigens, wo hätten angeblich linksextremisten hierzulande einen ähnlich erschreckenden zulauf von leuten mit hass auf unsere gesellschaft erhalten wie die pegida-kanaillen in dresden und anderswo.
ich dteh dazu: keine meinungsfreiheit für geistige brandstifter, die dazu ermuntern, dass menschen die häuser überm kopf angezündet werden. und die hinterher so tun, als könnten sie kein wässerchen trüben.
wehret den anfängen!!!
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#11

Beitrag von fille » Mi 23. Dez 2015, 20:56


Lieber Gerd,
und ich steh' dazu Linksextreme für fast so
gefährlich zu halten, wie Rechtsextreme.
Extreme linke Gesinnung hat der Menschheit
schon viel Leid zugefügt, siehe Kommunismus.
Aber wie gesagt, alles was extrem ist, ist gefährlich.
Einer Ideologie zu folgen, heißt nicht mehr selbst denken.
Ich habe mal bei www.verfassungsschutz.de nachgelesen.
2014 gab es in Deutschland 10.500 gewaltbereite Rechtsextremisten
und immerhin 7.600 gewaltbereite Linksextremisten.
ich finde, dass diese keule nicht heftig genug
geschwungen und schmerzhaft genug treffen kann, um dumpfbackentum zu ächten.

Ja, aber wenn diese Keule als Totschlagargument
verwendet wird, falls jemand nicht der gleichen
Meinung ist, wie die große Masse, wenn man keine
Bedenken mehr äußern und keine Argumente mehr
vorbringen darf, ohne in die rechte Ecke gestellt zu
werden, dann ist diese Keule ein mieses Instrument.
Vielleicht sollte man wieder etwas genauer hinhören,
was andere sagen. Und warum steht der besorgte
Bürger in Anführungszeichen? Du kannst sicher sein,
dass viele Bürger Bedenken haben, angesichts der
Entwicklungen in Deutschland und der Welt, aber nichts
sagen, weil sie sich nicht mehr trauen.
Ich sag's mal mit Karl Valenting:
Wo alle das gleiche denken, wird nicht viel gedacht.

Die sogenannten Shitstorms im Internet
und besonders in Facebook finde ich
auch nicht gut. Denn die Anonymität
entfesselt viele. Darum bin ich auch kaum
dort vertreten.
Auch nix für ungut
Marianne


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#12

Beitrag von Viktor » Mi 23. Dez 2015, 21:29

Hallo zusammen,
ein spannendes Thema!
Die Frage nach richtigen und falschen "Seiten" mag nicht so einfach sein, aber tendenziell teile ich da Geschs Meinung... Wenn etwas mit Nazi-Ideologie in einer Linie ist, ist doch schon kristallklar, dass das die falsche Seite ist; und man sollte es benennen.
Aber ich will damit nicht unterstellen, dass du, Marianne, mit dem Nazi-Keulen-Problem meintest, man müsse "Dumpfbackentum" durchgehen lassen. Es ging dir ja wahrscheinlich um das Meinung-Totmachen in differenzierteren Diskussionen.
//Edit: Nachtrag - ich habe diesen Beitrag geschrieben, bevor Mariannes Antwort an Gesch veröffentlicht war.
Was die Einschränkung der Meinungsfreiheit angeht, ist das nochmal ein Schritt komplexer, finde ich. Da bin ich mir selbst nie sicher, was der richtige Weg ist. In einer idealen Welt müsste nichts verboten werden, weil hasserfüllte Meinungen gar keinen Anklang fänden. Die Realität hat uns aber das Gegenteil gelehrt. Bertolt Brecht hatte vielleicht den richtigen Ansatz, wenn er schreibt: "Völlige Freiheit des Buches mit einer Einschränkung" - und die Einschränkung ist das Schüren von Völkerhass.
Aber wir haben uns ein bisschen vom ursprünglichen Thema entfernt, oder?

Gesch schrieb:
wenn der text unverändert missbraucht werden kann, dürfte es schwierig sein, gerichte zu bemühen, um einen missbrauch zu unterbinden. dann hat aber auch das lied einen bedauerlichen mangel an klarheit, durch den eine "andere verwendung" als die vom autor beabsichtigte erst möglich wird.
Also, da bin ich aber der Meinung, dass man dem Dichter keinen Vorwurf machen sollte. Mangel an Klarheit macht Dichtung doch auch so schön. Für Eindeutiges gibt es Prosa...


