Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

*DER SINN DER POLITIK IST FREIHEIT
Das Leben ist immer ein Leben mit anderen. Der Mensch ist ein „zoon politikon“, ein „staatsentwickelndes Tier“, wie Aristoteles formulierte. Er bedarf zu seiner Vervollkommnung der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Die Frage ist nicht, wie uns heute im Zeitalter des begrenzungslosen Individualismus (und Egoismus) eingehämmert wird: Wie soll ich leben? Sondern: Wie sollen wir leben? - und darüber kann in diesem Forum diskutiert werden!

*Quelle: Webseite Akademischer Verein Kyffhäuser e.V. | Foto © by Pixabay.com
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Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#1

Beitrag von migoe » So 14. Okt 2018, 20:49

Um 18 Uhr wurden die Wahllokale in Bayern geschlossen und die ersten Prognosen wurden veröffentlicht. Nach zwei Stunden hat sich das (für mich leider) erwartete Ergebnis ziemlich eindeutig gefestigt und ich bin ratlos, weil ich mich frage:

Wie um Himmels Willen konnte es soweit kommen?

Was genau ich meine? Ich bin einfach nur ratlos darüber, wie es in unserem Bundesland dazu kommen konnte, dass eine rechtsradikale Partei wie die AfD +/- 10% der abgegebenen Stimmen bekommt.
landtagswahl2018bayern_zdf.jpg
Was sind die Motive für Bürger, die für so eine Partei ihre Stimme hergeben? Protest ist legitim und deshalb überrascht mich nicht das Ergebnis für die Freien Wähler und die Grünen - und dass die Parteien, die im Bund regieren, gleichermaßen einen herben Stimmenverlust verzeichnen müssen, ist zwar vor allem für die SPD in Bayern sehr bitter, aber auch das überrascht mich persönlich nicht. Gegen was genau protestiert jemand, der sein Kreuz bei der AfD macht? Gegen Europa? Gegen Gleichberechtigung? Gegen Migration? Gegen die Medien?

Bin ich zu naiv und privilegiert, um das zu verstehen?

Ich werde mir in den nächsten Tagen anschauen, wie in meiner "Umgebung" gewählt wurde und befürchte, auch hier in dieser kleinen beschaulichen Stadt in Westmittelfranken, gabe es Menschen, die eine so menschenverachtende und rechtsradikale Partei wie die AfD gewählt haben - dafür muss es mehr Erklärungen geben, wie "Protest".

Klar, es wurde kein "Sieg" auf ganzer Linie und im Vorfeld hatte es schon schlimmer ausgeschaut, aber trotzdem ist es ein schlimmes Signal und eine katastrophale Entwicklung, weil diese Partei jetzt schon in fast allen Landesparlamenten ihr geistiges Gift versprüht.

Das war KEIN guter Tag für Bayern!
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#2

Beitrag von Helmut » Mo 15. Okt 2018, 09:35

Ja, wie konnte es so weit kommen?

Ich kann mal aus eigener Erfahrung von den Infoständen berichten:

Da kommt ein Passant und erzählt dir, dass er früher immer SPD gewählt habe. Und dann rechnet er Hartz 4 herunter und vergleicht es mit einem Flüchtling. Der nächste ehemalige SPD-ler rechnet Hartz 4 (mit einer 5-köpfigen Familie und diversen Zuschüssen) hoch und vergleicht es mit einem Facharbeiter. Und beide machen die SPD für die vermeintliche Ungerechtigkeit verantwortlich. Beide sind gegen Argumente resistent und beide -und das ist das Verrückte- glauben sich von der AfD besser vertreten.

Ein anderer Aspekt: in der SPD waren in den letzten Jahrzehnten 2 "Fraktionen" bestimmend, ich nenn sie mal Klassenkämpfer und Lehrer. Den "verkopfte" Lehrern waren so Themen wie Solidarität, Gleichstellung der Frau und Umwelt wichtig. Die Klassenkämpfer kamen eher aus der Gewerkschaftsecke und wollten eher eine Politik, die ihnen persönlich nutzt. Die einen wählen jetzt die Grünen, die anderen die extremen Parteien am rechten oder linken Rand.

