Christoph Weiherer – der Mann, der in keine Schublade passt

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Petra
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Christoph Weiherer – der Mann, der in keine Schublade passt

#1

Beitrag von Petra » Di 30. Nov 2010, 19:30

Das Kulturcafé 'Pünktchen und Anton' in Pirmasens ist immer mal für eine Überraschung gut. An bekannten Namen sind mir auf der Webseite aus diesem Jahr Lilo Wanders begegnet und aus dem letzten Jahr Martina Gemmar, eine Pfälzer Liedermacherin, die ich schon mal bei einem SAGO-Konzert gesehen habe.
Am 8. Oktober hatte ich Marcel Adam erlebt in dem kleinen Café, da platzte es aus allen Nähten. Als ich mit Verspätung angehechelt kam, musste ich vor der Tür kurz anhalten, denn da hing ein Plakat, auf dem der Weiherer angekündigt wurde. Eigentlich bietet das 'Pünktchen und Anton' ein breit gefächertes Programm, deshalb hat mich das etwas gewundert – nach nur sechs Tagen schon wieder ein Liedermacher … :roll:
Aber zählt der Weiherer wirklich zu den Liedermachern? Tatsächlich ist er ein anerkannter Vertreter der Liedermaching-Fraktion. Mit dem Namen seines Programms 'Scheiße schrein!' liegt er da ganz gut, denn diese Herrschaften drücken sich gerne mal ein bisschen derb aus. Ein typischer Liedermaching ist er aber trotzdem nicht. Einer, der es wissen muss, hat einmal zwischen den unterhaltungsfreudigen Liedermachings und den gehaltvollen Liedermachern unterschieden – und beim Weiherer ist nicht alles nur Spaß. Da geht es in ganz unterschiedliche Richtungen, man erlebt beispielsweise auch P wie Poesie oder P wie Protest.
Auf dem Plakat stand
Weiherer – Scheiße schrein! – Kabarett

Huch, das wüsste ich aber! Ich fragte die Veranstalterin, ob das ein Versehen sei, aber sie war davon überzeugt, dass sie einen Kabarettisten engagiert hatte. Im Veranstaltungskalender auf ihrer Webseite war er gar unter 'Theater' einsortiert.
Am 14. Oktober war ich sehr früh vor Ort und hatte sogar Blatt und Stift dabei. Genützt hat es allerdings nicht viel. Obwohl es hell genug war und ich an einem Tisch saß und somit bequem schreiben konnte, war nachher Vieles undeutlich, unleserlich und unverständlich. Es kommt mir vor, als hätte ich auch relativ wenige Lieder aufgeschrieben, mal gucken, was sich daraus machen lässt… :goethe:

Konzert am 14. Oktober im 'Pünktchen und Anton' in Pirmasens
Als ich ankam, war der Weiherer schon (längst) da. Der Soundcheck fiel aus, weil Christoph ohne Technik spielen wollte. Bei dem dünn gesäten Publikum sollte das kein Problem darstellen. Wir unterhielten uns lange und setzten uns kurz vor acht an den Tisch, der der gedachten Bühne am nächsten war. Inzwischen hatten sich ungefähr zwanzig Gäste eingefunden, die sich locker im Café verteilt hatten. Die Veranstalterin bat darum, noch nicht anzufangen, weil sie noch ein paar Besucher erwartete.
Etwa 20 Minuten nach acht begrüßte Christoph Weiherer das Publikum und ließ sich noch ein bisschen darüber aus, dass Pirmasens einen Hauptbahnhof hat. Zuerst war er am Bahnhof Pirmasens-Nord vorbei gekommen, am Hauptbahnhof musste er dann aussteigen. Der Hauptbahnhof in Pirmasens hat immerhin drei Gleise, das fand er schon beachtlich. :-D (Es ist übrigens ein Kopfbahnhof, wer weiß, was da noch auf uns zukommt. *g*)
Danach stellte er ein Programm mit Heimatliedern in Aussicht. Er nannte sie so, weil sie in seiner heimatlichen, bayerischen Mundart geschrieben sind. Der Weiherer ist groß, schlank, trinkt kein Bier, isst kein Fleisch - nicht eben der Prototyp eines Bayern. Genauso wenig, wie er ein typischer Heimatliedersänger ist.
Er eröffnete das Programm mit A scheena Abend, wobei es gar nicht so sehr um den schönen Abend ging. Vielmehr warnte er das Publikum, nicht allzu viel von ihm zu erwarten, um ja nicht enttäuscht zu werden. Er beneidete seine Zuhörer, dass sie nix tun müssen, sitzen können, wo sie wollen und notfalls auch jederzeit gehen können. Er gab aber auch zu, dass ihm sein Part manchmal auch ein ganz klein wenig Spaß macht – das muss aber nicht gleich heißen, dass es ein schöner Abend wird… Ich sah mich um: War Pirmasens reif dafür? Die Zuhörer applaudierten, lächelten, schmunzelten und dachten wohl, dass der Weiherer heute Abend nicht so ganz ernst genommen werden wollte – oder vielleicht doch? :gruebel:
Nun sollte es aber doch ein 'echtes' Heimatlied’ geben. 'Heimatlied', weil es erzählt, wie es so zugeht in Bayern. Vorher verlieh er noch seiner Verärgerung Ausdruck, dass die CSU nicht mehr alleine regiert. Das wurde nach der letzten Wahl so entschieden, ihn hat man leider nicht gefragt, ihm kam das Ganze so vor wie 'Wählen nach Farben'. Bedauerlicherweise passen nun viele seiner Lieder nicht mehr, in denen er sich auf die CSU eingeschossen hatte. Auch wenn er über die bayerische Regierung lästert, würde ich ihn nicht als politischen Liedermacher einstufen. Er macht halt einfach das Maul auf, wenn ihm etwas nicht passt. Aber "in Bayern bleibt ollawei' ois so wia's war", denn die Zustände dort gehören zu Bayern so wia zum Oarschloch da Oarsch und Wia zum Deandl da Bua. Zusätzlich zur Gitarre spielte er hier auch noch Mundharmonika – und keine Mundharmonika klingt so schön klagend wie die vom Weiherer.
Eigentlich ist er der ideale Schwiegersohn: Er trinkt keinen Alkohol, er raucht nicht, er kifft nicht, er verfährt kein Benzin – allerdings regt er sich schon gern mal auf. Als Nichtraucher gefällt es ihm nicht, dass in den Kneipen nicht mehr geraucht werden darf. Wieder mal eine Bestimmung, die erlassen wurde, ohne ihn vorher zu fragen! Wenn er jetzt in München spazieren gehen will, muss er sich anschließend umziehen, weil alle Raucher auf der Straße stehen und die Luft verpesten!
Es folgte das poetische Lied Unddagang, das ich einfach mit 'Suche nach dem Glück' beschreiben würde. Danach der Titelsong der aktuellen CD Scheiße schrein!, der die Möglichkeit, das Glück auch zu finden, ziemlich unwahrscheinlich erscheinen lässt. Mit dem Titellied der zweiten CD Scheiß da Hund, in dem er beschreibt, dass er glücklich ist, wenn er macht, was er für richtig hält, ohne sich reinreden zu lassen, entließ er uns in die Pause.
Jetzt war Gelegenheit, CDs und T-Shirts zu kaufen, Autogramme zu holen und Gespräche mit dem Künstler zu führen. Auch ich habe eine Lücke in meinem CD-Bestand geschlossen.
Es sind mir keine Veränderungen im Publikum aufgefallen, ich denke, es waren noch alle da, als es mit I konn ned oiwei weiter ging. Darin erklärt er, dass er sich für nichts und niemanden verstellen will. Und schon wieder einmal war es Zeit für ein Heimatlied. Warum Heimatlied? Na, es heißt halt so. Da wird aber kein Idyll besungen, im Gegenteil: In einer spießbürgerlichen Welt wird bei wirklichen Problemen weg geschaut.