Marc schrieb:
ein Lied, mit dem ich mich wegen der Gefahr des Missverstehens lange Zeit nicht anfreunden konnte, ist "Was keiner wagt", geschrieben von Lothar Zenetti, einem römisch-katholischen Theologen, vertont von Konstantin Wecker, aufgenommen und live aufgeführt auch von Hannes Wader und Reinhard Mey
Das Lied ist ein gutes Stichwort. Ich habe da mal in eine andere Richtung gedacht: Spannend wäre doch, zu wissen, was Lothar Zenetti davon hält, dass diese weltlichen Barden sein theologisches Gedicht singen. Dürfte in diesem Fall nicht vielleicht sogar er das Gefühl haben, missbraucht zu werden? Dass seine Aussage allein schon durch die Tatsache, dass es von diesen dreien interpretiert wird, verzerrt wird? Ihm geht es bestimmt nicht um pauschale Ablehnung der Massenmeinung um der Ablehnung willen, sondern wahrscheinlich darum, dass solch ein Mut zum Andershandeln überhaupt möglich wird, weil durch den Kreuztod Jesu etwas Neues angebrochen ist. Diese konkrete Interpretationshilfe gibt Zenetti selbst in den Zeilen "Das Kreuz des Jesus Christus durchkreuzt, was ist, und macht alles neu", die Wecker in seiner Version bequemer Weise weggelassen hat.

Wisst ihr, welches Lied ich neulich gehört habe und mir dachte "uijuijui, das bietet sich im heutigen Kontext ja förmlich zum Missverstandenwerden an"? Reinhard Meys "In diesem, unsrem Lande". Das ziemlich pauschale Politiker-Bashing schafft ein schönes Feindbild, der "Opa Bölke" ist der perfekte Rentner, dem es schlecht geht (ist ja ein ganz großes engherziges Argument bei den Rechten: man solle Geld für die eigenen Leute ausgeben [und nicht Flüchtlinge, Europa usw.]), und zu guter Letzt ist mit der Formulierung "diesem unseren Lande" ja sogar ein Nationalbezug eingebaut (als Helmut-Kohl-Anspielung bestimmt nicht für jeden greifbar)...

Viele Grüße
Viktor
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Wenn Lieder missbraucht werden ...

#13

Beitrag von Carsten K » Mi 23. Dez 2015, 22:33

Liebe Marianne,
Hannes Wader (Ex-DKP-Mitglied, Kommunist, also "linksextrem") hätte wahrscheinlich nichts dagegen, wenn jemand beim nächsten LT sein Lied "Es ist an der Zeit" (entstanden während seiner DKP-Phase) singt und Du es (wie die meisten anderen auch) aus vollem Herzen mitsingst, obwohl Du wahrscheinlich ansonsten nicht in allem mit ihm einer Meinung bist. Wahrscheinlich hat er auch nichts dagegen, dass dieses Lied von heutigen Kommunisten immer noch gern gesungen wird, auch wenn er selbst schon lange kein bekennender Kommunist mehr ist... Na gut, das ist wahrscheinlich nicht das seiner Lieder, das Rechtsextreme singen...
Aber ich muss z. B. gerade an Rio Reiser denken, Ton Steine Scherben "Macht kaputt, was euch kaputt macht!", ein eindeutiger Aufruf zur Gewalt, den der Verfassungsschutz seinerzeit sicherlich auch unter "linksextrem" eingestuft hat... Dieser Song war dann ja auch Jahre später die Hymne der Kreuzberger Hausbesetzerszene, deren Auseinandersetzungen mit der Berliner Polizei bekanntlich alles andere als friedlich waren... Und in den heutigen Zeiten wird dieser Song, besonders der Refrain, eben auch von Nazis gegröhlt, wenn sie z. B. dazu auffordern, Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden... Was sicherlich nicht im Sinne von Rio Reiser war und im Sinne von Ton Steine Scherben ist, im Gegenteil...
Marianne, merkst Du den Unterschied nicht? Es geht hier um eine viel tiefgreifendere Problematik als um Deine derzeitigen politischen Befindlichkeiten, ob Du Rechts- oder Linksextreme mehr oder weniger doof findest, ob Dich jemand mit der "Nazi-Keule" erschlägt, wenn Du mal eine andere Meinung äußerst. Es geht hier um die Frage, wie man damit umgeht, wenn die eigenen "Gutmenschen"-Texte von "Schlechtmenschen" vereinnahmt werden, oder so ähnlich...
In diesem Sinne
Liebe Grüße
Carschti
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#14

