Persönlicher Bericht über das 2. Wittendorfer Liedermacherfestival am 20./21. August 2004

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Petra
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Persönlicher Bericht über das 2. Wittendorfer Liedermacherfestival am 20./21. August 2004

#1

Beitrag von Petra » Do 26. Aug 2004, 15:23

Hallo an alle,
diesen Bericht habt Ihr dem schlechten Wetter am Samstag zu verdanken. Eigentlich hatte ich vor, mich in die Sonne zu legen und in meinem Buch zu schmökern, aber ein Blick aus dem Fenster sagte mir, dass das nicht nur an der fehlenden Sonne scheitern würde, nein, zusätzlich hatte es in der Nacht auch noch angefangen zu regnen. Statt eines Sonnenbades habe ich also schon mal meine Gedanken zum Freitagabend aufgeschrieben.
In Loßburg-Wittendorf hatten sich – wie schon im letzten Jahr – junge Liedermacher verabredet, um an zwei Abenden ihre Musik zu singen und zu spielen und Spaß zu haben. Nun bin ich in dieser Liedermaching-Szene neu und als Nicht-Musikerin auch nicht kompetent, aber eines war nicht zu übersehen: Alle waren mit Leib und Seele bei der Sache und genossen ihre Auftritte. Hatte man den 'alten' Liedermachern immer bewundernd bescheinigt, dass sie Lieder über Alltägliches, Banales schreiben können, dann konnte ich nun feststellen: Die neue Generation hat das auch drauf! Das Vokabular ist teilweise etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn Mike Godyla über sein erstes graues Schamhaar singt (Warum verblasst meinem Schniedel die Frisur?) oder Fred Timm von den Monatsbeschwerden seiner Freundin erzählt, dann ist das ausgesprochen amüsant. Man muss allerdings bereit sein, sich auf die sehr direkte Sprache einzulassen.
So, wie sich das Wetter entwickelt hat, war ich schon froh, kein Zelt zu besitzen, denn diese Tatsache hatte mich dazu bewogen, mir in der Nähe ein Zimmer zu nehmen. Logistisch war es nicht ganz geschickt, denn mit Loßburg-Schömberg hatte ich einen Ortsteil erwischt, der genau auf der entgegengesetzten Seite von Loßburg liegt, sodass ich immerhin eine Anfahrt von knapp 11 km hatte. Da ich zunächst einmal den Festival-Ort kurz vor Wittendorf, dann meine Pension in Schömberg und schließlich wieder den Festival-Ort suchen musste, war ich reichlich spät dran und verpasste gleich mal den Auftritt von Nike, dem Idealen Schwiegersohn, einem der Organisatoren des Festivals. Aus der Ferne hörte ich sein Hecken schützen nicht vor Heckenschützen über die Wiese wehen.
Die Bühne ähnelte wohl der vom Hildesheimer Chansonfestival, wie sie von Marc beschrieben wurde. Das Publikum saß allerdings nicht 20 m entfernt. Etwa 20 m entfernt befand sich der Grill, wo ich auf mein Steak wartete, während das Duo Frische Mische aus Hamburg sang. Die letzten drei Darbietungen des Abends konnte ich dann endlich sitzend erleben. Für jeden Auftritt waren 40–45 Minuten vorgesehen, dazwischen gab es immer eine viertelstündige Pause. Für den Schlusspunkt des Abends, 'Strom & Wasser', war eine volle Stunde reserviert. Nachdem es ganz sachte angefangen hatte zu tröpfeln, blieb der Regen letztendlich dann doch aus, und wir konnten den Abend ungestört genießen. Einige der Lieder hatte ich schon im Liedermaching-Radio bei www.watsolls.de gehört, aber live kommen diese Sachen doch wesentlich besser rüber. Mir persönlich hat der Auftritt von Fred Timm am besten gefallen, aber ich muss zugeben, dass ich bei der Fülle von Liedern viele Stücke nicht mehr den richtigen Sängern zuordnen kann. Fred Timm war jedenfalls sehr gut zu verstehen, was doch eigentlich bei einem textlastigen Auftritt am wichtigsten ist.
