Musikschule - staatlich versus privat versus staatlich?

Der Musikmarkt in Deutschland ist im Wandel und das hat Auswirkungen auf alle Künstler/innen in allen Bereichen.
Diskutiere mit uns über die richtigen Wege und falsche Entwicklungen. Was sollte sich ändern, was darf sich nicht ändern? Welche Rolle spielen wir Konsumenten? Was kann die Politik tun?

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Piet
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Musikschule - staatlich versus privat versus staatlich?

#1

Beitrag von Piet » Mi 1. Jun 2005, 23:26

Liebe Diana,
ich habe, dein Einverständnis vorausgesetzt, meine Antwort auf deinen letzten Beitrag aus dem Bodo Wartke Forum in dieses Forum verlegt. Wollte eigentlich erst gar keinen Beitrag mehr schreiben, weil eine ausufernde Diskussion über private oder staatliche Musikschulen im Wartke Forum ein bisschen deplaziert gewesen wäre.
Hier nochmal der Link zum Bodo Wartke Thread Klassische Musik
Piet:
Da ich auch noch selbst in einer öffentlichen Institution arbeite, ist es mir natürlich leichter gefallen, positiv über eine solche zu urteilen.
Diana:
Wenn du selber in einer staatlichen Einrichtung arbeitest, ist es kein Wunder, dass du da so hinterstehst, und vielleicht ist das in Bremen auch alles nicht so verkrustet wie in Berlin.


Meine Bemerkung, die Deiner Erwiderung vorausging, war eigentlich nicht so ernst gemeint. Ich bin nämlich auch, wie jeder andere Einwohner dieses Landes, Kunde bei öffentlichen Institutionen. Und nur weil ich auch bei einer arbeite, heißt das zumindest für mich nicht unbedingt, dass ich alles toll finden muss.
Aber die ökonomischen Zwänge eines privaten Unternehmens bergen nicht nur Chancen in sich, sondern können auch ein Hindernis sein, um eine gute Arbeit zu leisten.
Da würde ich doch jetzt aber zu gerne wissen, wie du das meinst...

Du kannst bestimmt aus eigener Erfahrung beurteilen, wie schwer es ist, ein Unternehmen zu Gründen und am „Laufen“ zu halten. Du wirst mir vielleicht zustimmen, dass bestimmte äußere Bedingungen, die auf ein Unternehmen einwirken, Einfluss auf die Arbeit in dem Unternehmen haben können. Positiven oder Negativen. Nicht mehr und nicht weniger wollte ich sagen. Ich kann ein privates auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtetes Unternehmen gut oder schlecht führen. Ich kann das, was von außen auf das Unternehmen einwirkt, als Verantwortlicher positiv oder negativ für das Unternehmen wenden.
Eine sozusagen per se in die Wiege eines Unternehmens gelegte und für immer praktizierte engagierte Mitarbeit oder Motivation der Mitarbeiter, nur weil das Unternehmen privatwirtschaftlich organisiert ist, gibt es meiner Meinung nach nicht.

Private Musikschulen sind Unternehmen der freien Wirtschaft, d.h. sie sind auf Wachstum orientiert - eine "Warteliste" wäre daher völliger Blödsinn, genauso wie das Fehlen jeglichen Services nebst Kundenfreundlichkeit - da schneidet man sich ja ins eigene Fleisch.

Gerade mit dem Wachstum bei privaten Unternehmen ist das so eine Sache. Wenn ein Unternehmen erfolgreich ist und zu schnell wächst, kann es zu „Reibungsverlusten“ kommen. Die „unternehmenden“ müssen Entscheidungen treffen. Wie viele neue Musiklehrer stelle ich ein, finde ich schnell genug geeignete neue Kräfte? Diese neuen Lehrer müssen schnell ins neue Team integriert werden etc. Ich „konstruiere“ ein bisschen, obwohl ich von der eigentlichen Materie in deinem konkreten Arbeitsfeld nichts verstehe. Aber eins weiß ich sicher und das ist dir natürlich auch klar: private Unternehmen sind kein Selbstläufer!
Warum Kürzungen bei öffentlichen Unternehmen Auswirkungen auf die Arbeit haben sollen, bei privaten Unternehmen wirtschaftliche Zwänge (und rentabel muss so ein Unternehmen ja wohl arbeiten und das ist eben gar nicht so einfach) keine negativen Auswirkungen auf Motivation und Engagement haben können, kann ich nicht nachvollziehen.
Mit "Beamten" meinte ich übrigens auch nicht unbedingt Leute, die tatsächlich welche sind, sondern eher diese Beamten-Mentalität, die dahintersteckt. Ich denke, dass einfach das Engagement bei den Privaten ein anderes, und ja, ein stärkeres ist als bei einem Verwaltungsangestellten. Was natürlich niemals für ALLE gilt. Wie immer.