Beitrag von Viktor » Mi 23. Dez 2015, 23:10

Hallo Carschti,
eine kleine Anmerkung:

cARSCHti schrieb:
Na gut, das ist wahrscheinlich nicht das seiner Lieder, das Rechtsextreme singen...
Kurioser Weise doch (u.a.)! Siehe Anmerkungen zum "Stellungnahme"-Lied im "...und es wechseln die Zeiten"-Booklet.
Viele Grüße
Viktor
PS: Anderes Thema, nur nebenbei: In deiner Signatur fehlt ein "als": "... sieht man *als* alter Sack ..."
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#15

Beitrag von Barde » Mi 23. Dez 2015, 23:32

Wisst ihr, welches Lied ich neulich gehört habe und mir dachte "uijuijui, das bietet sich im heutigen Kontext ja förmlich zum Missverstandenwerden an"? Reinhard Meys "In diesem, unsrem Lande". Das ziemlich pauschale Politiker-Bashing schafft ein schönes Feindbild, der "Opa Bölke" ist der perfekte Rentner, dem es schlecht geht (ist ja ein ganz großes engherziges Argument bei den Rechten: man solle Geld für die eigenen Leute ausgeben [und nicht Flüchtlinge, Europa usw.]), und zu guter Letzt ist mit der Formulierung "diesem unseren Lande" ja sogar ein Nationalbezug eingebaut (als Helmut-Kohl-Anspielung bestimmt nicht für jeden greifbar)...

Tja, dies hatte ich ja auch schon zu Beginn des Threads bemerkt: Alle feste druff auf die "bösen Politiker" trägt in den unruhigen Zeiten nicht dazu bei, die Demokratie zu stabilisieren. Auch wenn ich die CDU noch nie gewählt habe, kann ich mich durchaus mit einer Angela Merkel auch mal solidarisch zeigen, wenn sie menschlich handelt und unbürokratisch die Flüchtlinge ins Land lässt. Schwarz-Weiß-Denken und Links-Recht-Schablonen sind in der Politik keine gute Einstellung. Ein Künstler muss in der Regel keine politische Verantwortung wahrnehmen und kann dadurch natürlich leicht und ständig Vorwürfe und Forderungen in den Liedern von sich geben. Es mag sein, dass die Subjektivität der Kunst ureigen ist und das polemische Zuspitzen ebenfalls. Doch in der jetzigen Zeit vermisse ich noch den Schulterschluss aller Menschen mit demokratischen Werten gegen den Extremismus und denke, dass momentan künstlerisch andere Inhalte und Themen angesagt und notwendig sind.
Ich persönlich glaube nicht, dass Reinhard Mey diese kritischen Lieder über die Politikerkaste und die Eliten zur Zeit singen würde. Aber vielleicht täusche ich mich da auch.
Da er ja gerade in diesen unruhigen Zeiten in seiner Schreibklausur ist, bin ich sehr gespannt, welche Texte in dieser Zeit entstehen. Es würde mich verwundern, wenn dies alles nicht seinen Niederschlag finden würde. Auf die nächste CD bin ich gespannter als sonst.

