Kai Degenhardt - Bericht vom Konzert in Rheinau-Freistett (27.9.08)

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JuergenF
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Kai Degenhardt - Bericht vom Konzert in Rheinau-Freistett (27.9.08)

#1

Beitrag von JuergenF » So 28. Sep 2008, 19:53

Ganz weit draußen - Kai Degenhardt im "Ku-Stall" (Freistett)
Seine Herbsttour 2008 "Weiter draußen" führt Kai Degenhardt (KD) auch ziemlich weit über Hamburgs Stadtgrenzen hinaus, zunächst in den Südwesten dieser Republik. Als ich im liebevoll gestalteten "Ku-Stall" eintraf, hatte er sein
Handwerkszeug bereits bereitgestellt, auch den "Loop-Recorder", der stets für gewisse Heiterkeit sorgt.
Wie KD nach dem Konzert erzählte, ist es ein uraltes Exemplar aus den 70ern, heute gebe es wesentlich leistungsfähigere dieser "Echo-Geräte", mit denen man
stundenlange Phrasen einspielen könne statt nur max. 8 Sek wie mit seinem; für seine Zwecke reiche das aber völlig.
Auf seiner Homepage ist zu lesen, daß er "gut" Gitarre spiele. Kenner wissen, daß das keine Prahlerei ist, sondern bestes britisches Understatement. Zwei dieser Instrumente
hatte er dabei und bearbeitete sie wesentlich rockiger und experimenteller als er dies als Begleiter seines Vaters zu tun pflegte. Für meinen Geschmack ja doch hier und da etwas ZU ruppig, ich bin musikalisch nur begrenzt progressiv. Aber egal.
Los ging´s wie auf seiner neuen gleichnamigen CD mit der durchaus originellen Zeile "Ich hab mein bestes Tennis gezeigt" (Wege zum Glück). Der leicht depressive, aber gleichzeitig ironisch-skurrile Text stimmte die ca. 30 Zuhörer
sanft auf Schlimmeres ein. Das kam auch unverzüglich in Lied 2 mit "Die Tötung". Mit Begriffen wie Ausländerhaß oder Rassismus kann der Inhalt nur unzureichend angerissen werden, man muß es hören. Interessant ist, wie im Refrain das Publikum angesprochen wird: "Aber ihr, die powered by emotion... wollt ein echtes Mörderlied...für die Seele und´s Gemüt..."
Die Verwendung von Modefloskeln wie "powered by" ist ein typisches Merkmal für KDs Stil, als verächtliche Parodie, aber natürlich ist eben auch selbst ein Kind dieser Zeit, was er ebenso natürlich auch weiß und z.B. am Schluß des Titellieds
"Weiter draußen" selbstironisch verarbeitet. Auf die Frage nämlich, was die "Protestsongscheiße" solle: "ich sag verlegen meinen Spruch auf und freu mich auf die Champions League – Sportsbar, Pay-TV...".
Vermißt habe ich "Aus dem Moor", das Lied, das mir von der neuen CD am besten gefällt. Mir scheint fast, als habe KD hier gleich zwei Lieder seines Vaters aufgegriffen, nämlich Treiben Gleiten Treiben und Ala Kumpanen.
Die genaue Reihenfolge der gesungenen Lieder weiß ich nicht mehr, aber ungeachtet der Abfolge werde ich sie noch aufzählen und kurz kommentieren. Die meisten Lieder stammen natürlich von der neuen CD, aber auch die vorletzte (Briefe aus der Ebene, 2003, siehe "Rezensionen" - Skywise) war mit sechs Titeln sehr gut vertreten, aus der vorletzten (Dekoholic, 2000) stammten zwei. Ich ordne mal chronologisch von neu zu älter:
2008
Wege zum Glück (die man im "Rückspiegel" zu erkennen glaubt)
Die Tötung (s.o.)
Weiter draußen (er ist wieder einmal durch die "Maschen gewischt" und ist weit weit weiter draußen..., auch bereits ein Lieblingslied von mir)
1476 - Vorläufer des großen Bauernkriegs, KD hatte mir im Vorfeld schon sehr nett mit einem Link ausgeholfen: http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_359.htm
Weißmacherballade - gutbürgerliche Karriere, bis man tot vom Laufband fällt...
Hinterland - von KD selbstironisch eingeleitet mit: "Lieder über private Katastrophen gibt´s ja wie Sand am Meer. (Kunstpause) Hier ist meins..."
Wir gehen rein - Boys, wir gehen rein. Über die Selbstverständlichkeiten der US-"Außenpolitik", würde ich das mal grob interpretieren.
Platzverweis - ein etwas desorienterter Protagonist, der sich in immer größere Katastrophen verstrickt, erinnert ein klein wenig an Waders Tankerkönig, vielleicht auch an einige Liedermachings, zumal reichhaltig Alkohol im Spiel ist.
Bei diesem Lied verspielt bzw. versingt KD sich regelmäßig; seine Ankündigung in diesem Fall wieder von vorn anzufangen, machte er aber nicht wahr, er wiederholte lediglich die verpatzte Strophe. Abgesehen davon hatte er an diesem Abend nur noch einen ganz kleinen Versinger.
2003
Ay Carmela, das den Verteidigern der spanischen Volksfrontrepublik (gegen Francos Faschisten) gewidmete Lied (mit spanischen Klängen) gehört auch zu KDs ständigem
Repertoire. Er spannt allerdings den Bogen bis heute: von Solingen bis Lichtenhagen, sind sie wieder auf den Straßen, doch diesmal werden wir sie nicht lassen...
Desertieren - auch hier geht KD "von der Fahne", wie er in der Vorrede sagte. Nämlich beim "Geschwafel über Coolness und Verantwortung" und "wenn die Fahnen knallen".
Southern Comfort (Euer Eigentum) - er wagt es die Eigentumsfrage zu stellen. Sehr witzig (mit Loop-Recorder, klar) die Ansprache an die westlichen Touristen: "Geldsack vor rosanen Flamingos, Weißes Perlhuhn – you’re welcome".
Bevor wir verteilen - ja, bevor wir verteilen, wird der Kuchen gestürzt. Nun, ich habe nie so ganz verstanden, wie man einen Kuchen stürzt. Aber es ist recht wahrscheinlich, daß die gegenwärtigen Finanzkatastrophen etwas mit diesem Lied
(von 2003) zu tun haben.
Das große Spiel - ...ist auch ein großes Werk (von 2003), und zwar tatsächlich über 9/11, wie unschwer erkennbar ist. KD bezieht hier klar Stellung: Er hält den Anschlag nicht für das alleinige Werk des "schwarzbärtigen Höhlenmanns". Dabei
bedient er sich der Figuren aus "Moby Dick".
2000
Als ich älter war - ein eingängiges schönes Lied über die Jugend, das ich aber noch nicht verstanden habe.
Homecoming - die US-"Boys" (siehe oben) kehren heim - so oder so.