Mike Godyla war entgegen der Ankündigung ohne seinen Bruder Arno Fleckenstein da. Im Gegensatz zu den anderen Liedermachern hat er als Begleitinstrument nicht die Gitarre, sondern den Bass gewählt. Leider konnte ich ihn akustisch nicht so gut verstehen, aber eines war unverkennbar: Der Mann besteht aus Musik! Zu den Klängen von Strom & Wasser, die nach ihm an der Reihe waren, konnte er nicht an sich halten und tanzte sich schier die Seele aus dem Leib. Für mich war der Genuss insofern etwas eingeschränkt, als die Instrumente zu laut und/oder die Stimmen zu leise zu hören waren. Trotzdem waren sie viel umjubelt und die Organisatoren gaben ihnen die Möglichkeit, nach dem eigentlichen Konzertende um 1 Uhr noch drei Zugaben zu singen.
Danach wurden die Aktivitäten ans Lagerfeuer verlegt, um keine Konventionalstrafe zu riskieren. Alle, die zur Formation 'Monsters of Liedermaching' gehören, mussten leider am Samstag abreisen, weil sie am Samstag und am Sonntag zwei Auftritte hatten. Vermisst habe ich den 'Flotten Totte', zumal ich mir vorgenommen hatte, seine neue CD zu kaufen.
Sehr nett fand ich, wie zuerst Mike Godyla und kurz darauf Nike, der 'ideale Schwiegersohn', sich darum bemüht haben, mich zu integrieren. Ich versichere den beiden hiermit, dass ich durchaus meinen Spaß hatte. Da ich niemanden kannte, saß ich erstmal beobachtend abseits, um die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen und um mich zu akklimatisieren. Auch wollte ich mich nicht dem Jungvolk aufdrängen. Ich habe mich mehr an die Leute mit dem 'Ich-bin-fleißig-Ausweis' gehalten, die mir klaglos Tee kochten, mit dem ich mich aufwärmen konnte. Am Eingang des Geländes, wo man das Eintrittsgeld bezahlte, hatte man sogar ein Schlückchen Whisky für mich übrig. An dieser Stelle ein Kompliment an alle guten Geister des Festivals. Es herrschte ein durchweg freundlicher Umgangston, sodass mir das Wochenende als sehr harmonisch in Erinnerung bleiben wird.
Im Laufe des Samstags zeigte sich das Wetter von seiner wechselhaftesten Seite. Durchaus sonnige Abschnitte lösten regnerische ab, wobei der Verdacht entstand, dass über dem Festivalgelände eine besonders böse Wolke ihr Unwesen trieb. Der guten Stimmung hat das aber keineswegs geschadet. Am Nachmittag ging ich mit einer kleineren Gruppe zum benachbarten Sportplatz, um ein Fußballspiel anzusehen. Zu unserem Erstaunen kam in der Halbzeitpause ein Mann auf einem motorisierten Rasenmäher und fing an, seine Bahnen abzufahren. Als das Spiel wieder angepfiffen wurde, mähte er außerhalb des Platzes, besprühte uns mit den Rasenabfällen, die hinten aus dem Mäher stoben und verdarb uns damit den Spaß am Zugucken. Nach einer sonnigen Periode setzte leider gegen Abend wieder der Regen ein. Das Wetter war so miserabel, dass uns nicht mal eine einzige der zahlreichen, angekündigten Wespen heimsuchte, naja, wenigstens EIN Vorteil der Misere. Inzwischen waren alle Liedermacher für das Abendprogramm vor Ort, es fehlte nur noch Michael Günther, der von 0:00–1:00h den Schlusspunkt des Festivals setzen sollte.
Kurioserweise war ausgerechnet ich es, die die Sprache auf den Gegensatz badisch/schwäbisch brachte. Aus welchem Grund auch immer hatte ich angenommen, dass Freudenstadt badisch sei. Zu meinem Erstaunen wurde aber schwäbisch gesprochen – nun, das erklärt dann auch, warum in Freudenstadt immer die typisch schwäbischen Maultaschen im Essensangebot sind.
Da am Samstag sechs Auftritte auf dem Programm standen, begann das Konzert bereits um 19:30h und zwar mit dem Duo Der absolute Nullpunkt aus Freudenstadt. Sie sangen über das Kiffen, die Liebe, Alltagsprobleme und boten eine völlig neue Variante des Märchens 'Hänsel und Gretel'. Es folgte Bernd Chudalla, der zu Gitarre und Mundharmonika in schwäbischer Mundart sang. Als Badenerin mag ich Schwäbisch nicht unbedingt, aber Bernd Chudalla hat mit seinem Auftritt erreicht, dass mir dieser Dialekt jetzt viel sympathischer ist. Während seines Vortrags prasselte der Regen teilweise so stark auf die Pavillons, dass man fast nichts mehr verstand. Von seinen Liedern sind mir nur zwei in Erinnerung geblieben, nämlich Hanomag, das ich schon kannte, und der Abspül-Blues, der durch einen Texthänger zum Vergnügen wurde. Zum Schluss konnten wir es noch einmal korrekt hören.