Und noch ein Heimatlied: Dieses Mal nennt er es so, weil da eine Geschichte vertont wurde, die sich im Jahre 1521 in Zeilarn, dem Heimatort des Weiherers, zugetragen haben soll. Der Tod ließ sich über den Inn bringen, um dann in Zeilarn 365 Menschen durch die Pest hinzuraffen. Der Fährmann wurde als Dank für seine Dienste verschont. Auch wenn der Inhalt gruselig ist, das Lied ist wunderschön. Und übrigens, wer nicht weiß, wo Zeilarn liegt – das ist ca. 8 km von Marktl entfernt, dem Heimatort unseres Papstes.
Zwischen den Liedern gab es immer wieder kleine Geschichten, die teilweise recht skurril waren. Die Schublade 'idealer Schwiegersohn' will nicht so recht passen, weil eine eventuelle Schwiegermutter auch Minuspunkte finden kann: er ist langhaarig und – noch viel schlimmer – er ist MUSIKER. :erschreck: Als solcher hat er auch ein paar CDs aufgenommen, und er erzählte uns, dass er in einer bestimmten Zweigstelle von Saturn eine seiner eigenen CDs bestellt hat, ohne sie jemals abzuholen. Er geht regelmäßig hin und sortiert sie falsch ein, sodass die freundlichen Mitarbeiter sich immer wieder damit beschäftigen müssen. Gut wäre es, wenn wir ihn dabei unterstützen würden: Wer auch immer dorthin kommt, könnte doch die CD umräumen oder nach ihr fragen. Die Scheibe kostet dort wesentlich mehr als wenn man sie direkt beim Künstler kauft, aber wenn man bedenkt, wieviel Arbeit die damit haben, ist das schon gerechtfertigt. ;-)
Bei eben diesem Saturn, aber auch in anderen Läden, passiert es schon mal, dass man an der Kasse nach seiner Postleitzahl gefragt wird. Man muss sie einfach nur sagen, niemand verlangt einen Beweis. Der Weiherer hat sich nun überlegt, dass er künftig die Postleitzahl 25541 von Brunsbüttel angeben wird. Irgendwann wird jemandem auffallen, dass dieser Ort besonders bedacht werden muss. Dann warf er einen verschwörerischen Blick in die Runde und raunte: "Auch da nützt es nichts, wenn ich das ganz alleine mache…" :flöt: Also Freunde, merkt Euch: 25541 Brunsbüttel. *g*
Über Offline weiß ich gar nichts mehr. Nur, dass es auch der Titel der Live-CD sein wird, die inzwischen (am 24.11.) im 'Schlachthof' in München aufgenommen wurde. Wovon handelt das Stück? Auch im Internet konnte ich den Text nicht finden. :weissnicht: Ganz anders verhält es sich mit Eia sissdem, das dem Weiherer sehr wichtig zu sein scheint, denn es ist auf allen seinen CDs drauf. Da beklagt er, dass er aufgegeben hat und sich nicht mehr wehrt: "I bin integriert in eia System, bin bestimmt nimma g'fährlich und unbequem."
Jetzt wurde es philosophisch: In Des bissal Leb'n ist er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, ein Lied voller Bilder, das mit den Zeilen endet:
"Is es der Weg, der mi irgendwann zum Ziel führt
oda des Ziel, des mein Weg dorthi' bestimmt.
Macht's eire Aug'n zua, tanzt's im koit'n Neb'l,
wenn im Morgengrau'n da erste Vog'l singt.
Wisch' da de Tränen aus de Aug'n, weil i ned glaub'n mog,
dass nach dem bissal Leb'n nix mehr kimmt." :anhimmel:
Danach bekamen wir eine kleine Lehrstunde im Vermeiden von Anglizismen. Er hatte ja den Abend ohne technische Hilfsmittel bestritten, das nennt man 'unbluggd'. (Sprich wie Du es schreibst.) Unbluggd heißt 'ohne Strom', in Bayern sagt man: "I spiel' aso." Und für die CDs und T-Shirts braucht er keinen Merchandising-Stand, die verkauft er einfach do – damit zeigte er auf das weiße Klavier an der Wand, auf dem er sein Angebot ausgebreitet hatte.
Nach A wengal, wo das Leben vor sich hinplätschert, kam das letzte Lied Wia nix. Der Weiherer gab aber flüsternd den Tipp, dass man ja einfach 'Zugabe!' rufen könne, wenn man noch etwas hören wolle. Aber zunächst sang er uns von einigen Lebensweisheiten und dass die Zeit vergeht wia nix.
Als wirklich Zugabe-Rufe laut wurden, fiel ihm plötzlich auf, dass er schon länger als geplant zu Gange war, und er meinte, für 10 € Eintritt müsse es dann gut sein. Er besang noch in Ned so schlimm, dass man Vieles ertragen kann, so lange es noch Dinge gibt, die das Leben lebenswert machen. Dann packte er seine Gitarre weg.
Es sind ja doch einige Lieder zusammen gekommen, aber er hat auch viel erzählt. Der Weiherer ist ein netter Kerl, doch manchmal fragt man sich, will er das wirklich sein? Teilweise war er recht bissig drauf, und ich denke, dass die Leute, die Kabarett erwartet haben, auch auf ihre Kosten gekommen sind.
Nachdem ich immer noch nicht die richtige Schublade gefunden habe, war ich neugierig, wohin er sich selbst räumen würde. Auf seiner Homepage (www.weiherer.com) fand ich folgenden Begrüßungstext:
"Herzlich willkommen auf der offiziellen Homepage des bayerischen
Liedermachers, Singer/Songwriters, Kabarettisten, Radikalpoeten,
Geschichtenerzählers, Politbarden, Folkmusikers, Rebellen,
Protestsängers, Querulanten, Rockstars, Grantlers, ..."
Na, dann weiß ich ja jetzt Bescheid…
Viele Grüße von Petra
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#2

