Ursachenforschung

Stell uns Deinen Lieblingskünstler vor, informiere uns über seine neue CD oder schreibe einen Konzertbericht. In diesem Forum kannst Du das tun, auch wenn es für Deine/n Liedermacher/in (noch) kein eigenes Forum gibt.

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Gesch
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Ursachenforschung

#1

Beitrag von Gesch » So 17. Mai 2009, 09:20

Hallo,
als Veranstalter von mittlerweile mehr als 200 strikt privaten, nicht öffentlichen Hauskonzerten habe ich eine Beobachtung gemacht, die viele Leute - auch mich - überrascht und für die ich gerne eine Erklärung hätte.
Wir haben als Gastkünstler namhafte Vertreter unterschiedlicher Genres wie Singer/Songwriter, Liedermacher, Blues, Folk, Weltmusik, Jazz. Auch Grenzgänger zwischen den Genres, aber auch Lesungen mit Romanciers, Satirikern und Lyrikern sind im Programm. Daher kann ich durch den Rücklauf der Anmeldungen, auch an der Geschwindigkeit, mit der die max 70 Plätze weggehen, gut Vergleiche anstellen:
Sobald deutschsprachige Texte mit Gesang angekündigt sind, liegt das Interesse des Publikums um rund ein Drittel, wenn nicht gar um die Hälfte hinter dem Interesse an Singer/Songwritern zurück, die aus dem englisch-sprachigen Raum, aus Frankreich oder Italien kommen. Auch Weltmusik, Blues und Folk ziehen deutlich mehr, Satiriker sowieso... Deshalb ist die Einladung und Ankündigung von Liedermachern oft ein Wagnis.
Warum eigentlich? Haben die Leute Scheu davor, Lieder zu verstehen? Wollen sie die Texte am liebsten nicht verstehen?
Vielleicht habt Ihr Erklärungen...
Herzlich
Gerd Schinkel
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Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


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Rex2005
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#2

Beitrag von Rex2005 » So 17. Mai 2009, 10:34

Hallo Gesch
dafür gibt es Erklärungen unterschiedlichster Art - letztlich entscheidet die Frage, womit sich ein Publikum unterhalten fühlt.
Gestern habe ich in der neuen M&R einen Artikel zu Jasper, ( über dessen Song "HDL" hier irgendwo ein Thread existiert) gelesen. Als Fazit steht drunter:
Vorrangig getragen werden die Songs von Jaspers solidem Rhythmus-Gitarrenspiel. Das kommt ganz ohne Effekthascherei aus, passt sich den unterschiedlichen Grundtönen der Texte an. Schade, dass "Liedermacher" inzwischen so negativ besetzt ist - Jasper macht wirklich Lieder, die Zuhören verdient haben

Ein Fazit, dass auf viele (wenn längst auch nicht auf alle) Liedermacher passt.
LG
Rex2005
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Mario
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#3

Beitrag von Mario » So 17. Mai 2009, 11:14


Rex2005 schrieb:

Schade, dass "Liedermacher" inzwischen so negativ besetzt ist - Jasper macht wirklich Lieder, die Zuhören verdient haben

Ein Fazit, dass auf viele (wenn längst auch nicht auf alle) Liedermacher passt.
LG
Rex2005

Hallo,
stellt sich für mich natürlich sofort die Frage - und da kommen wir zur Usprungsfrage zurück, warum Liedemacher negativ besetzt ist? Für den/die/das zu kritisch - für andere zu oberflächlich. Zu weltverbesserisch oder zu sehr Spaßgeneraion (ich hab jetzt einfach mal Liedermacher und Liedermachings in einen Topf geworfen).
Ich habe erfahren, das bis auf wenige Ausnahmen, die Zuhörer alle negativen Assosiationen über Bord werfen, wenn sie die Lieder erst mal gehört haben - also ein Grund, die kennen keine Liedermacher und können sich nicht wirklich etwas drunter vorstellen. Allerdings mit deutschem Text wird schnell Schlager, rumsiegelei und ähnliches verbunden. Und viele Liedermacher haben ja in der Vergangenheit ihren Teil dazu beigetragen (Stefan Sulke, Katja Ebstein etc. - dies ist gar keine abwertende Bemerkung, sondern lediglich der Versuch einer erklärenden).
Beim openmic in Bonn kommen für deutschsprachige Künstler auch nicht soviele extra, aber die Gespräche nach dem Auftritt drehen sich häufig mehr um gerade diese
Und Gerd: Liederjan und Ingo Insterburg waren im Bungersthof ausverkauft, aber die laufen wahrscheinlich schon wieder unter Comedy/ Satire.
Mario.
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12 Töne, 24 Buchstaben, viel Gefühl im Bauch - ein neues Lied ist entstanden