Nach 21 Uhr kam das Duo Jesus Weed auf die Bühne. Sie wirkten äußerst routiniert und professionell. Mit dem Thomaer, der inzwischen auch als Mitglied hier im Liedermacher-Forum registriert ist, war damit der andere Organisator des Festivals im Einsatz. Es gelang ihnen mühelos, die volle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und erklärten in ihrem ersten Lied, wie es dazu kam, dass die Zitronen sauer wurden. Zu diesem Zeitpunkt machte sich Michael Günther bei mir bemerkbar, und um nicht durch unser Gequassel zu stören, verließen wir die Zuschauerbänke. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, und wir nutzten die trockene Phase, um Michas Sachen aus dem Auto zu holen. Dadurch habe ich leider den Rest des Auftritts von Jesus Weed verpasst, jedenfalls was die Texte angeht. Die Musik war sicherlich im Umkreis von mindestens 10 km zu hören.
Als wir zur Bühne zurückkamen, war schon Der Weiherer an der Reihe, der außer Gitarre auch noch Mundharmonika spielte. Wieso hatte ich mir den eigentlich völlig anders vorgestellt? Christoph Weiherer ist ein schmaler, junger Mann Mitte zwanzig, der bayrisch singt. Die Lieder, die ich noch mitbekommen habe, waren langsam und gefühlvoll, aber der kann auch anders, wie ich von Weitem gehört hatte.
Als nächstes erlebten wir das Duo Wildwux, eine Neuentdeckung vom Festival in Kevelaer, von dem die Organisatoren begeistert waren. Sie überzogen ihren Auftritt, der 45 Minuten dauern sollte, um 30 Minuten und durften dann keine weiteren Wünsche nach Zugaben mehr erfüllen, weil noch ein Programmpunkt ausstand. Ich selbst hatte nicht nach Zugaben gerufen, denn erstens wartete ich auf den Auftritt von Michael Günther und zweitens fehlte mir bei der Musik von 'Wildwux' die Abwechslung, was ich sehr ermüdend fand.
Michas Auftritt war von 0:00–1:00h geplant gewesen. Als er endlich anfangen konnte, war es schon kurz nach halb eins, es saßen aber noch um die 20 - 25 Leute auf den Bänken, etwas abseits am Lagerfeuer wärmten sich noch ungefähr weitere 15. Es regnete nicht mehr, aber es war ungemütlich kalt und – wie gesagt – sehr spät (früh?). Trotzdem ist es ihm gelungen, das Publikum mit seiner Mischung aus lauten und leisen, schnellen und langsamen Liedern und mit seinen wortreichen Anmoderationen 90 Minuten lang zu fesseln und zu unterhalten. Gegen zwei Uhr sang er für uns auf besonderen Wunsch Ich kauf' mir eine Keksfabrik aus seinem Kinderprogramm, wobei die Zuhörer natürlich in die Rolle der Kindergartenkinder gedrängt wurden. Danach wurde er mit begeistertem Beifall entlassen.
Zum Abschluss versammelte sich der harte Kern noch um das Lagerfeuer, wo das letzte Holz verbrannt wurde, bevor nach und nach alle einen Schlafplatz suchten.
Am Sonntagmorgen lachte die Sonne freundlich vom Himmel. Nach einem späten Frühstück fuhr ich noch einmal zum Festivalgelände, um mich zu verabschieden. Danach trat ich bei schönstem Open-air-Liedermacher-Wetter die Heimfahrt an. Trotz teilweise widriger Begleitumstände hatte ich ein harmonisches, friedliches Festival erlebt, bei dem sich niemand vom Wetter die Laune verderben ließ. So kommt es, dass ich schon heute mit dem Gedanken spiele, im nächsten Jahr wieder dabeizusein. Hiermit bedanke ich mich noch einmal bei den Organisatoren für das gelungene Fest.
Viele Grüße von Petra
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Es braucht die Flinte nicht ins Korn zu werfen,
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#2