Liebe Grüße
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#16

Beitrag von Carsten K » Do 24. Dez 2015, 00:17

Hallo Viktor,
Danke für den Hinweis zu meiner Signatur! :-) Habe sie gleich geändert, aber das ist ja hier nicht das Thema.
Danke auch für den Hinweis, dass "Es ist an der Zeit" ebenso von Nazis missbraucht wird! Habe ich nicht gewusst und hätte ich auch nicht erwartet, aber Du bist offenbar der kompetentere Hannes Wader-Experte von uns beiden... ;-)
Nochmal zu Rio Reiser: Hab eben auf YouTube eine SAT1-Einspruch-Talkshow von 1992 gesehen, in der u. a. Rio Reiser mit Mitgliedern der Nazi-Band "Störkraft" diskutiert, wenn man das Diskussion nennen kann... Und ich muss gestehen, ich fühle mich an heutige Zeiten erinnert, die "Argumente" der Nazis sind dieselben geblieben... Nur die Stimmen derer, die während der Sendung "Nazis raus!" gröhlen, scheinen mir heutzutage irgendwie leiser geworden zu sein... Ist das nun gut oder schlecht? Wenn Björn Höcke bei Günther Jauch seine Thesen verbreiten darf, trifft er nur noch auf Gegner wie Heiko Maas, aber nicht auf Persönlichkeiten wie Rio Reiser... ;-(
Fiel mir nur gerade noch ein...
Liebe Grüße
Carschti
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#17

Beitrag von Gesch » Do 24. Dez 2015, 00:27

Liebe Marianne,
welche Aussagekraft bemisst Du am Ende des Jahres 2015, in dem derartig viele Straftaten mit rassistishem und fremdenfeindlichen Hintergrund verübt wurden wie noch nie hierzulande, einem Verfassungsschutzbericht des Jahres 2014 bei, der auflistet, für wie groß er jeweils rechts und links das Potential gewaltbereiter Extremisten hält? Das ist Kaffeesatzleserei, noch dazu aus dem Jahr, in dem die Pegida-Brut erst gegen Ende des Jahres aus ihren Löchern gekrochen kam. Die sind da doch noch gar nicht drin enthalten. Real sind die Zahlen tatsächlich begangener Straftaten, und die sprechen eine andere Sprache.
Und alle, die diese in Filzpantoffeln aufmarschierenden Rassisten und Menschenverachter von Dresden und sonstwo noch als "besorgte Bürger" rechtfertigen und mit Wattebäuschchen bewerfen, statt sie ins Abseits zu schicken, laufen bestenfalls in Plüschpantoffeln auf derselben Strecke und schaukeln sich mit einer Aufgeregtheit gegenseitig hoch und reden von Angst vor Ausländern, ohne jemals ein Zusammenleben, wie es in westdeutschen (Groß)Städten seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, erlebt zu haben.
Schau Dir mal die Statistik der in DIESEM Jahr verübten Straftaten mit politischem Hintergrund an. Und vergleiche mal, wie viele Brandstiftungs- und Körperverletzungsdelikte von Tätern mit rechtsradikalem Hintergrund verübt wurden, und ob es welche gibt, die dem linken Spektrum zugeordnet werden könnten, bei denen in vergleichbarem Umfang Menschen zu Schaden kamen oder verängstigt wurden.
Klar - es gibt auf der linken Seite die schwarzen Blöcke der Chaoten, die regelmäßig an bestimmten Tagen versuchen, das Schanzenviertel oder Kreuzberg zum Schlachtfeld mit den Ordungskräften zu machen. Doch es gibt auch solche, die sich an Bahngleise oder in Baumwipfel ketten, um sich Naturzerstörungen oder Luftverschmutzung in den Weg zu stellen und sich abtransportieren lassen - gewaltfrei wie Gandhi, oder auch Joan Baez. Aber niemand verkündet auf linken Kundgebungen Hassparolen gegen Leute, die anders aussehen, anders sprechen, sich anders kleiden oder woanders herkommen - mit der Ausnahme, dass die Toleranz gegenüber Rechtsradikalen ihre Grenzen hat.
Du nennst Dich unpolitisch? Ich halte das für Koketterie, denn Deine Einstellung empfinde ich - zumal in unseren Zeiten - als extrem politisch. Und glaub mir, die Leute, die bedenken- und gedankenlos kommunistischen Demagogen hinterher gelaufen sind und deren Diktaturen gerechtfertigt haben, finden sich massenweise unter den Montagsmarschierern der Pegidisten und nennen sich mehrheitlich vermutlich genauso unpolitisch, um sich von denjenigen abzugrenzen, die sie verachten, weil die sich nämlich nicht vor der Verantwortung scheuen, politische Mandate auszuüben und Entscheidungen zu treffen. Die Pegidisten maulen dagegen bloß rum.
Wo ist denn die eigene Denkleistung, wenn man einem verurteilten Straftäter zujubelt, der seine eigene Resozialisierung damit voranzutreiben glaubt, dass er Kleinbürger aufhetzt und zum Rassenhass aufstachelt.
Versteh mich nicht falsch: Die Freiheit, meinen zu können, was man will, und vor allem auch sagen zu können gestehe ich jedem zu - aber sie kann nicht die Freiheit beinhalten, zur Gewalt aufrufen zu können, und sie umfasst vor allem auch nicht den Anspruch darauf, widerspruchslos meinen zu können, was man will. Wer seine Meinung äußert, muss aushalten können, dass man ihm widerspricht, so wie ich es hier Dir gegenüber tue und auch anderen gegenüber tun würde, die vergleichbare Positionen vertreten.
Man hat unsere Großeltern und vielleicht auch Eltern vor 40/50 Jahren gefragt, warum sie weggeschaut und nichts gesagt, nicht widersprochen und sich nicht in den Weg gestellt haben, als die nazis größer und größer wurden und schließlich legal an die Macht gekommen sind. Gucken wir jetzt weg? Du hast recht, es gibt viele Bürger, die Bedenken haben gegen die Entwicklung in Deutschland und in der Welt und die nichts sagen, weil sie sich nicht mehr trauen - beispielsweise in bestimmten Stadtteilen von Dortmund, wo Rechtsradikale unverhohlen Andersdenkende mit Gewalt bedrohen, sodass sich diese kaum noch auf die Straße trauen.
Noch mal: Solange die Äußerung einer Meinung nicht gegen Gesetze verstößt (z.B. nicht den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt), soll sie möglich sein - aber genauso auch der unmissverständliche Widerspruch. Ein Recht darauf, unwidersprochen meinen zu können, was man will, kann es in einem freien Land nicht geben.
Nochmal nix für ungut
Gerd
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Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


