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Helmut
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#141

Beitrag von Helmut » Do 19. Apr 2018, 22:08

Lieber Gerd,
ich kann allem, was du geschriebenem, hast zustimmen. Wenn aber eines unserer Themen "so bin ich eben" heißt, dann muss ich nachfragen, ob das für das entsprechende Lied auch gilt.
Nicole hat meine Nachfrage erwartet und, wir müssen unser Programm nicht umwerfen, meine Einschätzung war richtig.
Jedenfalls, ich freu mich auf Nicole und ich glaube (oder hoffe), ein Wohnzimmer voll Leute tut das auch.
Gruß vom Inn
Helmut


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Carsten K
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#142

Beitrag von Carsten K » Fr 20. Apr 2018, 00:00

Liebe Nicole,
ich nehme an, Du meinst dieses Biermann-"Hurenlied", das mir jedenfalls bei Deinem Posting gleich in den Sinn kam, das ich 1986(?) live von Wolf Biermann hören durfte, und das mir sehr gut gefiel und gefällt. Die Version seiner Tochter Marie von Aber Küssen habe ich gerade eben erst gehört, auch sehr schön, zumal sie von Siegfried Gerlich auf dem Klavier begleitet wird, aber das ist eine andere Geschichte... ;-)
Wenn Marie Biermann, den Text in Ich-Form gesungen hatte, lautete er in etwa so:
"Ich schaffe an auf'm Autostrich am Fischmarkt in Altona
Ich frier' mir die nackten Äpfel ab im eisigen Janua'
Ich schaffe an auf'm Autostrich und spare mir Stück für Stück
Die Kohle zusammen für später, das goldene Eheglück
Kalt knarrt das Knie, wenn der Westwind weht
Aber dafür stinkt auch der Fisch
Nicht ganz so doll wenn ein Freier winkt
Die sind ja so wählerisch
Die woll'n ne Prinzessin mit Jungfernhaut
Für lumpige dreißig Mark
Die stehlen mir deine kostbare Zeit
Und quasseln mir Seelenquark
Die schlimmsten Schweine kommen mir mit
Moral: "Sie keuchen, mein Kind!
Verkauf sich nicht auf dem Fischmarkt,
Wo die Schweine auf Achse sind!"
Ja, da so'n Typ in seinem klapp'rigen Ford
Oder'n Geizkragen fett im Benz
Sie knall'n ihre Knüppel in zweiten Gang
Als wären es ihre Schwänz
Tja, ihre Notdurft verrichten sie
Sie schlagen ihr'n Samen ab
Und wer mal da war, der hält sein' Schwanz
Nicht mehr für ein' Zauberstab
Ich kleines Mädchen für wenig Geld
Ob sie clean sind oder breit
Ich weiß genau, was Liebe ist
Ich weiß im Leben Bescheid
Ich finger den Herrn die Hosen auf
Und habe ne Engelsgeduld
Wenn wer ein verrücktes Extra braucht
Es ist ja nicht seine Schuld
Ich mache für Geld die Beine auf
Aber niemals mein Menschengesicht
Ich mache des Herrn wohl dies und das
Aber Küssen? Das gibt es nicht!"
Nur wenig umgetextet, aber vorgestellt, Marie Biermann würde den Text so in Ich-Form präsentieren, würde ihr ernsthaft irgendwer unterstellen, am Fischmarkt in Altona auf dem Autostrich anschaffen zu gehen? Doch wohl eher nicht, oder?
Liedtexte in Ich-Form sind selbstverständlich nicht die eigene Biografie (mein Name ist übrigens auch nicht "Matula"), und ob ein Lied in Ich-Form geschrieben wurde oder nicht, ist bestimmt kein "Qualitäts-Kriterium" eines Songs... Überhaupt, wer bestimmt eigentlich bei einem Lied über dessen "Qualität"? Verkaufzahlen, Klicks im Internet, die Meinung von MusikkritikerInnen oder Jury-Mitgliedern bei irgendwelchen Wettbewerben? Das wiederum wäre wiederum ein anderes Thema...
Liebe Grüße
cARSCHti