Noch ein persönlicher Eindruck, den ich hier mal formulieren will: ich schau relativ viel Kabarett. Beim manchen Sendungen (speziell bei der Anstalt) sag ich mir nach dem Abschalten, wenn ich die ganze Kritik ernst nehme, bleibt eigentlich nur Linke oder AfD.

Übrigens, die freien Wähler halte ich für einen heterogenen Haufen, von denen jeder in seiner Inkompetenz unter seinem häufig zitierten gesunden Menschenverstand etwas anderes versteht. Genau das richtige Stimmvieh für Söder.

:teufel:
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Skywise
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#3

Beitrag von Skywise » Mo 15. Okt 2018, 10:58

migoe hat geschrieben:
So 14. Okt 2018, 20:49
Was sind die Motive für Bürger, die für so eine Partei ihre Stimme hergeben? Protest ist legitim und deshalb überrascht mich nicht das Ergebnis für die Freien Wähler und die Grünen - und dass die Parteien, die im Bund regieren, gleichermaßen einen herben Stimmenverlust verzeichnen müssen, ist zwar vor allem für die SPD in Bayern sehr bitter, aber auch das überrascht mich persönlich nicht. Gegen was genau protestiert jemand, der sein Kreuz bei der AfD macht? Gegen Europa? Gegen Gleichberechtigung? Gegen Migration? Gegen die Medien?
Na ja, also ein paar Gruppen kann man wahrscheinlich recht schnell benennen:
- mental verrottete Lebewesen gibt's offenkundig auch im Bayernland.
- so ziemlich der einzige halbwegs konsequent durchdachte Punkt im gesamten Wahlprogramm der AfD ist die Wirtschaftspolitik, die ich noch den Zeiten von Herrn Lucke zuschreibe. Ein paar wohlhabende Leute oder Arbeitgeber, die sich von der AfD deutlich größere Vorteile versprechen als von der FDP (weil - welche FDP?, die fanden ja praktisch während des Wahlkampfs nur auf der Witzseite statt), dürften wahrscheinlich auch ihr Kreuzchen an jener Stelle gesetzt haben.
- ein paar denk- und/oder lesefaule Menschen, die allen Ernstes immer noch glauben, nur weil hier als einziges "Alternative" drauf steht, sei auch die einzige Alternative drin. Was in etwa so ist, als würde man glauben, die CSU habe etwas mit dem Christentum zu tun ... Ich find's erschreckend, wie viele Leute in Online-Kommentaren allen Ernstes behauptet haben, bei CSU, SPD, Freie Wähler, Grünen oder FDP handele es sich im Gegensatz zur AfD um "konservative Parteien". Mag an mir liegen, aber eine Partei, die Frauen strategisch den Weg in einen Beruf verbaut, eher das traditionelle Weltbild von der vielköpfigen Familie ausruft, die auch noch Oma und Opa pflegt, die an anderer Stelle gegen Homosexuelle gewettert hat, die im Kern den Sozialstaat aushöhlen, Mutter Natur zum Deubel schicken, den Medien einen Maulkorb verpassen sowie gleichzeitig die Vorurteile gegenüber Ausländern befeuern und ein Exportland wie Deutschland einigeln möchte, würde ich nicht unbedingt als "progressiv" bezeichnen.