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Barde
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#18

Beitrag von Barde » Do 24. Dez 2015, 02:19

Interessante Diskussion, die sich um Deine Einwände herum, liebe Marianne, entsponnen hat.
Dass Du unpolitisch bist, glaube ich Dir - ähnlich wie Gesch - auch nicht, aber dies ist kein Vorwurf, den ich Dir mache - ganz im Gegenteil. Du stellst ganz klar eine politische Meinung heraus (ist ja auch Dein gutes Recht!). Und zu Recht wirfst Du auch Fragen auf, die einer Antwort bedürfen und weist ebenfalls zu Recht darauf hin, dass ein reines Lagerdenken nichts Gutes bringt.
Linksextreme Auswüchse betrachte ich übrigens auch mit Abscheu und Ablehnung. Was bei den EZB-Demos in Frankfurt abgelaufen ist, war ja schon fast bürgerkriegsähnlich anzusehen in manchen Straßen. Und Hamburg und Berlin sind gleichfalls dafür bekannt, jede Menge Links-Chaoten zu beherbergen, die vielleicht intellektueller daherreden können als Hooligans, aber genauso viel Scheiße bauen wie diese. Die Antifa-Leute, die in Leipzig kürzlich gegen die Pegida losgezogen sind, haben gleichfalls dem "Kampf" für Demokratie extrem geschadet, weil sie sich genauso dämlich wie Nazis verhalten haben. Mir tun nur die Polizisten, Feuerwehrleute und Sanis leid, die den ganzen Mist ausbaden müssen und von jeder Seite aus ihr Fett abkriegen.
Aber: Die Rechtsextremen sind momentan sehr viel aktiver und gefährlicher als linksextreme Gewalttäter. Das hat nichts mit der "Nazi-Keule" zu tun, wenn man deutlich darauf hinweist. Die braune Suppe klebt an den Schuhen, wenn sich man durch bestimmte Regionen und Städte bewegt. Da brauchen wir eigentlich auch keine Statistiken mehr zu bemühen, um zu wissen, wo die größte Gefahr lauert. Es stinkt an allen Ecken und Enden.
Gruß
Barde
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#19

Beitrag von fille » Do 24. Dez 2015, 09:31

Guten Morgen,
Linksextreme Auswüchse betrachte ich übrigens auch mit Abscheu und Ablehnung. Was bei den EZB-Demos in Frankfurt abgelaufen ist, war ja schon fast bürgerkriegsähnlich anzusehen in manchen Straßen.