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#143

Beitrag von Nicky » Fr 20. Apr 2018, 06:48

ich nehme an, Du meinst dieses Biermann-"Hurenlied", das mir jedenfalls bei Deinem Posting gleich in den Sinn kam, 

ja auch. das ist aber nur eins von vielen. :-)
ich hatte mal das vergnügen einen ganzen abend lang marie biermann mit den huren- und hafenliedern zu erleben. und obwohl ich natürlich weiss, dass das nicht ihre geschichten sind, bringt sie die lieder doch sehr authentisch rüber. (auch) ;-) das talent hab ich leider nicht.
ich glaube, die "problematik" des ver-oder erkennens von wahrheit oder dichtung liegt eher in den texten, die man dem betreffenden interpreten auch im wahren leben zutrauen würde. vermutlich auch ohne "ich-form"
liebe grüsse.
nicole


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#144

Beitrag von Nicky » Mo 23. Apr 2018, 16:21

Ihr Lieben,
nachfolgend noch ein Lied zum ein bisschen drüber nachdenken.....
Kennt ihr das auch? Man weiss, dass man etwas schon ne Weile lang falsch macht, und macht es trotzdem. Dann gibt es sowas wie einen Warnschuss. Man gelobt Besserung und machts dann gleich wieder falsch......Gewohnheit kann manchmal ganz schön gemein sein......
In meinem Job begegnet mir das fast täglich.....in meinen Familien und Freundeskreis auch...... und wenn ich genau drüber nachdenke...... mach ich´s selber nicht besser... ;-)
Alles Liebe
Nicole
Schuss vorn Bug
du gehst zu tisch mit den kollegen wie immer hektisch keine zeit
verdrängst seit stunden schon das stechen in deinem linken oberleib
denn schließlich muss die marge stimmen das geld ist dir am meisten wert
machst alles um es zu verdienen und fleiss hat sich da stets bewährt
doch dann beginnst du zu verstehen als der infarkt dich nieder streckt
du fährst mit blaulicht und sirenen und dein gesicht ist schweiß bedeckt
und nach dem schreck und ein paar tagen verlässt du wieder die station
hast noch mal Glück gehabt dein leben wird weitergehn, du freust dich schon
doch kannst du nicht sehr viel draus lernen denn im büro geht es hoch her
bist wieder mittendrin im treiben und du machst weiter wie bisher
und niemand wird’s dir jemals danken ein meeting hier ein meeting dort
verpasst dabei dein neues leben viel druck und stress alles sofort
schuss vorn bug
es bleibt alles wie es war
schuss vorn bug
doch es wär noch abwendbar
schuss vorn bug
ganz nah ist schon die gefahr
schuss vorn bug
ist noch immer umkehrbar
schuss vorn Bug
schuss vorn bug
du fühlst dich krank seit ein paar wochen du hustest jabst und schnappst nach luft
das röntgenbild zeigt einen schatten dein atem riecht schon leicht nach gruft
du glaubst vorbei ist schon dein leben die lunge hat jetzt schlapp gemacht
verzeiht dir nicht die zigaretten und manche durchgezechte nacht
dann die OP und therapien mit strahlen chemo und noch mehr
du kannst den krebs dann doch besiegen bist dankbar liebst dein leben sehr
doch jetzt soll alles anders werden du willst gesund sein ab sofort
willst nur gesundes jetzt noch essen bewegung und du träumst von sport
doch dann zuhause angekommen machst du dir eine kippe an
verfällst in alte rituale der cognac zieht dich in den bann
und als man dich drauf angesprochen wie unvernünftig du doch bist
man gönnt sich sonst ja nichts im leben nur deine kurze antwort ist
Refrain:
du merkst am frühstückstisch benommen dass etwas mit dir heut nicht stimmt
verwaschen klingt grad deine sprache und die bewegung unbestimmt
und du bestellst den rettungswagen und fährst damit ins krankenhaus
du hoffst, es ist dir noch zu helfen und du kommst heil hier wieder raus
du willst noch deine träume leben und endlich wieder glücklich sein
vielleicht den mann und haus verlassen und nicht vom alltag müde sein
zum glück ist nichts zurück geblieben sagen die ärzte, dir wird klar
du bist nochmal davon gekommen es nur ein kleines schlägle war
da ist sie die ersehnte chance neu zu beginnen wie du willst
dein leben selber zu gestalten deine geheimen wünsche stillst
doch wieder in den alten wänden geht dir der mut dann plötzlich aus
du bleibst bei ihm und wirst es hassen noch jahrelang, tagein, tagaus
Refrain:
schuss vorn bug
diesmal war es nur der schreck
schuss vorn bug
beim nächsten schuss da bist du weg