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#4

Beitrag von migoe » So 17. Mai 2009, 11:38

Ich sehe es ein bißchen wie Mario. Die Menschen haben beim Begriff Liedermacher entweder den "gutbürgerlichen" Reinhard Mey oder den "sozialkritischen" Wolf Biermann im Hinterkopf - wie ich durch das Liedermacher-Forum aber selber immer wieder feststellen konnte, gibt es unter den Liedermachern sehr viele unterschiedliche Typen und Charaktere.
Aber das Vorurteil wiegt bei der Entscheidung ein Konzert zu besuchen oder nicht natürlich schwer - das ist ja bei mir auch so.
migoe, der gerne versteht, was jemand auf der Bühne sagt oder singt
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Liebe Grüße aus Rothenburg

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Piet
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#5

Beitrag von Piet » So 17. Mai 2009, 13:14

Hallo Gerd,
ich würde die von Dir angesprochene Problematik nicht so sehr darauf beziehen, ob ein Liedermacher (sind ja auch Singer/Songwriter) auftritt oder nicht. Deine Frage zielte ja auf deutschsprachige Künstler ab, wenn ich richtig verstanden habe. Das Phänomen gibt es ja nicht nur bei Liedermachern, sondern bei deutschsprachigen Künstlern überhaupt.
Der Grund für das unterschiedliche Interesse liegt meiner Meinung eher an folgendem:
Für die "breite Masse" gilt vielleicht...
Wenn ich in ein Konzert gehe, möchte ich etwas ganz besonderes geboten bekommen und ich möchte mich unterhalten lassen. Das Fremde, das Exotische zieht an. Auch das, was ich vielleicht nicht gleich verstehe. Wenn die Musik nur gut ist. Vielleicht will ich an so einem Konzertabend lieber gerne in die Ferne schweifen, um mich nicht mit der Problematik zu Hause beschäftigen zu müssen, sozusagen mit den Dingen die vor meiner Haustür liegen. Die wird mir ja jeden Tag schon zur Genüge überall, wo ich gehe, auf Schritt und Tritt präsentiert.
Blues und Folk haben zudem ein internationales Image. Die Satiriker und Comedians, ja die dürfen sich mit der Situation hier bei uns beschäftigen. Sie nehmen sie meistens ja auch "auf die Schippe". Darüber kann ich Lachen. Und Lachen will ich an so einem Abend vielleicht ja auch, oder?!.
Das ich bei deutschsprachigen Interpreten genauso viele AHA Erlebnisse haben kann, das sie genauso witzig sein können, das wir hier Musiker von internationalem Format haben und das ich mich auch auf eine wunderbare Reise mitnehmen lassen kann, genau so wie bei internationalen Interpreten, das muss sich wahrscheinlich erst noch rumsprechen. :-D .
Ob der Begriff Liedermacher wirklich so negativ besetzt ist..., ich bin mir da nicht so sicher. Es sind viele neue Generationen nachgewachsen, die vielleicht mittlerweile ein differenzierteres Verhältnis zum Liedermachergenre haben.
Soweit meine Überlegungen zu möglichen Gründen
Herzliche Grüße
Piet

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Rex2005
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#6

Beitrag von Rex2005 » So 17. Mai 2009, 14:19

Mario schrieb:
Für den/die/das zu kritisch - für andere zu oberflächlich. Zu weltverbesserisch oder zu sehr Spaßgeneraion (ich hab jetzt einfach mal Liedermacher und Liedermachings in einen Topf geworfen).

Ich würde es nicht nur auf die Texte abstellen. Der Begriff Liedermacher impliziert zunächst das Bild - ein Mann/ seltener Frau und eine Gitarre, also sehr minimalistische Ausdrucksmittel. Da müssen schon beides - Stimme und Gitarrenspiel - perfekt und vor allem auch stilistisch vielfältig eingesetzt werden können. Mir grauselts zum Beispiel beim Gedanken, ein oder zwei Stunden lang zu jedem Lied nur braves Saitengezupfele zu hören. Noch schlimmer allerdings, wenn es nicht mehr als zu einer handvoll Akkorden reicht. Ganz schauerlich wird´s, wenn auf 6 oder 12 Saiten so unsauber rumgeschrummelt wird, dass es dem Klang eines Waschbrettes gleicht - und zur Krönung auch noch eine Harp auf den Schultern sitzt. Bei E-Musike regelt vieles der Lautstärkeregler, Folkmusike ist von den Stylen und Instrumenten schon vielseitiger. Das Risiko eines totalen "Konzertreinfalls" daher etwas kleiner.
Dazu gesellt sich auch noch relativ häufig bei Einzelkämpfern - auch bei gestandenen Profis - das es zwischen den Liedern gerade mal zu solchen originellen Zwischentexten kommt wie : "jetzt kommt" oder "Jetzt spiele ich ein mir ganz wichtiges Lied" ... - es fehlen schlichtweg oft an Entertainerqualitäten bzw eine gewisse Ausstrahlung, was die Lieder als durchgängiges Programm zum Zuschauer rübertransportiert. Nicht jeder, der gute Lieder schreibt und auch noch gut singen kann, ist ein "Bühnenmensch" und das wird gerade bei "ein Mann und eine Gitarre" sehr deutlich.
Deshalb ... ich kaufe auch ungerne die Katze im Sack, mache mich nicht zu Konzerten auf , wo ich nicht in etwa weiß, was mich textlich und musikalisch erwartet. Da haben es Liedermacher im ursprünglichen Sinne schon schwerer bei der Wahl des optimalen Einsatzes meines ohnehin kleinen Kulturbudgets.
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#7