Beitrag von migoe » Sa 28. Aug 2004, 20:16

Liebe Petra,
ich mag vieles an Dir, aber Deine Berichte mag ich vor Allem! :-D
Danach trat ich bei schönstem Open-air-Liedermacher-Wetter die Heimfahrt an. Trotz teilweise widriger Begleitumstände hatte ich ein harmonisches, friedliches Festival erlebt, bei dem sich niemand vom Wetter die Laune verderben ließ. So kommt es, dass ich schon heute mit dem Gedanken spiele, im nächsten Jahr wieder dabeizusein. Hiermit bedanke ich mich noch einmal bei den Organisatoren für das gelungene Fest.

Na, das wird die Jungs sicher freuen, was...
migoe
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Liebe Grüße aus Rothenburg

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Thomaer
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#3

Beitrag von Thomaer » Di 31. Aug 2004, 11:29

Hallihallo!
So, nachdem die Wellen unserer Orga-Arbeit sich geglättet haben, können auch wiur auf unser diesjähriges Festival zurückblicken.
Zu Allererst: Es wird ein drittes Wittendorfer Liedermacher Open Air geben. Zwar mussten wir dieses Jahr finanziell kräftig drauflegen, da am Samstag (Wetterbedingt) kaum neues Publikum dazukam (letztes Jahr 50%), aber wir werden hoffentlich durch Nahrungsverzicht und Mietaussetzung die nächsten Monate überleben können! ;-)
Dieses Jahr haben wir auf jeden Fall die Lektion Wetter gelernt, wobei wir was Stromversorgung, Küche/Ausschank, Bühne/PA und Zuschauerüberdachung gut vorgesorgt hatten, und es keine Probleme gab. Die Zelte für die Zuschauer werden nächstes Jahr noch zahlreicher werden und miteinander verbunden sein, was dann auch die "Gischt" beseitigen sollte. :hammer:
Ansonsten waren wir sehr zufrieden. Keine technischen Probleme, sehr lockere, ausgelassene Stimmung, viele Camper (doppelt so viele wie 2003), super Musiker, die uns echt tolle Konzerte abgeliefert haben und unsererseits größtenteil gelungene Orga-Abläufe.
Natürlich wird nächstes Jahr alles noch viel besser :-D
Ein offizielles Festivalreview mit Bildern und Zeitungsnachlese gibt es in Bälde auf www.jesusweed.de
An dieser Stelle ein dickes Danke schön an alle Helfer, Supporter, Musiker und alle anderen die uns unterstützt haben. An alle anderen: seit nächstes mal dabei!
Thomaer :wink:
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