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#145

Beitrag von Carsten K » Mo 23. Apr 2018, 23:22

Liebe Nicole,
Danke für den Liedtext! :-) Er spricht mir aus der Seele, tja, und auch aus der eigenen Lebenserfahrung. :gruebel:
Wär ich mal früher zum Arzt gegangen, die Signale hatte ich ja durchaus wahrgenommen, aber vorher, glaubte ich, musste ich noch das eine andere unglaublich Wichtige erledigen... Und dann eben der Schuss vor den Bug! Aber die Haltung hat sich danach, muss ich zugeben, nicht wirklich geändert... Bis zum nächsten Schuss, der dann vielleicht der letzte gewesen sein wird... :-(
Trotzdem hat dieser Schuss vor den Bug für mich auch noch einen anderen Aspekt, für mich persönlich, aber auch aus meiner beruflichen Sicht. Ich arbeite ja u. a. mit Menschen, die durch einen Unfall, einen Schlaganfall o. ä. eine Schädigung ihres Gehirns erlitten haben und dadurch "behindert" sind, das betreffende "Ereignis" für sie also auch ein Schuss vor den Bug war, für die das Leben aber nie wieder so sein wird wie vorher. Diese Menschen leiden natürlich darunter, aber die meisten sind eben auch unendlich froh, überhaupt noch am leben zu sein. Und sie sind sich erst durch diesen Schuss vor den Bug bewusst geworden, dass das Leben gar nicht so selbstverständlich ist, wie sie bis dahin vielleicht geglaubt hatten, sondern ein Glücksfall oder ein Geschenk, wenn man so will... Einer meiner Klienten, der monatelang im Koma gelegen hatte, sagte mir noch letzte Woche, er sei so unendlich froh, dass die Maschinen damals bei ihm nicht abgestellt worden seien. Heute, viele Jahre später, lebt er trotz seiner Behinderung ein vergleichsweise selbstbestimmtes Leben in seiner eigenen Wohnung. Ich bewundere ihn unendlich dafür, dass und wie er sich SEIN Leben zurückerkämpft hat. Und mit seiner Haltung, dies WERTZUSCHÄTZEN, statt sich über sein Schicksal zu beklagen (wozu er ja auch allen Grund hätte), ist er für mich auch eine Art Vorbild geworden, seit ich ihn kenne. Und vor knapp 3 Jahren, als es mir gesundheitlich überhaupt nicht gut ging, hat mir gerade SEINE Haltung viel Kraft gegeben...
Egal, wie gesund oder ungesund man lebt, das Leben ist nicht unendlich, jedenfalls nicht das irdische... Das Leben aber WERTSCHÄTZEN zu können, erhöht in meinen Augen deutlich die Lebensqualität, und so ein Schuss vor den Bug kann diese Wertschätzung des Lebens (wie lange es dauern mag oder nicht) manchmal auch befördern, und damit die Lebensqualität, auch wenn man eigenen vernünftigen Ansprüchen und guten Vorsätzen -zugegebenermaßen- vielleicht nicht immer gerecht werden mag...
Du siehst, Nicole, Dein Lied hat meine Gedanken angeregt, und ich nehme mal an, dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn auch andere hier Dein Lied zum Anlass nehmen, ihre Sicht zu diesem spannenden Thema zu schreiben. :-)
Liebe Grüße
cARSCHti