Kaum zu glauben: Ich kenne viele engagierte, hoch motivierte Kollegen im öffentlichen Dienst. Und auch unter den „richtigen“ Beamten gibt es solche (und das behaupte ich, obwohl ich nicht zu dieser Statusgruppe gehöre). Es gibt sicher auch eine Reihe von frustrierten Kollegen in öffentlichen Dienststellen und Unternehmen. Aber gibt es die in Privatunternehmen etwa nicht?
Was mich auch ärgert, ist die Tatsache, dass in staatlichen Musikschulen in der Regel nicht auf die Alternative von privaten hingewiesen wird, wenn die Interessenten auf Wartelisten gesetzt werden. Sollte es denn nicht in allererster Linie Aufgabe und Interesse der Mitarbeiter dort sein, dafür zu sorgen, dass die Kinder möglichst bald Unterricht erhalten können? Für eine staatliche Einrichtung, die ohnehin nicht wirtschaftlich arbeitet, sind wir doch gar keine "Konkurrenz".

Ich würde auf Alternativen hinweisen und würde sogar soweit gehen, dass, wenn ein Schüler in einer städtischen Musikschule nicht „seinen geeigneten Lehrer“ findet, ich ihm eine private Musikschule empfehlen würde, weil sie vielleicht aus meiner Sicht einen geeigneten Schwerpunkt hat oder es dort einen Lehrer gibt, der zu dem Schüler „passt“.
Bist Du sicher, dass alle Kollegen in den privaten Schulen, wenn das Anforderungsprofil den Bedürfnissen nicht entspricht, Schüler zu einer anderen privaten Musikschule vermitteln würden?
Ich kann dir versichern, dass die Qualität unseres Unterrichts ganz bestimmt nicht unter der Tatsache leidet, dass wir keinerlei Zuschüsse aus Steuergeldern erhalten. Im Gegenteil, die Motivation in einem Team, das sich mit seinem kleinen Unternehmen identifiziert, ist ausgesprochen förderlich.

Das glaube ich dir ohne weiteres und ist aus meiner Sicht kein Widerspruch zum von mir vorher erwähnten. Ich habe mir vor ein paar Wochen Eure Homepage angesehen. Wenn Eure Schule in Bremen angesiedelt wäre und ich Musikunterricht nehmen wollte, wäre Euer kleines Unternehmen bestimmt eine Adresse, bei der ichMusikunterricht nehmen würde.
Ich behaupte einfach abschließend trotzdem mal ganz frech, dass die Qualität des Unterrichts einer staatlichen Musikschule nicht darunter leidet, dass sie aus Steuergeldern finanziert wird.
Das Ziel einer kommunalen Förderung der Musikschulen soll breiten Bevölkerungskreisen eine musikalische Ausbildung ermöglichen.
Ich will eigentlich gar nicht tiefer in die Berliner Verhältnisse eintauchen. Ich kenne auch die Bremer Verhältnisse (und damit meine ich Hintergründe) in Bezug auf die Musikschule nicht. Außer aus der Sicht eines Kunden. Ich habe mir trotzdem mal die Homepage einer der „vielen“ staatlichen Musikschulen in Berlin angesehen. Wenn ich auf der Homepage der Leo-Borchard-Musikschule lese, dass dort 6000!!! Schüler betreut werden, dann graust es mich einerseits (das muss man erstmal händeln), andererseits wird aber auch eine gewisse Leistung deutlich, die dieses staatliche Unternehmen erbringt.
Ich glaube das die Mehrheit der in diesen Musikschulen tätigen Kollegen bemüht sind, das Beste für Ihre Schüler zu erreichen. Diesen Willen (das Beste für ihre Schüler erreichen zu wollen) würde ich auch bei der Mehrheit der Kollegen in den privaten Musikschulen voraussetzen.
Liebe Grüße
Piet
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