Genau! Das hat mir schon Angst gemacht. Allerdings hat sich die Aufregung und Protest in Grenzen gehalten. Die Pegidaaufmärsche machen mir auch Angst, aber dagegen wird ja protestiert.
Gut, falls ich politisch sein sollte, dann könnt ihr mich in der Mitte suchen. Ich weigere mich, einer Ideologie anzugehören. Ich hoffe, dass irgendwann wieder gesunder Menschenverstand herrscht.
Und ihr habt Recht: Es gibt Grenzen (Ui, könnte schon falsch verstanden werden) in der Meinungsäußerung. Hetze, links oder rechts, gehört verboten. Aber wo zieht man die Grenze?
Ich wurde bereits selbst "Opfer". Kurz nach den Anschlägen von Paris, stand auf der Tafel in einer Klasse der Grundschule eines Nachbardorfes, folgender Satz: "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet". Der Satz stand noch abends dort, als Leute zu einem VHS-Kurs zusammen gekommen sind. Ein junge Mutter war sehr erschrocken, hat ein Foto gemacht. Es kann eine Erklärung dafür geben. Vielleicht wollte ein Lehrer mit Kindern über den Islam sprechen. Aber man ist sehr sensibel gegenüber solchen Aussagen geworden.
Warum bin ich sozusagen Opfer geworden? Beim Gespräche mit Kollegen habe ich den Vorfall erzählt, das Foto gezeigt und gesagt, dass man heutzutage erschrickt, wenn man so etwas liest. Und dann hat ein Kollege gesagt: "Ah, die Marianne, eine kleine Nazi-Braut." Nachdem ich ihm über den Mund gefahren bin, gesagt habe, dass das nichts mit links oder rechts zu tun hat und dieser Satz schon viel Unglück angerichtet hat, hat er es wenigstens etwas zurückgenommen.
Liebe Grüße, Marianne
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#20

Beitrag von Carsten K » Fr 25. Dez 2015, 23:09

Zum 38. Todestag von (Je suis-) Charlie Chaplin dieser Link:

Während der sogenannten "Mc Carthy-Ära" in den USA wurde Charlie Chaplin übrigens als "linksextremer Kommunist" verfolgt. Er musste das Land, für dessen Werte er in o. g. Film "Der große Diktator" Partei ergriffen hatte, verlassen, ebenso wie die Schriftsteller Thomas Mann und Bertolt Brecht, die vor den Nazis in die USA geflüchtet waren.
"Der Schriftsteller Thomas Mann war während der nationalsozialistischen Herrschaft in die USA emigriert. Er bekundete öffentlich seine Sympathie für die Hollywood Ten und seine ablehnende Haltung gegenüber der Mundt-Nixon-Bill. Im Juni 1951 verlas der republikanische Abgeordnete Donald L. Jackson im Repräsentantenhaus einen Zeitungsartikel, der Mann als „one of the world’s foremost apologists for Stalin and company“ („einer der weltweit bedeutendsten Apologeten von Stalin und Co.“) bezeichnete. Die deutschen Emigranten Hanns Eisler und Bertolt Brecht wurden vor das HUAC geladen. Eisler wurde wegen Verweigerung der Zusammenarbeit des Landes verwiesen, Brecht reiste auf eigene Initiative hin aus. Dem in den USA lebenden britischen Staatsbürger Charles Chaplin wurde wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem HUAC 1952 nach einer Promotion-Tour durch Europa (für seinen Film Rampenlicht) die Wiedereinreise verweigert." (Quelle: Wikipedia)
Die heutige Bundesrepublik Deutschland muss zum Glück keineR von uns "linksextremen" KünstlerInnen verlassen... Und ich hoffe, dass das auch 2016 so bleibt.
In diesem Sinne
weiterhin liebe Weihnachtsgrüße
cARSCHti
Dieser Beitrag enthält 238 Wörter


"Wenn man als junger Mensch aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen treu geblieben ist, sieht man als alter Sack halt aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer."
Harry Rowohlt (1945-2015)

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