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#146

Beitrag von Clemens » Sa 28. Apr 2018, 13:18

Liebe Freunde,
zum einen bewegt mich das Thema "Schuss vor den Bug" sehr persönlich und sehr aktuell, zum andern bietet es mir die Möglichkeit Euch alle auf gleichen Wissensstand zu bringen. Letzteres erspart mir, wie ich hoffe, die Geschichte zig mal neu zu erörtern. Spätestens zum Liedertreffen, zu dem ich guten Mutes bin anreisen zu können, wäre das der Fall...
Urlaub bei Lucas auf Neuseeland. Auf dem Hinflug Beschwerden im vor 42 Jahren demolierten Sprunggelenk - dem Winter/Sommer Wechsel und Flug-zwangshaltung zugeschrieben. Immerhin saßen wir je 12 und 9 Stunden am Stück "Economy". Zwei wunderbare Tage in Singapure mit ein bisschen Hinken. Beim Weiterflug verstärken sich die Schmerzen. Lucas behandelt das Gelenk osteophatisch, das entspannt. Am nächsten Abend eine Infektion mit Allem drum und dran. Kreislauf auf 0,01 eitrige Nebenhöhlen, dann unerklärliche Zwerchfellschmerzen und Kurzatmigkeit. Diese (zum Glück leichte) Lungenembolie geht in der Erkältung unerkannt unter. Nach drei Tagen komme ich das erste Mal wieder auf die Beine, mache sogar mit den Anderen einen Halbtagesausflug. Es scheint langsam aufwärts zu gehen, wir unternehmen in Lucas freier Zeit gemeinsame Ausflüge. Bei einer Wanderung vertrete ich mir das besagte Sprunggelenk so massiv, dass zwei Tage lang gar nichts geht. Die beiden Rückflüge lassen den ohnehin dicken Fuß jeweils weiter anschwellen.
Sonntag abend zu Hause angekommen; 3 Wecker gestellt um Montag der erste beim Hausarzt zu sein. Von dort direkt an das "Universitätsklinikum" weitergelenkt.
Hammermeldung - extreme Thrombose in beiden Beinen mit zurückliegender Lungenembolie. Sofort riesiges Labor und EKG und... Die Ärzte nennen es ein Wunder, dass auf dem Rückweg keine weitere und wahrscheinlich endgültige Embolie aufgetreten ist. Ich darf jetzt gedulgig ambulant den Blutverdünner nehmen, die Kompressionsstrümpfe tragen und nicht zuletzt mir dankbar bewusst machen, dass es das durchaus hätte gewesen sein können...
Ich habe also - gut versteckt hinter erklärlichen Symptomen - eine Thrombose und folgend eine Lungenembolie (üb)erlebt. Die behandelnden Ärzte waren einhellig der Meinung, dass meine neue Chance einem Wunder geschuldet wäre. Nun habe ich ja, wie Ihr wisst, kein Problem dies auch an-zu-nehmen. Allerdings bin ich noch ziemlich erschüttert und gleichermaßen voll Dankbarkeit und Demut für diesen Zu-Fall.
Ich denke natürlich viel darüber nach, was ich versäumt hätte, wäre es anders gekommen. Mit "ganz anderen" Ohren habe ich mir Stephans aktuelle Lieder zu Gemüte geführt . Natürlich stelle ich mir auch die Frage, was ich denn von den gewonnenen Einsichten tatsächlich in andere Verhaltensweisen mitnehmen werde. Dazu müsste ich , ehrlich zu Ende gedacht, tatsächlich einige Dinge Grund-legend ändern. Den "Alten Adam" in uns kennen wir nur zu gut. Eigentlich hatte ich doch nie die Meinung, dass in meiner Art zu leben so viel schief läuft. Die Kinder sind wohl geraten und auf guten eigenen Wegen. Probleme in Ehe und Familie gibt es ja schließlich überall und nach Außen bilden wir doch, gemessen an Verwandten und Freunden, geradezu ein "Vorzeigemodell"...
Naja,vielleicht ist es ja gut mit den kleinen Schritten anzufangen...


...gebt mir einen Pass, wo „Erdenbewohner“ drin steht. Einfach nur „Erdenbewohner“ ... (Dota Kehr)
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Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#147

Beitrag von Helmut » Sa 28. Apr 2018, 16:39

Lieber Clemens
Dein Bericht hat mich erschreckt. Ich wünsch dir von Herzen alles Gute.
Helmut


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#148

Beitrag von Nicky » Sa 28. Apr 2018, 20:12

Ihr Lieben,
dass, was du Carschti über deinen Klienten schreibst, kenne ich auch von vielen Patienten. Situationen, bei denen ich denke, dass ich das nicht so durchstehen könnte und weitaus unzufriedener wäre. Aber die Patienten sind einfach nur dankbar, mit den Leben nochmal davon gekommen zu sein und das anzunehmen, was noch übrig geblieben ist. Da stockt selbst mir - die ich ja durch den Job einiges gewöhnt bin - manchmal der Atem und ich schäme mich ein bisschen wegen meiner eigenen Ansprüche an das Leben.
Andererseits........ denke ich auch nicht ganz so wie Clemens es formuliert hat
Eigentlich hatte ich doch nie die Meinung, dass in meiner Art zu leben so viel schief läuft. Die Kinder sind wohl geraten und auf guten eigenen Wegen. Probleme in Ehe und Familie gibt es ja schließlich überall und nach Außen bilden wir doch, gemessen an Verwandten und Freunden, geradezu ein "Vorzeigemodell"...

