CD-Kritik: Mindmoon - In deiner Augenfarbe möcht ich ein T-Shirt haben

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Lennart
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CD-Kritik: Mindmoon - In deiner Augenfarbe möcht ich ein T-Shirt haben

#1

Beitrag von Lennart » Sa 18. Mär 2006, 17:30

Mindmoon, das waren Oliver Lehne und Ingo Leder. Heute ist es nur noch Oliver Lehne, aber die ursprüngliche Besetzung erklärt eindeutig, warum auf dem Plattencover von „In deiner Augenfarbe möcht ich gern ein T-Shirt haben“ zwei Gitarren auf Stühlen vor einer Kerze sitzen. Tatsächlich hört man auf dem Album durchgehend zwei Gitarren und dazu Oliver Lehnes Stimme. Eine minimalistische Besetzung für ein maximal(atmo)sphärisches Album.

Trackliste:
01. Anschauen und gehen
02. Kein Schritt
03. Schöner irgendwie
04. Wie du doch auch
05. Biegen bis zum Bruch
06. Gestern raus
07. Wenn ich sie anschau
08. Die Schönste
09. Dimensionen
10. Wir verstehen uns
11. Liegen bleiben
12. Buntes Grau
Das Artwork dieses Albums ist sehr schlicht gehalten. Ein dunkler, warmer Orangeton stellt die Grundfarbe aller Booklet- und Inlayseiten. Das 16-seitige Booklet enthält alle Texte, jeden einzeln auf einer Seite, geschrieben in Gedichtform und durchweg in Kleinbuchstaben. Leider allerdings mit etlichen Rechtschreibfehlern durchsetzt, was den Spaß am Lyrik lesen deutlich mindert. Trotzdem wirkt die Aufmachung dieser CD sehr hochwertig, abgesehen von dem einfarbig bedruckten eigentlichen Tonträger, der nicht so recht ins Gesamtbild des wertigen passen will.
Die Platte beginnt. Bereits die ersten Töne offenbaren eine ruhige Stimmung. „Anschauen und Gehen“ heißt der erste Titel. Er handelt von einer verflossenen Liebe, ein lebensgleich dahinfließendes Gitarrenpattern unterstreicht den Fluss der Zeit. Olivers Stimme strahlt gleichermaßen Ruhe und Sehnsucht aus. Es scheint als sei das Leben in seinem Fluss sehr eintönig und ohne große Aufreger. Trotz des potenziell schmalzgefährdeten Themas ergibt er sich aber in schöner Lyrik und geschickter Wortwahl. Allerdings habe ich nicht verstanden, was die Refrainzeile „Es ist wie mit dem Anschauen und dem Auseinandergehen?“ aussagen soll. Für mich ist dieses Stück nicht gerade ein idealer Opener für eine Platte.
Wenn der CD-Player zum nächsten Titel übergeht, so geschieht das fast unmerklich. „Kein Schritt“ empfängt seinen Hörer mit einer ähnlichen Grundstimmung wie das vorangegangene Lied. Ein bisschen mehr Kontrast in der Titelfolge ist mir im Allgemeinen lieber. Besonders gut gefällt mir die eher ungewöhnliche Melodieführung im Refrain, die sich in einer sehr schönen Zweistimmigkeit unisono mit den Gitarren ergießt. Dieses Lied gewinnt deutlich an den sehr gut arrangierten zwei Gitarren.
Weg von gezupften, hin zu ein paar eher sanft, aber immerhin geschlagenen Gitarren gibt „Schöner irgendwie“ vom Start weg langsam aber sicher ein kleines Moment an Tempo und Dynamik in die Platte. Die Gitarren verwinden sich in einem schönen drei gegen zwei. Endlich findet sich in ein klarer C-Teil in der Komposition. Und so könnte „Schöner irgendwie“ fast ein persönliches Lieblingslied der Scheibe werden. Dazu trägt auch die klarere Lyrik bei, die einen Appell an den Menschen, er möge sich öffnen, transportiert. Dummerweise erschöpft sich der Text aber in wenigen Zeilen, so dass der Song irgendwie künstlich gedehnt wirkt.