Ein paar Gruppen machen es einem aber auch etwas schwerer, daher folgt hier der Spekulatius:
- Herr Seehofer hätte sich besser überlegt, zu welchem Thema er das Maul aufmacht. Der Versuch, der AfD die Wählerschaft streitig zu machen, indem er plötzlich ähnliche Töne anschlägt, ist meines Erachtens voll nach hinten losgegangen. Es hätte so viele Themen gegeben, die er hätte beackern können, zu denen sich die AfD nicht äußern kann, und in denen er hätte punkten können, stattdessen hat er ihr mehr oder weniger in die Karten gespielt. Auch hier erschreckend, wie schnell sich alternative Fakten im Internet verbreiten, die die Panikmache vor dem Schwarzen Mann auch noch stützen. Wenn man sagt, daß die meisten Verbrechen in Deutschland immer noch von Deutschen begangen werden (in der letzten Kriminalstatistik lag der Anteil der Verbrechen, die von Zugezogenen begangen wurden, bei 4,8 %), so daß eine Konzentration auf Bekämpfung der Ausländerkriminalität so ziemlich 95 % aller begangenen Verbrechen plötzlich bagatellisiert, kriegt man auch bei Belegen zur Fakten im Internet einen Gegenwind, der schon nicht mehr schön ist.
- Ich halte es darüber hinaus für ein gigantisches Problem, daß viele Leute nicht mit ihrem eigenen Staat oder den Aufgaben innerhalb einer Demokratie vertraut sind. Das gilt erstens für die Zuständigkeit von Bundes-, Landes- und Kommmunalpolitik - Frau Merkel scheint für ALLES verantwortlich zu sein und demzufolge auf ALLES eine Antwort wissen zu müssen, die regionale Politik oder die jeweilige Verwaltungsebene wird völlig ausgeblendet -, zweitens läuft's mir eiskalt den Rücken runter, wenn Menschen nach einer direkten Demokratie verlangen, aber gleichzeitig ihrer Holschuld nicht nachkommen und sich darüber informieren, was gerade auf welcher Ebene, in welchem Gremium politisches Thema ist und wie darüber diskutiert wird. "Die sitzen nur da und drehen Däumchen" höre oder lese ich häufiger, oder "Die reden an unseren Belangen vorbei". Ein Blick in die Sitzungspläne des Bundestags oder die Protokolle dazu zeigt mir aber tatsächlich das Gegenteil - es wird nur nicht wahrgenommen, daß da einige wichtige Entscheidungen getroffen werden (nicht nur, klar. Nicht immer für die gleiche Bevölkerungsgruppe, klar. Aber halt auch). Würden sich mehr Leute dafür interessieren, sähe die Stimmenverteilung ganz anders aus, da bin ich mir sicher. "Da kommt endlich frischer Wind in den Landtag" habe ich oft gelesen, wenn dort die AfD eingezogen ist. Nur - das tut er eben nicht. "Die treiben die Etablierte vor sich her", heißt es. Wo denn genau? Wenn ich mir die Ergebnisse der AfD-Aktivitäten in verschiedenen Landtagen so anschaue und Rückmeldungen aus Kommunen bekomme, schaut das Bild eher so aus, daß die AfD fast durchgängig auf Konfrontation statt auf Kooperation setzt. Heißt, es wird alles angeprangert, was die Regierung durchsetzen will. Anträge oder Anfragen der AfD bremsen eher die Politik aus als daß sie sie befeuern, zumal sie oft genug nicht das eigentliche Thema betreffen, sondern Nebenkriegsschauplätze, oder - bei Anträgen - bereits von anderen Fraktionen bereits eingebracht wurden, wenn auch mit anderen Begründungen, un im weiteren Verlauf abgelehnt wurden. Die positiven Ergebnisse, die die AfD in Landtagen erreicht hat - mir fällt kein einziges Beispiel ein, und die AfD sitzt nicht erst seit gestern in einem Landtag. Fragt man die Leute danach, die sich zur AfD bekennen, kommt auch eher heiße Luft als konkrete Beispiele. Im Extremfall bekommt man zu hören, daß die AfD doch so lange nichts erreichen kann und die Regierungsversager nicht mit guten Vorschlägen stützen will, solange sie nicht selbst an der Macht sitzt, aber wenn das erst mal der Fall ist, dann ..., was in meinen Augen zwar eine brandgefährliche Einstellung ist, aber - ist halt eine ...