Ich habe doch nur dieses eine verdammt kurze Leben. Und in dem will ich richtig glücklich sein und nicht nur irgendwie zufrieden oder nur zufriedener als andere.
Was das glücklich sein angeht muß man natürlich auch Abstriche machen, wenn dass Leben einem ein paar Steine vor die Füsse wirft, keine Frage, kenne ich auch......aber die Stellschrauben, an denen ich selber drehen kann versuche ich zu drehen....... und die Stellschrauben, an denen ich wider besseren Wissens nicht drehe, über die ärgere ich mich dann richtig. ;-) ..... und gelobe Besserung ;-)
Clemens, ich wünsche dir weiter gute Besserung und gehe natürlich davon aus, das du selbstverständlich zum LT kommst. (Mein Angebot aus der PN steht ;-))
Liebe Grüße
Nicole


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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#149

Beitrag von Nicky » Do 7. Jun 2018, 18:50

Ihr Lieben,
anbei mal wieder ein Text von mir, bei dem ein Teil der Wahrheit entspricht und ein bisschen was dazu gedichtet wurde. Im Gespräch mit anderen kam die Diskussion auf, wer denn nun wirklich Schuld an solchen Amokläufen hat?
Ist die Waffenindustrie schuld? Oder der gemobbte Täter? Oder alle, die beim mobben mitgemacht haben? Oder die, die zugeguckt haben? Und ist ne doofe Kindheit immer eine Entschuldigung?
Wer ist hier Täter und wer Opfer? Und was macht man dann mit solchen Leuten?
Wenn ich ehrlich bin, bin ich noch immer dabei mir eine Meinung zu erarbeiten. Aber eure Meinung dazu würde mich schon sehr interessieren. :-)
Alles Liebe
Nicole


Opfer?
 
du warst ein dicker fastfood-junge, wie‘s ihn in jeder klasse gibt
warst geboren schon als opfer und auch ziemlich unbeliebt
sasst alleine auf dem schulhof und gesprochen hast du nie
warst im sport immer der letzte auch in mathe kein genie
 
du warst zwar da doch niemals richtig keinen hats´ je intressiert
was du machst in deiner freizeit warst allein und isoliert
mit stets muffeliger laune und nem teigigen gesicht
und den kleinen schweineaugen intressiertest du mich nicht
 
hab nie mehr an dich gedacht
keine gedanken mir gemacht
und hab dich auch niemals verlacht
doch auch nie zeit mit dir verbracht
 
nicht aus freundschaft eher aus mitleid gab ich dir mein freundebuch
gabst es mir auch bald schon wieder warst seit dem mein rotes tuch
denn du schriebst dort in die zeile wo dein hobby drin stehn soll
dass du gern mit waffen spielst und findest killerspiele toll
 
mir lief´s schaurig übern rücken als ich´s las im augenblick
fand dich freakig mehr als sonst noch und auch ziemlich gruselig
damals warst du erst 10 jahre und doch irgendwie verrückt
machtest angst mir auf dem schulhof hast dich übelst ausgedrückt
 
hab nie mehr an dich gedacht
keine gedanken mir gemacht
und hab dich auch niemals verlacht
doch auch nie zeit mit dir verbracht
 
nie hätt dich jemand angesprochen sich getraut dir nah zu sein
du warst unbeliebt bei allen unauffällig und auch klein
immer in der letzten reihe ohne freunde in der bank
warst verschlossen immer einsam und die schulzeit zog sich lang
 
fünfundzwanzig jahre später seh ich´s in der tagesschau
"mann dreht durch, erschiesst drei kinder und auch eine alte frau"
dann seh ich ihn eingeblendet unserern alten heimatort
aus der ferne und von hinten dann den mörder nach dem mord
 
ich hab sofort an dich gedacht
wurdest zu oft ausgelacht
hattest jetzt einmal die macht
und hast sie einfach umgebracht


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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#150