Beitrag von Helmut » Di 30. Nov 2010, 21:40

Danke, Petra
du hast mich wieder auf den Geschmack gebracht. Die Lust auf Weiherer wächst. Leider gibt es auf seiner Hp keinen Termin in meiner Region, aber das wird sich sicher in absehbarer Zeit noch ändern.
Als ich Weiherer das letzten Mal live erlebte, trat er mit Michi Dietmayr auf. Dietmayr hat einen ganz anderen humor als Weiherer und er versuchte sich an dessen derben und belanglosen Humor anzupassen, das tat meiner Meinung nach Weiherer nicht gut. Nach deinem Bericht scheint er ohne Dietmayr noch der Alte geblieben zu sein. Zum Glück.
Gruß
Helmut
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#3

Beitrag von Doro1100 » Di 30. Nov 2010, 22:20

Liebe Petra!
Danke für diesen wirklich tollen, interessanten und kurzweiligen Bericht. Ich habe mich köstlich amüsiert und fest gestellt, ich muss den Weiherer unbedingt mal (wieder) live sehen. Klasse! :-) Hoffe er verirrt sich bald noch einmal hier in unsere Gegend.
Schöne Grüße + gute Nacht
Doro :ratz:
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#4

Beitrag von Petra » Di 30. Nov 2010, 23:47

Das war heute ein Brüller. Um 19:30 h habe ich diesen Bericht eingestellt, danach musste ich noch schnell was besorgen. In dem Laden, in dem ich schon seit 20 Jahren regelmäßig einkaufe. Da fragt die mich doch nach meiner Postleitzahl. Ich bin beinahe umgefallen. Ich fing schon an mit 6..., dann dachte ich an Brunsbüttel. Ne, das glaubt die mir nie, wir kennen uns ja schon ewig. Derweil ist mir die korrekte Postleitzahl fast entfallen. Brunsbüttel hebe ich mir für den Media-Markt auf, der ist am anderen Ende der Stadt, die kennen mich nicht... :-D
LG Petra
Dieser Beitrag enthält 103 Wörter


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