- Wer sich die Mühe gemacht hat, sich mit funktionsfähigem Hirn durch die 100 Seiten Wahlprogramm der AfD in Bayern durchzuarbeiten, wird etwas Bemerkenswertes festgestellt haben. Das Programm ist ja im Juni auf dem AfD-Parteitag durchgefallen. Danach wurde es wahrscheinlich nochmal mit heißer Nadel überarbeitet und schließlich vom AfD-Chef Herrn Sichert eigenmächtig veröffentlicht. Letzte Woche durfte ich noch der Süddeutschen entnehmen, daß AfD-Kandidat Dr. Gerhard Großkurth in einer internen AfD-Online-Diskussion offenkundig die Meinung vertrat, er "sehe [...] ein, dass es wohl besser ist, dieses [Programm] nicht unnötig unter die Leute zu bringen. Mit zunehmender Verbreitung steigt das Risiko, dass das jemand liest". Womit er zweifellos richtig liegt, denn das Programm ist extrem halbgar. Durchdacht sind zumindest in weiten Ansätzen die Wirtschaftspolitik, wobei hier zunehmend dran rumgedoktort wird, so daß andere Passagen desselben Wahlprogramm diesen Absichten entgegenstehen. Das ist in anderen Bereichen ebenfalls der Fall, meint: hier treffen einige sich widersprechende Ansichten aufeinander. Nüchtern betrachtet ist das Wahlprogramm in dieser Ausprägung meiner Ansicht nach das erste schriftlich fixierte Pendant zur Sprachregelung der AfD, die zunächst eine sehr radikale Äußerung in die Weltgeschichte trägt, dadurch Aufmerksamkeit erregt, nur damit die AfD später wieder zurückrudern kann ("Das haben wir soo nie gesagt" oder "Da sind wir falsch zitiert worden" oder "Das wurde aus dem Zusammenhang gerissen"). Der Vorteil der Sprachregelung: durch radikale Äußerungen gewinnt man die Zustimmung radikaler Gruppen. Durch das Zurückrudern gewinnt man die Zustimmung gemäßigter Gruppen. In diesem Wahlprogramm kollidieren die gemäßigten mit den radikalen Ansichten und die unterschiedlichen Vorstellungen von einer deutschen Zukunft. Im wesentlichen halte ich die AfD nach Lektüre des Wahlprogramms für eine völlig zersplitterte Partei, geeint nur durch die Ablehnung der "Etablierten" und der "Ausländer", die an allem die Schuld tragen. Kennen wir ja von früher, da waren die Juden bekanntlich auch an allem schuld. Sobald es auch nur einen Schritt in die Richtung einer Zukunftsgestaltung geht, fangen die Widersprüche an, und das sind keine kleinen ... Nicht, daß ich glaube, die AfD stünde vor einer massiven Krise, so naiv bin ich leider nicht. Aber ich halte sie nach wie vor für eine gigantische, unberechenbare Wundertüte. Ich glaube, daß die AfD mit ihrem Wahlprogramm, so sich das jemand außer mir angetan hat, einige Leute auf ihre Seite ziehen konnte, die zum Schluß gekommen sind "so schlimm sind die doch gar nicht".
- Was ich so gelesen habe in den letzten Wochen, hat mir auch zu denken gegeben. Herr Sichert hat sich in die Presse gestellt und schon von 20 % in Bayern für seine Partei orakelt. Damit lag er ein bißchen daneben. Seien wir froh drum. Nur - er lag nicht völlig daneben, denn tatsächlich hat die AfD in einigen Regionen bemerkenswerte Ergebnisse geholt. Ich gehe davon aus, daß die AfD hier einen - organisatorisch betrachtet - wirklich guten Wahlkampf geleistet hat, indem sie vor Ort war und mit Menschen diskutiert hat. Die Präsenz vor Ort dürfte der AfD einige Bonuspunkte eingebracht haben. Wenn ich jetzt mal eine Parallele ziehe: in den letzten Jahren haben Rechtsrock-Konzerte wieder Konjunktur, gerade in Thüringen und Sachsen gibt es einzelne Veranstaltungsorte, die mittlerweile schon fast Tradition haben. In der Folge haben sich einige Ansichten der dortigen Bevölkerung verschoben. Daß an diesen Orten natürlich entsprechende Gegendemonstrationen stattfinden, ist eigentlich abzusehen. Mittlerweile gelten diese Linken in einigen jener Orten eher als Störfaktor als die dort feiernden Rechten.
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War's nicht. Und es wird auch nicht wesentlich besser werden, wenn ich mir die jüngsten Äußerungen der Herren Söder und Seehofer so anhöre. Ich will hoffen, daß sie eher bereit sind, aus der Niederlange ihre Lehren zu ziehen, als sie im Augenblick zu erkennen geben ...