Beitrag von Gesch » Do 7. Jun 2018, 23:37

Liebe Nicole,
so ein Thema reizt mich immer, aber ich will keine lange Abhandlung verfassen.
Meine erste Reaktion besteht darin, dass ich es mir mit einer einfachen, direkten Schuldzuweisung an einen "bösen Buben mit einer Waffe", dem ein "guter Junge mit einer Waffe" hätte Einhalt bieten können, nicht zu einfach machen will. Ich mag einfach diejenigen, die die Bedingungen dafür gesetzt haben, dass dieser böse Bube eine Waffe in die Finger bekommen konnte, nicht voreilig freisprechen, nur weil sie nicht den Finger am Abzug hatten. Das soll die Tat des Schützen nicht entschuldigen, seine Schuld nicht mindern, aber ich will die Mitschuld anderer nicht verniedlichen.
Das mal so als eine erste Überlegung.
Herzlich
Gerd


Damit was geschieht, muss zunächst was passiern.
Muss man, eh sich was ändert, denn erst was verliern?
Eh man sich erholt, bleibt keine Zeit auszuruhn,
denn eh sich was tut, muss man selber was tun.


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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#151

Beitrag von Anja » Sa 9. Jun 2018, 11:21

Liebe Nicole, das ist wieder ein starker Text mit eingängigen und deutlichen Bildern, der gesungen auch bestimmt funktionieren würde. Aber so ganz "gefressen" hab ich ihn trotzdem nicht. Ich hab jetzt ne Weile darüber nachgedacht, woran das liegen könnte und ich glaub, dass es darin liegt, dass er mir zu eindimensional rüberkommt. Es sieht nach einer einfachen Formel aus: Kind-Außenseiter wird zu mordendem Erwachsenen und ich will nicht mal abstreiten, dass es das auch gibt. Aber trotzdem regt sich Widerspruch in mir. Der Kleine ist 10, morden tut er 25 Jahre später, also ist er dann 35. So schlimm eine Kindheit auch verlaufen mag, aber muss nicht auch irgendwann mal der Punkt kommen, an dem man seine eigenen Entscheidungen und Wege hinterfragt und die Verantwortung für das eigene Tun übernehmen muss? Es sei denn, jemand kann das psychisch/geistig nicht (mehr). Dazu noch die Killerspiel. Das wirkt auf mich, als würdest Du eine einfache Erklärung für eine komplexe Entwicklung geben wollen, die auch ganz anders hätte verlaufen können (und es unglaublich oft auch tut - Gott sei Dank gibt es viel weniger Mörder als gemobbte Außenseiter).
Ich glaub auch nicht, dass es Sinn macht, bei einem solchen Thema in der Kürze eines Liedes nach eindeutig Schuldigen zu suchen. Da spielen so viele Ebenen mit rein, dass man das wahrscheinlich niemals umfänglich schaffen wird. Oder man greift sich halt ein, zwei Schuldige raus und dann wirkt es schnell schwarz-weiß auf mich.
Ich glaub der Text würde mich mehr berühren, wenn er mir das Elend eines solchen Kindes zeigen würde. Und dazu bräuchte es nicht mal ein "Mord-Ende". Und damit würde er mich auch mehr hin zu meiner eigenen /zur gemeinschaftlichen Verantwortung führen, die Ausgangssituation verändern zu wollen.



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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#152

Beitrag von Anja » Sa 9. Jun 2018, 11:31

Hm... hab grad mal noch einen Artikel zur Amokforschung rausgesucht, den ich vor einiger Zeit gelesen hab:
https://www.br.de/themen/wissen/amok-am ... he100.html
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang folgendes:
"Amoktäter wurden vor der Tat häufig nicht mehr gemobbt und sozial ausgegrenzt als andere. Nur ein Viertel der Täter sah sich als Einzelgänger, bald die Hälfte von ihnen hatte durchaus Freunde. Die Untersuchungen ergaben, dass die Täter nicht mehr oder weniger gemobbt wurden, als es - leider - an deutschen Schulen üblich ist. "
Ich hoff, das ist jetzt nicht schon zu sehr off-topic.
Liebe Grüße, Anja



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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#153

Beitrag von amori » Sa 9. Jun 2018, 14:52

Moin Nicky,

da hier ja eine Diskussion an die Gänge kommt, habe ich auch noch etwas Senf dazu zu geben.