Beitrag von Reino » So 17. Mai 2009, 22:37

In gewisser Weise wurde das Label "Liedermacher" von den Liedermachern selber kaputtgemacht. Einfach dadurch, daß jeder, der eine Gitarre halten konnte und ein wenig Drang zur Bühne hatte, das machen konnte und deshalb auch machte.
Bei ausländischen Künstlern gibt es halt den Filter, daß nur die besseren und erfolgreicheren zu Auslandstourneen aufbrechen.
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#8

Beitrag von Gesch » Mi 20. Mai 2009, 11:58

Moin Moin,
also da sind ja allerhand Anregungen und Beobachtungen, die ein Mosaik vervollständigen, dass ich mir auch zur Erklärung ausgelegt habe:
Marios Beobachtung, dass Leute dann, wenn sie erst mal zugehört haben, so manches Vorurteil über Bord werfen, habe ich auchgemacht. Aber man muss sie eben erst mal erreichen. Eh sie zuhören können, müssen sie überhaupt mal kommen. Und da ist es auch nicht gerade einladend, wenn Liedermacher zur deutlichen Abgrenzung pauschal anderen Liedermachern die Daseinsberechtigung und und auch sonst nahezu alle Qualitäten absprechen, nur weil es nicht die Qualitäten sind, die sie selbst schätzen. Ich hab als Langhaariger in den Siebzigern angefangen, und die Phase der Verwendung von ausschließlich einem halben Dutzend Akkorde relativ rasch hinter mir gelassen. Lange Haare hab ich inzwischen wieder, aber weiterentwickelt hab ich mich auch, wie wohl jeder.
Dass es Ende der 70er mit den Liedermachern abwärts ging, hat nicht nur mit allzu häufigen depressiven Nabelspiegelungen von Weltverbesserern zu tun, die zum Lachen in den Keller gingen und dem Publikum mit Betroffenheitsgesängen die Lebensfreude nahmen - schließlich gab es immer auch andere!!! -, sondern sicherlich auch mit den veränderten musikalischen Rahmenbedingungen zu tun:
Es kam die NDW mit ihren Spaßverkündungsgesängen, und plötzlich war auch ein vollerer, satterer Sound gefragt, den man als Solist mit einem einzigen Instrument nur schwer bringen konnte, den aber das auch von anspruchsvolleren Künstlern als der NDW-Garde, nämlich von BAP-, Grönemeyer- und Westernhagen-verwöhnte Publikum irgendwie erwartet hat. Und dann fielen mit dem Zusammenbruch der Jugendzentrenkultur auch viele Auftrittsmöglichkeiten für Liedermacher weg, die in kommerziell geführten Clubs gar keine Chance mehr erhielten, wenn sie nicht den Getränkekonsum fördernde Programme zu bieten hatten.
Interessant finde ich, dass im Ausland nach meiner Beobachtung kaum ein vergleichbarer Trend zu erkennen ist, dass sich ernst zu nehmende Singer/Songwriter, Cantautore oder Chansonniers als Ausläufer der Comedy-Szene verstehen, doch hierzulande viel zu oft nach dem "Unterhaltungswert" von Liedermachern gefragt wird. Ein John Hiatt überzeugt anders, Francis Cabrel auch, von Dylan ganz zu schweigen. Und wenn ein greiser Tom Paxton immer noch sarkastisch bis zynisch mit einem neuen Text auf ein altes Lied ("I'M Changing My Name To Fannie Mae" statt "... to Chrysler") auf die Bankenkrise reagiert, hat es mit Comedy nichts zu tun
Richtig ist sicher auch, das die Gesamt-Darbietung stimmig sein muss, und dazu gehört eben nicht nur, Lied an Lied zu reihen, sondern auch zwischen den Songs etwas zu bieten, was ein gewisses Niveau erreicht, und musikalisch keine Langeweile zu verbreiten.
Und da ärgert es mich eben, wenn wir doch auch tatsächlich hierzulande gute Leute haben (jetzt erst wieder in Venne erlebt), denen man mehr Erfolg wünschen möchte - und dann zeigt das mehr Comedy-fixierte Publikum spitze Finger und lässt sich lieber flache Pointen um die Ohren hauen, mit denen Tabugrenzen nach und nach immer weiter nach unten geschoben werden. Schade eigentlich.
Herzlich
Gerd

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