:blabla:

Gruß
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#4

Beitrag von fille » Mo 15. Okt 2018, 17:37

Na ja, wirklich überrascht war wohl niemand. Es war abzusehen.
Ich persönlich war sogar erleichtert, weil die Prognosen ja teilweise bei 14 % für die AFD
waren. Wie Hr. Sichert auf 20 % gekommen ist, kann ich nicht nachvollziehen (wahrscheinlich
geträumt). Sie haben vorher eh' groß getönt, dass sie sich an keiner Regierung beteiligen.
Das können sie leicht sagen, weil sowieso keiner mit ihnen koalieren wird.

Ende Oktober wird diese Partei in allen deutschen Landtagen vertreten sein...Warum?
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass alle ihre Wähler ihr Programm gelesen haben. Bei Punkten
wie Erleichterung von Waffenbesitz oder eine Plattforum im Internet, damit Schüler ihre
Lehrer denunzieren können, würde ich mir am liebsten den Finger in den Hals stecken.

Aber: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Und die Hoffnung, dass sie in fünf Jahren wieder
in der Versenkung verschwinden, stirbt zuletzt. Ich glaube, es hängt sehr stark davon ab,
was in Berlin bis dahin passiert ist.

Eine kleine Anekdote zum Schluss. Im Radio Bayern 2 hat Barbara Stamm schmunzelnd erzählt,
dass sie den Wahl-o-Mat durchgespielt hat. Und siehe da - die SPD kam raus :-)
Was sie wohl gewählt hat?

Liebe Grüße, Marianne
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#5

Beitrag von migoe » Di 16. Okt 2018, 08:19

Hallo Marianne,
Eine kleine Anekdote zum Schluss. Im Radio Bayern 2 hat Barbara Stamm schmunzelnd erzählt,
dass sie den Wahl-o-Mat durchgespielt hat. Und siehe da - die SPD kam raus :-)
wenn Du schon den Wahl-O-Mat erwähnst: ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, denen es gut tun würde, diesen Service vor einer Wahl zu nutzen, um abzugleichen, ob die eigenen Vorstellungen und Einstellungen, sich mit den Programmen der Parteien überschneiden bzw. decken.

Wer dann AfD wählt, weil der Wahl-O-Mat diese Partei als ersten Vorschlag ausgibt, dann kann man getrost und selbstsicher auf der Straße gehen und seine Nazi-Gesinnung selbstbewusst zur Schau stellen, wie einige das ja tatsächlich tun - und braucht sich nicht hinter der Fassade des "besorgten Bürgers" verstecken.

Ich gehe davon aus, dass alle Bürger sich Sorgen um die Zukunft/Wirtschaft/Kinder/Gesellschaft machen, auch die, welche nicht "rechts" wählen.
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#6

Beitrag von Michael » Di 16. Okt 2018, 14:04

migoe hat geschrieben:
Di 16. Okt 2018, 08:19

wenn Du schon den Wahl-O-Mat erwähnst: ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, denen es gut tun würde, diesen Service vor einer Wahl zu nutzen


Also, ich weiß ja nicht, ich hab's in Hessen gemacht und es kam die Veganer-Partei raus :-?