Vorweg: Ich bewundere jeden, der einen Songtext auf die Reihe bekommt. Du weisst ja, ich bin eine Freundin der Kurzlyrik, dazu noch total unmusikalisch. Ich schaffe es einfach nicht, einen kompletten Song zu stricken.

Ich bin hier ganz bei Anja. Der Text hat mich inhaltlich nicht sehr berührt. Warum nicht? Hauptsächlich, weil ich nach der zweiten Zeile schon das Ende erahnte.

Versmaß, Rhythmus, Reime passen, gegen das Thema an sich ist auch nichts einzuwenden. Ich würde mir wünschen, dass du auf jeden Fall dran bleibst und vielleicht nur den Blickwinkel veränderst:

Ich könnte mir einen Jungen vorstellen, der seine Schulzeit 'normal' durchlebt. Aber unauffällig, still und leise. Der jedoch nie wirklich 'gesehen' wird und sich nun Gedanken über einen Amoklauf macht - ohne ihn jedoch auszuführen.
Dann ginge der Text weniger um die Gewalt an sich, sondern um die innere Zerrissenheit, die dazu führen könnte...oder so?

Wäre das vielleicht eine Anregung?
Hej, Baby! Du kannst es!


Ich habe eine Lösung, aber sie passt nicht zum Problem...
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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#154

Beitrag von Carsten K » So 10. Jun 2018, 00:43

Liebe Nicole,
ich habe Deinen Beitrag hier schon vor Tagen lesen, aber nicht darauf antworten können, weil ich nicht in der Lage warm mich hier einzuloggen. Jetzt hat es dank Hilfe von außen endlich geklappt (Danke nochmal! :-), und jetzt kommt auch die Antwort, denn gerade Beiträge wie Deine, wie dieser, machen es für mich attraktiv, mich auch weiterhin an diesem neuen Forum zu beteiligen.
Amokläufe allein dadurch zu erklären, dass der Amokläufer in seiner Kindheit/Jugend gemobbt wurden, finde ich, ehrlich gesagt, auch etwas verkürzt. Dass jemand gemobbt wurde (durch Lehrer, Mitschüler oder andere), kennen wir wahrscheinlich alle aus unserer eigenen Schulzeit. Mobbing gehört auch an zahreichen Arbeitsplätzen zum Alltag, ganz zu schweigen, was in Familien hinter verschlossenen Türen alles passiert. Wer gemobbt wurde oder wird, ist in meinen Augen immer Opfer des Mobbings, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen o. ä. sind häufig die Folgen. Und klar, Mobbing-Opfer können natürlich auch zu Tätern werden, vermutlich häufig, indem sie dann andere mobben, die ihnen noch schwächer und angreifbarer erscheinen, als sie sich selbst vorkommen.
Das ist "Alltag", davon könnten wir wahrscheinlich alle Geschichten erzählen, und ich finde es auch gut und richtig, dass zu diesem Thema Lieder wie Deines, Nicole, geschrieben werden, damit davon nicht nur erzählt werden könnte sondern auch wird, damit dieses wichtige, aber leider oftmals totgeschwiegene Thema eine Öffentlichkeit bekommt, ohne dass in der Tagesschau oder anderen Nachrichten darüber berichtet wird.
In die Nachrichten schaffen es jedoch meistens nur Amokläufe, Terroranschläge, Lustmorde an Minderjährigen o. ä., alles was Quote bringt, was möglichst grausam ist, was aber auch möglichst weit weg vom Konsumenten ist. Die ausführliche Berichterstattung über die Vergewaltigung einer 14jährigen wird gern genommen, aber wenn die 14jährige vielleicht die eigene Tochter, Enkelin, Schwester oder Freundin war, oder Vergewaltiger und Mörder vielleicht der eigene Sohn, Enkel, Bruder, Freund oder einfach nur ehemaliger Mitschüler ist, dann möchte damit als solcher Medienkonsument lieber nicht so gern konfrontiert werden, weil man sich dann natürlich automatisch auch fragt: WAS HABE ICH SELBST DAMIT ZU TUN?
Vermutlich nichts, aber genau diese Frage stellst Du, Nicole, und das ist Stärke Deines Liedtexts, weil er schreckliche Ereignisse, von denen man nur von außen erfährt (Tagesschau, Nachrichten) in einen persönlichen Zusammenhang stellt. Was hätte ich tun können, um schreckliche Ereignisse möglicherweise zu verhindern?
LG Carsten