„Wie ein Kompliment für ein Kompliment wobei man keine Worte nennt und auch nicht braucht“, so singt es Oliver Lehne lebensklug und wortgewandt. Das lyrische Ich vergleicht sich mit dem Zuhörer. Der Glaube an eine gemeinsame Idee, ein gemeinsames Wissen wird beschworen. In aller Kürze und inhaltlich auf den Punkt gebracht ist dieses Lied zwar schnell vorbei, teilt dadurch aber eben auch nicht die Schwäche des vorangegangenen. Bis hier hin ist es mein Favorit.
„Biegen bis zum Bruch“ ist ein weiser Titel. „Ihr könnt mich nicht formen, aber biegen bis zum Bruch“ ist die Kernaussage dieses gesellschaftskritischen Liedes. Seine Form schmeichelt meinen Ohren, die Kritik umgeht die Gefahr abgeschmackt oder überheblich zu klingen gekonnt. Doch wie schon bei „Schöner irgendwie“ fehlt mir ein wenig Text. Wie komprimiert darf Liedlyrik sein? Wie muss das Verhältnis zwischen Text und Songstruktur bei solcher Musik sein? Ich weiß es nicht. Aber auch hier scheint mir zuviel Musik für zuwenig Inhalt wiederholt worden zu sein.
„Ich seh noch heut von gestern aus“, so beginnt „Gestern raus“ Die Strophen beginnen ihre Zeilen in einem vereinnahmenden ich-du-wir-Schema. Mindmoon versucht hier ein Gemeinschaftsgefühl zwischen sich und dem (Hör-)Publikum aufzubauen. Klar, das tut er auch. Und wenn wir uns den ersten Satz angucken fällt ja auch schon die wunderbare Doppeldeutigkeit auf. Ein Typ der „von gestern aus[-sieht]“ kann veralteten Ideen nachhängen, er kann sich aber auch einfach heute morgen nicht gewaschen haben. Hier geht es wohl eher darum, dass man an alte Ideen glauben kann und darf, dass sie nicht schlechter als neue sein müssen. Eine Zugfahrt durch die weiße norddeutsche Winterlandschaft und der Sound dieses Songs passen sehr gut zusammen. Ein Hauch von Melancholie umweht mich. Und ich denke: „Oliver hat recht.“ Ein langer Instrumentalteil transportiert die Wehmut mit der man seinen Ideen nachtrauern kann. Gleichzeitig fordert der Text aber dazu auf seine Ideale nicht zu verkaufen. Und er macht Mut. Wir können es schaffen wenn wir nicht einfach so kapitulieren. Das so viel Ruhe wie sie diese Musik ausstrahlt so viel Kraft und zersetzerische Energie freisetzen könnte hätte ich bislang nicht für möglich gehalten. Schade nur, dass Oli nach dem Instrumentalteil unbedingt das letzte Wort haben muss. Das ist meines Erachtens unnötig.
„Wenn ich sie anschau“ ist ein herrliches direktes und doch poetisches Liebeslied. Wobei der schmale Grad zum Kitsch nicht überschritten wird. Besser anhören als drüber lesen.
Wenn diese Platte eine Single-Auskoppelung bräuchte, dann wählte ich „Die Schönste“. Ein tolles Lied, mit verhältnismäßig viel „Hitpotenzial“. (Wobei ich nicht unterstellen möchte, dass die Charttauglichkeit eines Liedes etwas über seine Qualität aussagt oder Oliver etwas bedeutet.) Eine Prinzessin die in ihrem Zimmer sitzen bleibt, ihren Palast nie verlässt, weil es sie stört von der ganzen Welt beachtet, bemerkt und begehrt zu werden. Das könnte ein modernes Märchen sein. „Und die Schönste geht nicht aus. | Sie sitzt ganz allein zu Haus. | Ihr Augen schönt der Regen. | Und die Schönste weiß nicht wie, | Keiner sehnt so groß wie sie | Nach einem anderen Leben.“ Schade dass diese Schönste nur den Schönsten will. Das enttäuscht meinen Märchenwunsch dann doch zutiefst. Andernfalls hätte ich ja noch die Hoffnung hegen können eines Tages die Seelenschönste aus ihrem Dornröschenschloss zu holen.