Gruß, Michael
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Und vielleicht gibt es morgen ja schon den Crash,
dass die Kurse und Masken fallen.
Also laßt uns freuen und träumen davon,
wie die Racheposaunen erschallen.
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#7

Beitrag von Carsten K » Di 16. Okt 2018, 22:54

Hhm, das Thema geht mir seit Sonntagabend (natürlich) durch den Kopf, aber gestern und heute morgen noch war dieses Forum (zum wiederholten Mal) aus technischen Gründen (für mich) nicht abrufbar, obwohl mich brennend interessiert hätte, was andere Forums-Mitglieder (besonders die aus Bayern) darüber denken, und natürlich habe ich auch meine eigene Meinung dazu, die ich gern früher geäußert hätte... :pfeifen:

Aber gut, dann du ich es jetzt.
- Dass die CSU ihre absolute Mehrheit verloren hat, also nicht mehr behaupten kann Bayern=CSU, finde ich gut.
- Dass die GRÜNEN mit ihren Themen in Bayern (nicht gerade ihr klassisches Stammland) so stark geworden sind und offenbar viele WählerInnen, die eigentlich nicht zu ihrem Klientel gehören, ansprechen konnten, finde ich auch gut.
- Dass die FREIEN WÄHLER viele frustrierte CSU-AnhängerInnen für sich gewinnen konnten, die ansonsten vielleicht AfD gewählt hätten, finde ich auch gut, auch wenn ihre (vermutlich) künftige Regierungsbeteiligung natürlich bedeutet, es wird sich grundsätzlich nicht wirklich was verändern in Bayern, außer vielleicht 1-2 Linienbusse mehr im ländlichen Raum, was ja auch schon ein Fortschritt wäre...
- Dass es die AfD zweistellig ins Parlament geschafft hat, ist natürlich entsetzlich, kommt aber auch nicht wirklich überraschend. Immerhin muss niemand in die Verlegenheit kommen, mit denen zu kooperieren oder gar zu koalieren. Sie können ihr rassistisches Geplärre jetzt öffentlich in einem weiteren Parlament absondern (was jetzt ihr demokratisches Recht ist), aber sie werden sich dabei ebenso bloßstellen und als Keine-Ahnung-Haber von relevanten Themen outen, ebebenso wie ihre NPD-/DVU-/Republikaker-/Schill-Partei-Vorgänger in mehreren Landesparlamenten... Hoffe ich, die Hoffnung stirbt zuletzt... :blabla:
- Dass die SPD sich seit der Schröder-Ära selbst vernichtet und unter die 5%-Hürde zu driften droht, ich hoffe, dass sie das begreift, bevor es zu spät ist, denn sie würde tatsächlich fehlen. Aber ihre potentiellen WählerInnen glauben offenbar gar nichts mehr, wenn irgendwelche schönen Absichtserklärungen abgesondert werden... :-(
- Die FDP... Gut sie hat es knapp geschafft, Glückwunsch! Aber sonst interessiert sich wahrscheinlich auch niemand dafür, oder?
- Die Linke kommt weiterhin in Bayern nicht vor, aber damit musste sie ja auch vorher schon leben...
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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#8

Beitrag von Westwind » Mi 17. Okt 2018, 00:05

Also, daß die CSU die absolute Mehrheit verliert (ich glaube zum zweiten Mal nach 2008, lasse mich da aber gerne korrigieren) und nicht mehr alleine regieren darf, empfinde ich prinzipiell jetzt nicht unbedingt als demokratischen Rückschritt. Daß die AFD nun in den Landtag eingezogen ist und trotz 5%-Hürde immer mehr Parteien in die Parlamente gewählt werden, allerdings schon.

