Lieder des Widerstandes in Frankfurt

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Michael
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Lieder des Widerstandes in Frankfurt

#1

Beitrag von Michael » Di 2. Nov 2004, 14:57

Hallo,
auch wenn’s schon ein Weilchen her ist, will ich doch noch kurz von einer Veranstaltung vor drei Wochen in der Alten Oper Frankfurt berichten. „Mut zum Mut“ hieß der Abend mit Texten und Liedern zum Widerstand, was man eher weit fassen muss, nicht wie es der Titel der Veranstaltungsreihe andeutet: „60 Jahre Deutscher Widerstand“ – als ob es vor dem Stauffenberg-Staatsstreich keinen Widerstand gegeben hätte. Allein der Weißen Rose muss dieser Titel ja ein nachträglicher Tritt ins Gesicht sein, aber es war dann doch nur ein etwas ungeschickter Übertitel für diverse Veranstaltungen des hessischen Wissenschaftsministeriums aus Anlass des sechzigsten Jahrestages des Putschversuchs.
Der Abend selbst war dann ziemlich gelungen. Nicht so staatstragend wie ich befürchtet hatte und mit einigen hochkarätigen Gästen. Es fing an mit Frank Wolff am Cello und Anne Bärenz am Klavier, die wohl mit ihrem Frankfurter Kurorchester nicht nur in Frankfurt bekannt sind. Wolff spielte ein Solostück mit Variationen über das Deutschlandlied und Anne Bärenz sang Friedrich Holländers „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ und das ist nun mal ein absolut großes Lied. Nachdem der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gesprochen hat kam dann schon jemand, auf den ich besonders gewartet habe, nämlich Klaus Hoffmann. Ich muss ja zugeben, dass ich ihn noch nie live gesehen hatte, ich habe zwei live-Platten von ihm, die mir sehr gut gefallen, aber manchmal nuschelt er mir doch zu arg. In der Alten Oper sang er zwei Lieder, darunter „Ich hab’s gewusst“, und las eine Fabel von einem im KZ ermordeten Dichter. Ein kurzer Eindruck, der genügte, um ein Klaus-Hoffmann-Konzert endgültig ganz oben auf meine Wunschliste zu stellen.
Nach ihm kam dann ein ehemaliger Résistance-Kämpfer, der ziemlich deutliche Worte fand und spannend und ergreifend erzählte. Klar, dass da ein paar böse Bemerkungen gegen den Hitler-Schmonzes nicht fehlten, der grad im Kino läuft (Ein Freund von mir nannte den Film „Das Wunder von der Reichskanzlei“). „Der Untergang“ war schließlich nicht 1945 sondern 1933, meinte er und Recht hat er. Weiter ging es mit Liedern aus Frankreich und Spanien bevor dann Herman van Veen kam, großartig begleitet von Edith Leerkes. Er hat mit seiner schelmischen Art die Sache wieder ein bisschen aufgelockert. Er sang das Lied eines jungen Mädchens, das ins KZ kam und sein Lied vom Flussviertel in Amsterdam, eine Erinnerung an seine Jugend. Als Abschluss vor der Pause kam dann noch eine ziemlich gute Musicalsängerin, deren Namen ich allerdings peinlicherweise vergessen habe und die auch etwas Eigenes sang.
Nach der Pause erzählte die Historikerin Felicitas von Aretin von ihrem Buch über die Enkel des Widerstandes. Das war auch ziemlich interessant, auch wenn die gute Frau ein bisschen sehr durch ihren Text hetzte. Wahrscheinlich wollte sie die Leute damit animieren, das Buch zu kaufen um in Ruhe nachzulesen. Ihr auf dem Fuß folgte Stephan Krawczyk, der in den Achtzigern ja mal kurzzeitig eine richtige Berühmtheit war. Er schlug den Bogen zum Widerstand gegen Umweltzerstörung heute und war nicht so schlimm wie ich befürchtet hatte. Nach ihm ein etwas stranger Moment, als der berühmte Jazzmusiker Emil Mangelsdorff auftrat und fünf Minuten einfach so auf seinem Saxophon improvisierte. Dazwischen erzählte er von der Jazz- und Swingjugend, der er in der Zeit des Dritten Reichs angehörte, weshalb er auch im Gefängnis saß. Dann kam Jean Jülich, früher ein Edelweißpirat, die ja bis heute nicht richtig als Widerstandskämpfer anerkannt sind. Auch er erzählte mitreißend von der Zeit damals. Dazwischen sang er – ein wenig pathetisch – ein paar Lieder der Edelweißpiraten, in denen es meistens darum geht, die Hitlerjungen zu verkloppen und die ja noch sehr in der uns heute doch fremd anmutenden Wandervogel-Sprache geschrieben sind. Dann wieder ein Textbeitrag: der Soziologe Arno Lustiger sprach über den ja auch jahrzehntelang totgeschwiegenen Widerstand von Juden: In den Ghettos und natürlich den diversen Partisanen- und regulären Armeen. Die deutsche Geschichtsschreibung hatte es ja lieber, wenn die Juden willige und wehrlose Opfer waren, waren sie aber nicht. Lustiger hat darüber einige wichtige Bücher geschrieben. Musikalisch illustriert werden sollte das dann eigentlich von Wolf Biermann, der wegen einer Erkältung aber nicht kommen konnte. Ein Ersatzmann (ich habe auch seinen Namen vergessen, aber er war freilich mehr als nur ein „Ersatzmann“) sang dann in jiddisch „Es brennt“ und „Wir sind da“, zwei Lieder aus den osteuropäischen Ghettos. Dann kam der wirklich krönende Abschluss: Esther Ofarim, eine unvergleichliche Stimme, die viele ja noch von ihren Hits mit ihrem Mann Abi in des Sechzigern kennen sang zwei Lieder, in denen es um den Gebrach von Waffen geht. Es kommt halt immer drauf an, in welcher Situation man ist: „The Partisan“, geschrieben von einem französischen Partisanen in der englischen Fassung von Leonard Cohen und Boris Vians „Le Déserteur“, das niemand so singt wie sie. Einen schöneren Schluss hätte man sich wirklich nicht vorstellen können. Schade für die Schulklasse in der Reihe vor uns, die das verpasst haben, weil die Lehrerin offenbar fürchtete, sie schon zu lange mit so schwierigen Themen getriezt zu haben. Hätte mich schon sehr interessiert, was die Teenies über so eine Veranstaltung zu erzählen haben. Wie auch immer, es war ein interessanter und spannender Abend, sicherlich musikalisch sehr unterschiedlich aber ein guter Bogen.
Der Höhepunkt allerdings war der junge Mann, der immer die Bühne zwischen den Auftritten umbaute, Hocker austauschte, Mikrophone höher stellte, Stühle verrückte und Kabel stöpselte. Der hatte so dermaßen die Ruhe weg und ließ sich so lange Zeit bis er dann auch Auftrittsapplaus bekam. Der Spaß liegt halt manchmal im Detail.
Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
Franz Josef Degenhardt

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