Tag im Mai (2003) - die zweite Zugabe. Kurios dabei: Sie wurde nicht wirklich verlangt, aber ich glaube sie war dann doch willkommen, handelt es sich doch um
ein romantisches kleines Lied. Leicht verfremdet zwar auch dieses, aber doch gut "konsumierbar". Damit wollte er wohl zeigen: So könnte ich auch. Wenn ich wollte :)
Nun, insgesamt ist ein solcher Abend natürlich nicht in dem Maße etwas fürs Herz, wie es vielleicht bei Reinhard Mey oder auch Hannes Wader der Fall sein mag.
Dafür fand ich es äußerst anregend. Auffallend ist ja auch (wie der Veranstalter Herr Schütt betonte), daß es kaum noch politische Liedermacher gibt. An einem so guten wie KD bleibe ich natürlich dran.
URLs
Kai Degenhardt: www.kai-degenhardt.de
Ku-Stall: www.kultur-im-stall.de
Dieser Beitrag enthält 1035 Wörter


Wo ich hin will :-)
14.11.12 Hannes Wader in Kirchheim/Teck, Stadthalle
21.2.13 Uta Köbernick in Bietigheim Bissingen, Rommelsmühle
15.3.13
Annett Kuhr in Landau, Kreuz und Quer
3.5.13 Holger Saarmann, Tübingen

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JuergenF
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Kai Degenhardt - Bericht vom Konzert in Rheinau-Freistett (27.9.08)

#2

Beitrag von JuergenF » Di 7. Okt 2008, 00:07

Interview der Jungen Welt mit Kai Degenhardt, anläßlich seines bevorstehenden Auftritts in der Jungen Welt Ladengalerie (Berlin, 8. Oktober).
Wie schätzen Sie heutzutage das politische Potential des Liedermacher-Genres ein?
Es ist nicht mehr so sichtbar wie früher, und es gibt auch nicht mehr so viele politische Liedermacher wie früher, sagen wir mal, noch vor 20 Jahren. Die kulturelle Hegemonie ist heute in ganz anderen Händen. Es gibt aber, wenn man in diesem Zusammenhang einmal von so etwas wie »Gegenkultur« reden möchte, leider inzwischen eine ganz starke Szene von politischen Künstlern bei den Nazis. Das sollte man jedenfalls bedenken, wenn man einfach nur das Fehlen einer musikalischen Sub- oder Gegenkultur beklagt. Die gibt es längst, nur eben nicht bei uns.

Viele Grüße
Jürgen
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