Aus meiner Sicht findet doch politische Kompromissbereitschaft nur noch in den Koalitionsgesprächen statt. Ansonsten sehe ich doch überwiegend nur Machtspielchen und Profilierungsversuche auf Kosten gerade willkommender politischer Gegner (notfalls auch in den eigenen Reihen). Parlamente und Ausschüsse sind (auch aus meiner Sicht von außen) doch nur noch Institutionen, um die eigenen Machtspielchen zu spielen, politische oder persönliche Gegner niederzumachen, Lobbyarbeit zu verrichten (auch in eigener Sache) und sich und seine Partei-"Freunde" in möglichst gutes Licht zu rücken bzw. die eigenen persönlichen Ziele zu verfolgen. Eine Absicht, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, auch mit konträren Meinungen und demzufolge auch mit Kompromissen, finde ich nur in Koalitionsgesprächen. Und selbst dazu sind manchen Politiker wie Christian Lindner ab einem gewissen Punkt nicht mehr bereit.

Mir graut vor den Landtagswahlen nächstes Jahr in Sachsen. Bei der letzten Bundestagswahl hatte die AFD die meisten Zweitstimmen. Dagegen ist das, was jetzt in Bayern passierte, wirklich noch nicht kritisch oder dramatisch. Aber wenn in Sachsen die AFD stärkste Kraft werden sollte, mache ich mir echt Sorgen.

Daß immer mehr Parteien in die Parlamente kommen, halte ich auch für äußerst beängstigend. Dies erinnert an Zeiten der Weimarer Republik mit instabilen Regierungen. Geschichte scheint sich wirklich immer und immer wieder zu wiederholen und die Menschheit scheint nichts aus den Fehlern vorangegangener Generationen zu lernen :-(.

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Re: Landtagswahl in Bayern: Wie konnte es nur soweit kommen?

#9

Beitrag von fille » Mi 17. Okt 2018, 17:58

Carsten K hat geschrieben:
Di 16. Okt 2018, 22:54
außer vielleicht 1-2 Linienbusse mehr im ländlichen Raum, was ja auch schon ein Fortschritt wäre...
Hallo Carschti,

ja klar, wenn es genutzt wird...

Ein ganz wichtiger Punkt für den Wahlkampf in Bayern war aber die 3. Startbahn. Und die Freien Wähler wollen
(wie die Grünen) keine 3. Startbahn. Das ist auch Bedingung für die Koalitionsgespräche. Nicht umsonst haben sie
im Bezirk Freising 17 % bekommen. Ob sie ihr Versprechen halten können, werden wir sehen.

Ein anderer wichtiger Punkt: Sie wollen die Hebammen stärken und sind gegen die Schließung von
Krankenhäusern. Das ist wirklich sehr wichtig. Stellt euch vor: In meiner Geburtsstadt Weilheim Obb.
(eine Kreisstadt im 22.300 Einwohnern mit großem Einzugsgebiert), gibt es keine Geburtenstation mehr.
Ein unhaltbarer Zustand und ein Armutszeugnis ohne gleichen.

Das sind jetzt nur zwei Punkte. Ich denke die 3. Startbahn hat die Menschen noch mehr bewegt, wie
die Probleme der Hebammen. Ich persönlich finde eine gute Versorgung für Mütter und Neugeborene
zwar wichtiger. Aber die meisten (und auch wir) wollen keine 3. Startbahn. CSU und FDP sind dafür.

Hier haben sogar Leute Plakate in ihrem Garten aufgestellt, mit dem Slogan: "Keine 3. Startbahn, lasst
euch Bayern nicht versödern".

Dass es die AfD zweistellig ins Parlament geschafft hat
10,2 % - aber knapp zweistellig ist auch zweistellig.
Liebe Grüße, Marianne

Nachtrag: Ich habe nochmal darüber nachgedacht. Die 3. Startbahn ist natürlich nicht in
ganz Bayern ein Thema. Ein Würzburger, Rothenburger ;-) oder Weidener wird sich nicht
so sehr damit beschäftigen, wie ein Freisinger, Dachauer oder Landshuter. Trotzdem ein
wichtiges Thema. Freie Wähler und Grüne hat das Stimmen gebracht, der SPD hat es
nichts genützt.
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