Vicki Vomit im 'Walfisch' in Freiburg

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Petra
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Vicki Vomit im 'Walfisch' in Freiburg

#1

Beitrag von Petra » Mo 5. Sep 2005, 02:06

Hallo, Liedermaching-Freunde,
während meines obligatorischen Freiburg-Aufenthaltes in den Sommerferien entdeckte ich rein zufällig ein Plakat: Vicki Vomit am 02.09.05 im 'Walfisch' – alle Witze 30 % billiger. Das war der Freitag vor meiner Abfahrt und somit stand fest, was ich am Freitagabend vorhatte. Wann es losgehen sollte, war nicht so genau zu erfahren – so um zehn oder um halb zehn oder so…. Also studierte ich den Fahrplan der Freiburger Verkehrs AG und stellte fest, dass ich zwei Mal umsteigen musste – und dass immer noch (wie damals in meiner Jugend) um Mitternacht die letzten Busse und Bahnen von der Stadtmitte aus in alle Richtungen ausschwärmen. Das würde wohl bedeuten, dass ich heimwärts ein Taxi nehmen musste. Aber zunächst mal um 20:17 h in den Bus, zwei Mal Straßenbahn, und nach 35 Minuten war ich da.
Der 'Walfisch' liegt direkt an der sehr stark befahrenen Schwarzwaldstraße. Es schien mir eine der Kneipen zu sein, in die ein kleines Mädchen nicht alleine gehen sollte – aber ich bin ja schon ein großes Mädchen; so groß, dass der junge Mann am Eingang sich kaum traute, mir den Stempel auf den Arm zu drücken, wie es bei solchen Veranstaltungen oft üblich ist. Es lief sehr laute Musik einer Stilrichtung, die ich nicht so sehr mochte. Zu einer Nebenstraße hin gab es einen kleinen Garten, dort draußen saßen etliche Gäste und auch Vicki Vomit. Vom Eingang der Kneipe aus erstreckte sich der Gastraum in zwei Richtungen. Das Ende des kürzeren Stücks war für Vicki Vomits Auftritt vorbereitet: zwei Boxen, zwei Gitarren, ein Barhocker, ein Mischpult. Im rechten Winkel dazu verlief der andere Teil des Gastraumes, in dem sich einige Gäste aufhielten, unter anderem ein Tisch mit Zimmerleuten in ihrer Kluft. Ich nahm auf einem Barhocker am Tresen Platz.
Um 21:35 h kam Vicki Vomit an den Tresen, bat um Licht und nahm eine seiner Gitarren zur Hand. In diesem Teil der Kneipe versammelten sich ungefähr 25 Zuhörer, unter denen sich offensichtlich einige Vomit-Kenner befanden. Im anderen Teil blieben etwa weitere 15 Gäste, auch der Tisch mit den Zimmerleuten. Sie unterhielten sich und lachten laut, aber der Störfaktor war eher gering. Auch eine gerissene Gitarren-Saite und eine zickende Lautsprecher-Box konnten nur kurzfristig für Nervosität sorgen. Vicki begann das Programm mit seinem Lied Kleine Meerjungfrau, die er nicht vergessen kann, die leider unten rum nach Makrele riecht und Schuppen hat. Danach stellte ich erstaunt fest, dass sich Vicki Vomit wohl auch als Comedian versteht. Zwischen den Liedern nahm er so ziemlich alles aufs Korn, was man sich vorstellen kann. Mit großen Gesten riss er seine Witze und ließ dabei kein Thema aus. Zuerst erzählte er, dass er ein sehr hässliches Kind war ("das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man mich heute so sieht") und was er dadurch für Nachteile hatte. Nach viel Text folgte wieder ein Lied. Als mir beim dritten Stück nicht mehr einfiel, worum es im zweiten gegangen war, fragte ich mich, ob man wohl eine CD kaufen könnte – wer hätte das gedacht *g* - als Gedächtnisstütze sozusagen. Die ersten zwei oder drei Textbeiträge kamen etwas mühsam, denn sowohl Vicki als auch das Publikum mussten erst mal warm werden. In den folgenden Texten und Liedern machte sich Vicki über alles mögliche lustig, wobei ihm die aktuelle politische Situation manchen Stoff bot. Stoibers unglückselige Äußerungen, Sonstiges aus dem Wahlkampf, der tragische 11. September, die Anschläge in London, George W. im Speziellen und der Amerikaner im Allgemeinen, der Neger aus Zentralafrika, das Leben in dem Dorf, aus dem Vicki stammt, die gegelten Kurzhaarfrisuren der jungen Leute, Homosexualität, Nazis, die globale Erwärmung, der Interessen-Konflikt als Angestellter und Chef einer Ich-AG – vor nichts machte seine spitze Zunge halt.