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Re: Eure Lieder und die Geschichten dahinter

#155

Beitrag von Nicky » So 10. Jun 2018, 11:27

Ihr Lieben,

was freu ich mich über eure Gedanken zu dem Thema und eure Kritik :-) Danke :-)
Jede Kritik bringt mich ein Stück weiter und ich bin froh, Leute um mich herum zu wissen, mich dabei zu unterstützen immer mal ein bisschen besser zu werden. :-)

Obwohl ich mir noch immer keine abschließende Meinung zu dem Thema gebildet habe, (ich weiß auch nicht, ob es jemals dazu kommen wird) stimme ich doch mit vielen eurer Einwände überein. Natürlich wird nicht jeder, der auf Waffen steht zum Mörder und auch nicht jeder, der gemobbt wird. Und eine schwierige Kindheit kann und darf nicht Grund für jeden Mist sein.

„Ich glaub der Text würde mich mehr berühren, wenn er mir das Elend eines solchen Kindes zeigen würde. Und dazu bräuchte es nicht mal ein "Mord-Ende".“


Über das Elend solcher Kinder habe ich schon mal ein ähnliches Lied geschrieben (Kleine Chance) und mittlerweile ist seit diesem Lied soviel passiert, dass ich dabei bin eine Fortsetzung dazu zu schreiben. Da gibt es dann zwar auch kein Mord-Ende, aber solche Kindheiten enden meistens doch immer ähnlich...... Schade eigentlich....

Ich bin hier ganz bei Anja. Der Text hat mich inhaltlich nicht sehr berührt. Warum nicht? Hauptsächlich, weil ich nach der zweiten Zeile schon das Ende erahnte.

Ich mag Überraschungen am Ende des Liedes auch immer gerne. (Deswegen mag ich auch gute Krimi´s) ;-) Aber es gelingt mir leider nicht bei jedem Lied. Aber du hast recht, es ist schon ein wenig plakativ geschrieben. Aber manchmal ist das Leben so ;-)

Vermutlich nichts, aber genau diese Frage stellst Du, Nicole, und das ist Stärke Deines Liedtexts, weil er schreckliche Ereignisse, von denen man nur von außen erfährt (Tagesschau, Nachrichten) in einen persönlichen Zusammenhang stellt. Was hätte ich tun können, um schreckliche Ereignisse möglicherweise zu verhindern?

Das ist der Hauptgrund, weshalb ich an dem Text an sich auch nichts verändern will.
Am Anfang hatte ich geschrieben, dass ein Teil des Textes wahr ist. Aber wenn ich genau drüber nachdenke, ist der komplette Text wahr. (Außer der Teil mit den Killerspielen, denn die gab es in meiner Kindheit glücklicherweise nicht. Amiga und Commodore waren da noch nicht soweit;-))

Dieser Junge in meiner Klasse war genau so wie beschrieben. Ich denke, dass er niemals ernsthaft Gebrauch von seiner Waffensammlung gemacht hat. Ich habe in der Tat niemals an ihn zurück gedacht, wenn ich an meine Schulzeit denke. Aber trotzdem ist er halt der erste, der mir einfällt, wenn ich in den Nachrichten irgendetwas von einer Gewalttat in NRW höre. Komisch. Vermutlich tu ich ihm jedesmal Unrecht, weil er vielleicht mittlerweile eine Familie gegründet hat „normal“ geworden ist und nicht mehr der verschrobene Typ von damals ist.

Es ist vermutlich so wie bei Nachrichten über Flugzeugabstürze, wo ich als erstes überlege, wo mein Vater gerade steckt, weil er sein Leben lang ein beruflicher Vielflieger war......obwohl er jetzt schon seit Jahren in Rente ist....

Nein er hat vermutlich niemanden umgebracht........aber er bleibt der erste, an den ich denke, wenn ich solche Nachrichten höre......somit ist der Text doch seeeeehr nah an der Wahrheit.....

Nochmal ganz lieben Dank, dass ihr eure Meinungen dazu mit mir geteilt habt :-)
Alles Liebe
Nicole


...sag nichts, ich seh's dir an, Kinder erkennen sich am Gang...

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