Interessante harmonische Wendungen und rhythmische Changes die voll auf die Sprache ausgerichtet sind, das ist die Stärke von „Dimensionen“. Überraschen kann Mindmoon hier auch mit seiner Stimme, die neben ihrem normalen warmen Timbre, welches man schon die ganzen acht vorangegangenen Lieder zu hören bekommen hat, auch mal in die Höhe geht, ich glaube es ist sogar seine Kopfstimme die mir hier einen kleinen Schauer über den Rücken streichen lässt. Und dann noch ein (auf der Scheibe im Allgemeinen seltenes) sanftes Vibrato. Herrlich, danke. Inhaltlich beschäftigt sich „Dimensionen“ mit den vielen Facetten, die Gefühle haben können, wie viele Abstufungen sie beinhalten.
Und dann auch noch ein Instrumentaloutro mit perfekt produzierten Saitenrutschern. Klasse Lied.
Verglichen mit den vorangegangenen musikalischen Hoffnungsträgern ist „Wir verstehen uns“ fast schon ein düsteres Lied. Selbstreflektierend spricht das lyrische Ich den Hörer an: „Glaubst Du eigentlich auch ... ?“ Die Frage sollte man öfter mal stellen, dann wüsste man vielleicht eher woran man bei sich und anderen ist.
Die Bedürfnisse Allein sein und Menschen treffen stehen in einem Widerspruch zueinander, müssen aber beide ausgelebt und anerkannt werden. Beides ist richtig. Und „Liegen bleiben“ stellt das klar. Schade, dass es hier manchmal scheint, als sei die Wortwahl primär aus klanglichen als aus lyrischen Gründen geschehen. Entweder ist das ein Manko dieses Liedes oder aber ich bin nicht in der Lage den Text zu verstehen.
Bereits das Intro von „Buntes Grau“ glänzt mit sogenannten krummen Takten und angenehm irren Taktwechseln. Oft ist dann die Gefahr, das die entstehende Musik ruckelig klingt. Aber das hier ist trotzdem flüssig und organisch, fast selbstverständlich. (So eine hohe Qualität krummer Takte habe ich bisher nur bei Sting gehört.) Über diesen musikalischen Strom legt sich die unaufgeregte Gesangsmelodie. Selten war Musik rhythmisch so sehr der Sprache unterworfen. Wenn man Musiker ist, dann kann es einem allerdings passieren, dass man den Song sehr oft hören muss, bis man seinen Fokus von den vertrackten Rhythmen lösen und den Inhalt verfolgen kann. Und dann stellt man fest, dass die Reime im Refrain ein bisschen nach einer Sammlung aus dem Reimwörterbuch klingen. Schade. Da hatte ich mir mehr erhofft. Kurz vor Schluss der Platte dann plötzlich eine (die erste) Generalpause. Das komplizierte rhythmische Gebilde löst sich für das Outro in Weichspüler auf und heraus kommt ein gefälliger 4/4-Takt der uns nach Hause schaukelt.
„In deiner Augenfarbe möcht ich gern ein T-Shirt haben“ ist keine Platte für jeden Tag. Aber es gibt im Leben eines jeden Menschen Momente in denen diese Platte goldrichtig ist. Sauwetter vor der Tür, das eigene Gemüt am Abgrund zum Tal der Depressionen? Dann eine Kerze, ein Glas Wein und die beruhigend gleichförmig dahinplätschernden Klangbäche von Mindmoon. Seelenmedizin ohne Risiken und Nebenwirkungen, frei von Kitsch und voller Klugheit. Und über die kleinen Schwächen des Albums kann man wohlwollend, wie über die Macken der besten Freunde hinwegsehen.
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