Nach ungefähr einer Stunde gab es eine fünfzehnminütige Pause, in der man CDs und DVDs erstehen konnte. Der Mann hat allerdings schon 8 CDs am Start, von denen er nur die drei aktuellsten dabei hatte. Eine habe ich gekauft, aber ihre Aufgabe als Gedächtnisstütze konnte sie nur sehr eingeschränkt erfüllen. Bis dato kannte ich nur zwei Lieder von Vicki Vomit, das eine F…. für Deutschland sang er im normalen Programm, Die Tonne war eine der Zugaben. Die vielen neuen Lieder konnte ich mir nicht merken, aber Wohin mit Omas Leiche habe ich auf meiner CD wiedererkannt. Ganz zum Schluss erzählte er aus seiner Zeit als Bassist bei einer Heavy-Metal-Band. Dazu passend drosch er danach ein Lied auf seiner Gitarre bei gleichzeitigem Head-Banging – wie man dabei Gitarre spielen kann, ist mir ein absolutes Rätsel.
Als das Konzert Viertel vor zwölf beendet war, wurden durch heftigen Beifall Zugaben gefordert. Es war kein Vorhang vorhanden, hinter dem der Künstler hätte verschwinden können, deshalb schlug er vor, ohne die üblichen Spielchen einfach sofort wieder hinzusitzen und noch ein bisschen weiterzumachen. Um Mitternacht musste er eh aufhören. In dieser Viertelstunde brachte er noch vier Lieder unter. Zuerst sächselte er Arbeitslos und Spaß dabei, dann kam Die Titten von Mutter Teresa, mit dem ich nicht besonders viel anfangen konnte. Dann nochmal auf Sächsisch Noch ’ne Runde Bier, bei dem er so tat, als würde er von Strophe zu Strophe immer betrunkener und zuletzt das Lied von der Tonne, in dem von dem Dachdecker erzählt wird, der unter Zuhilfenahme eines Seilzuges und einer Tonne und unter Missachtung physikalischer Gesetzmäßigkeiten versucht, eine Ladung Ziegel vom sechsten Stock eines Hauses nach unten zu transportieren. Schließlich war es Mitternacht und es wurden weitere Zugaben gefordert, aber er durfte nicht mehr singen. Zum Abschluss trug er uns dann noch das Gedicht von der Loreley vor. Heinrich Heine soll es nämlich geklaut haben, es soll eigentlich von der Dichterin Lene Vogt stammen, deren sächsisches Original uns Vicki zu Gehör brachte. Danach war aber endgültig Schluss.
Nun setzte wieder diese lautstarke Musik ein, die mich bereits zu Beginn des Abends genervt hatte, und ich fragte mich, warum Vicki nicht mehr singen durfte, denn wesentlich lauter war er auch nicht gewesen. Viertel nach zwölf verließ ich den 'Walfisch', aber durch den CD-Kauf hatte sich mein Bares so verringert, dass ich mich nicht traute, ein Taxi zu rufen; ich hatte nicht die leiseste Idee, was die Fahrt wohl kosten mochte. So machte ich mich auf den Fußmarsch durch die laue Freiburger Sommernacht. Nach 50 Minuten war ich zu Hause, das Thermometer zeigte 21,5°C, und ich war reif für die Dusche.
Viele Grüße von Petra
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Carsten K
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Vicki Vomit im 'Walfisch' in Freiburg

#2

Beitrag von Carsten K » Mo 5. Sep 2005, 02:24

Vicki Vomit im Südwesten, das klingt doch gut... Im Osten hat er's leichter, aber wenn er in Freiburg inzwischen 25 Leute anzieht, dann gibt's da entweder 24 Ossi, die "Arbeitslos und Spaß dabei" kennen, oder Vicki hat außer Dir, Petra, noch 24 andere Wessis angelockt, was mir persönlich lieber wäre, denn dann wüchse endlich zusammen, was zusammen gehört, und könnte im Osten vielleicht dann auch mal 25 Leute anlocken, allerdings wohl eher mit Matula als mit Münterfering...
:-D
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